4054
Wald und Höhle.
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Faust allein.
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Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
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Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
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Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
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Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
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Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
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Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
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Vergönnest mir in ihre tiefe Brust,
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Wie in den Busen eines Freund's, zu schauen.
4064
Du führst die Reihe der Lebendigen
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Vor mir vorbey, und lehrst mich meine Brüder
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Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
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Und wenn der Sturm im Walde braus't und knarrt,
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Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste
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Und Nachbarstämme, quetschend, nieder streift,
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Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert;
4071
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
4072
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
4073
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
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Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
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Besänftigend herüber; schweben mir
4076
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch,
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Der Vorwelt silberne Gestalten auf,
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Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
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O daß dem Menschen nichts Vollkomm'nes wird,
4080
Empfind' ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
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Die mich den Göttern nah' und näher bringt,
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Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
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Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
4084
Mich vor mir selbst erniedrigt, und zu Nichts,
4085
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
4086
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
4087
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
4088
So tauml' ich von Begierde zu Genuß,
4089
Und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde.
4090
Mephistopheles tritt auf.
4091
Mephistopheles.
4092
Habt ihr nun bald das Leben g'nug geführt?
4093
Wie kann's euch in die Länge freuen?
4094
Es ist wohl gut, daß man's einmal probirt;
4095
Dann aber wieder zu was neuen!
4096
Faust.
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Ich wollt', du hättest mehr zu thun,
4098
Als mich am guten Tag zu plagen.
4099
Mephistopheles.
4100
Nun nun! ich laß' dich gerne ruhn,
4101
Du darfst mir's nicht im Ernste sagen.
4102
An dir Gesellen unhold, barsch und toll,
4103
Ist wahrlich wenig zu verlieren.
4104
Den ganzen Tag hat man die Hände voll!
4105
Was ihm gefällt und was man lassen soll,
4106
Kann man dem Herrn nie an der Nase spüren.
4107
Faust.
4108
Das ist so just der rechte Ton!
4109
Er will noch Dank, daß er mich ennüyirt.
4110
Mephistopheles.
4111
Wie hätt'st du, armer Erdensohn,
4112
Dein Leben ohne mich geführt?
4113
Vom Kribskrabs der Imagination
4114
Hab' ich dich doch auf Zeiten lang curirt;
4115
Und wär' ich nicht, so wär'st du schon
4116
Von diesem Erdball abspazirt.
4117
Was hast du da in Höhlen, Felsenritzen
4118
Dich wie ein Schuhu zu versitzen?
4119
Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein,
4120
Wie eine Kröte, Nahrung ein?
4121
Ein schöner, süßer Zeitvertreib!
4122
Dir steckt der Doctor noch im Leib.
4123
Faust.
4124
Verstehst du, was für neue Lebenskraft
4125
Mir dieser Wandel in der Oede schafft?
4126
Ja, würdest du es ahnden können,
4127
Du wärest Teufel g'nug mein Glück mir nicht zu gönnen.
4128
Mephistopheles.
4129
Ein überirdisches Vergnügen!
4130
In Nacht und Thau auf den Gebirgen liegen,
4131
Und Erd und Himmel wonniglich umfassen,
4132
Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,
4133
Der Erde Mark mit Ahndungsdrang durchwühlen,
4134
Alle sechs Tagewerk' im Busen fühlen,
4135
In stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen,
4136
Bald liebewonniglich in alles überfließen,
4137
Verschwunden ganz der Erdensohn,
4138
Und dann die hohe Intuition --
4139
(Mit einer Geberde.)
4140
Ich darf nicht sagen wie -- zu schließen.
4141
Faust.
4142
Pfuy über dich!
4143
Mephistopheles.
4144
Das will euch nicht behagen;
4145
Ihr habt das Recht gesittet pfuy zu sagen.
4146
Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen,
4147
Was keusche Herzen nicht entbehren können.
4148
Und kurz und gut, ich gönn' Ihm das Vergnügen,
4149
Gelegentlich sich etwas vorzulügen;
4150
Doch lange hält Er das nicht aus.
