1330
Studirzimmer.
1331
Faust mit dem Pudel hereintretend.
1332
Verlassen hab' ich Feld und Auen,
1333
Die eine tiefe Nacht bedeckt,
1334
Mit ahndungsvollem heil'gem Grauen
1335
In uns die bessre Seele weckt.
1336
Entschlafen sind nun wilde Triebe,
1337
Mit jedem ungestümen Thun;
1338
Es reget sich die Menschenliebe,
1339
Die Liebe Gottes regt sich nun.
1340
Sey ruhig Pudel! renne nicht hin und wieder!
1341
An der Schwelle was schnoperst du hier?
1342
Lege dich hinter den Ofen nieder,
1343
Mein bestes Kissen geb' ich dir.
1344
Wie du draußen auf dem bergigen Wege,
1345
Durch Rennen und Springen, ergetzt uns hast,
1346
So nimm nun auch von mir die Pflege,
1347
Als ein willkommner stiller Gast.
1348
Ach wenn in unsrer engen Zelle
1349
Die Lampe freundlich wieder brennt,
1350
Dann wird's in unserm Busen helle,
1351
Im Herzen, das sich selber kennt.
1352
Vernunft fängt wieder an zu sprechen,
1353
Und Hoffnung wieder an zu blühn,
1354
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,
1355
Ach! nach des Lebens Quelle hin.
1356
Knurre nicht Pudel! Zu den heiligen Tönen,
1357
Die jetzt meine ganze Seel' umfassen,
1358
Will der thierische Laut nicht passen.
1359
Wir sind gewohnt, daß die Menschen verhöhnen
1360
Was sie nicht verstehn,
1361
Daß sie vor dem Guten und Schönen,
1362
Das ihnen oft beschwerlich ist, murren;
1363
Will es der Hund, wie sie, beknurren[?]
1364
Aber ach! schon fühl' ich, bey dem besten Willen,
1365
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
1366
Aber warum muß der Strom so bald versiegen,
1367
Und wir wieder im Durste liegen?
1368
Davon hab' ich so viel Erfahrung.
1369
Doch dieser Mangel läßt sich ersetzen,
1370
Wir lernen das Ueberirdische schätzen,
1371
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
1372
Die nirgends würd'ger und schöner brennt,
1373
Als in dem neuen Testament.
1374
Mich drängt's den Grundtext aufzuschlagen,
1375
Mit redlichem Gefühl einmal
1376
Das heilige Original
1377
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.
1378
(Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.)
1379
Geschrieben steht: »im Anfang war das Wort!«
1380
Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
1381
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
1382
Ich muß es anders übersetzen,
1383
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
1384
Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.
1385
Bedenke wohl die erste Zeile,
1386
Daß deine Feder sich nicht übereile!
1387
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
1388
Es sollte stehn: im Anfang war die Kraft!
1389
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
1390
Schon warnt mich was, daß ich dabey nicht bleibe.
1391
Mir hilft der Geist! auf einmal seh' ich Rath
1392
Und schreibe getrost: im Anfang war die That!
1393
Soll ich mit dir das Zimmer theilen,
1394
Pudel, so laß das Heulen,
1395
So laß das Bellen!
1396
Solch einen störenden Gesellen
1397
Mag ich nicht in der Nähe leiden.
1398
Einer von uns beyden
1399
Muß die Zelle meiden.
1400
Ungern heb' ich das Gastrecht auf,
1401
Die Thür' ist offen, hast freyen Lauf.
1402
Aber was muß ich sehen!
1403
Kann das natürlich geschehen?
1404
Ist es Schatten? ist's Wirklichkeit?
1405
Wie wird mein Pudel lang und breit!
1406
Er hebt sich mit Gewalt,
1407
Das ist nicht eines Hundes Gestalt!
1408
Welch ein Gespenst bracht' ich ins Haus!
1409
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus,
1410
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiß.
1411
O! du bist mir gewiß!
1412
Für solche halbe Höllenbrut
1413
Ist Salomonis Schlüssel gut.
1414
Geister auf dem Gange.
1415
Drinnen gefangen ist einer!
1416
Bleibet haußen, folg' ihm keiner!
1417
Wie im Eisen der Fuchs,
1418
Zagt ein alter Höllenluchs.
1419
Aber gebt Acht!
1420
Schwebet hin, schwebet wieder,
1421
Auf und nieder,
1422
Und er hat sich losgemacht.
1423
Könnt ihr ihm nützen,
1424
Laßt ihn nicht sitzen!
1425
Denn er that uns allen
1426
Schon viel zu Gefallen.
1427
Faust.
1428
Erst zu begegnen dem Thiere,
1429
Brauch' ich den Spruch der Viere:
1430
Salamander soll glühen,
1431
Undene sich winden,
1432
Silphe verschwinden,
1433
Kobold sich mühen.
1434
Wer sie nicht kennte
1435
Die Elemente,
1436
Ihre Kraft
1437
Und Eigenschaft,
1438
Wäre kein Meister
1439
Ueber die Geister.
1440
Verschwind' in Flammen
1441
Salamander!
1442
Rauschend fließe zusammen
1443
Undene!
1444
Leucht' in Meteoren-Schöne
1445
Silphe!
1446
Bring' häußliche Hülfe
1447
#Incubus! incubus!#
1448
Tritt hervor und mache den Schluß.
1449
Keines der Viere
1450
Steckt in dem Thiere.
1451
Es liegt ganz ruhig und grins't mich an,
1452
Ich hab' ihm noch nicht weh gethan.
1453
Du sollst mich hören
1454
Stärker beschwören.
1455
Bist du Geselle
1456
Ein Flüchtling der Hölle?
1457
So sieh dies Zeichen!
1458
Dem sie sich beugen
1459
Die schwarzen Schaaren.
1460
Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.
1461
Verworfnes Wesen!
1462
Kannst du ihn lesen?
1463
Den nie entsprossnen,
1464
Unausgesprochnen,
1465
Durch alle Himmel gegossnen,
1466
Freventlich durchstochnen.
1467
Hinter den Ofen gebannt
1468
Schwillt es wie ein Elephant,
1469
Den ganzen Raum füllt es an,
1470
Es will zum Nebel zerfließen.
1471
Steige nicht zur Decke hinan!
1472
Lege dich zu des Meisters Füßen!
1473
Du siehst daß ich nicht vergebens drohe.
1474