4151
Du bist schon wieder abgetrieben,
4152
Und, währt es länger, aufgerieben
4153
In Tollheit oder Angst und Graus.
4154
Genug damit! dein Liebchen sitzt dadrinne,
4155
Und alles wird ihr eng' und trüb'.
4156
Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne,
4157
Sie hat dich übermächtig lieb.
4158
Erst kam deine Liebeswuth übergeflossen,
4159
Wie vom geschmolznen Schnee ein Bächlein übersteigt;
4160
Du hast sie ihr in's Herz gegossen,
4161
Nun ist dein Bächlein wieder seicht.
4162
Mich dünkt, anstatt in Wäldern zu thronen,
4163
Ließ es dem großen Herren gut,
4164
Das arme affenjunge Blut
4165
Für seine Liebe zu belohnen.
4166
Die Zeit wird ihr erbärmlich lang;
4167
Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn
4168
Ueber die alte Stadtmauer hin.
4169
Wenn ich ein Vöglein wär'! so geht ihr Gesang
4170
Tagelang, halbe Nächte lang.
4171
Einmal ist sie munter, meist betrübt,
4172
Einmal recht ausgeweint,
4173
Dann wieder ruhig, wie's scheint,
4174
Und immer verliebt.
4175
Faust.
4176
Schlange! Schlange!
4177
Mephistopheles für sich.
4178
Gelt! daß ich dich fange!
4179
Faust.
4180
Verruchter! hebe dich von hinnen,
4181
Und nenne nicht das schöne Weib!
4182
Bring' die Begier zu ihrem süßen Leib
4183
Nicht wieder vor die halb verrückten Sinnen!
4184
Mephistopheles.
4185
Was soll es denn? Sie meint, du seyst entfloh'n,
4186
Und halb und halb bist du es schon.
4187
Faust.
4188
Ich bin ihr nah', und wär' ich noch so fern,
4189
Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren;
4190
Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn,
4191
Wenn ihre Lippen ihn indeß berühren.
4192
Mephistopheles.
4193
Gar wohl, mein Freund! Ich hab' euch oft beneidet
4194
Um's Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.
4195
Faust.
4196
Entfliehe, Kuppler!
4197
Mephistopheles.
4198
Schön! Ihr schimpft und ich muß lachen.
4199
Der Gott, der Bub' und Mädchen schuf,
4200
Erkannte gleich den edelsten Beruf,
4201
Auch selbst Gelegenheit zu machen.
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Nur fort, es ist ein großer Jammer!
4203
Ihr sollt in eures Liebchens Kammer,
4204
Nicht etwa in den Tod.
4205
Faust.
4206
Was ist die Himmelsfreud' in ihren Armen?
4207
Laß mich an ihrer Brust erwarmen!
4208
Fühl' ich nicht immer ihre Noth?
4209
Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehaus'te?
4210
Der Unmensch ohne Zweck und Ruh?
4211
Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen braus'te
4212
Begierig wüthend nach dem Abgrund zu.
4213
Und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen,
4214
Im Hüttchen auf dem kleinen Alpenfeld,
4215
Und all ihr häusliches Beginnen
4216
Umfangen in der kleinen Welt.
4217
Und ich, der Gottverhaßte, hatte nicht genug,
4218
Daß ich die Felsen faßte
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Und sie zu Trümmern schlug!
4220
Sie, ihren Frieden mußt' ich untergraben!
4221
Du, Hölle, mußtest dieses Opfer haben!
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Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkürzen,
4223
Was muß geschehn, mag's gleich geschehn!
4224
Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen
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Und sie mit mir zu Grunde gehn!
4226
Mephistopheles.
4227
Wie's wieder siedet, wieder glüht!
4228
Geh' ein und tröste sie, du Thor!
4229
Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht,
4230
Stellt er sich gleich das Ende vor.
4231
Es lebe wer sich tapfer hält!
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Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt.
4233
Nichts abgeschmackters find' ich auf der Welt,
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Als einen Teufel der verzweifelt.
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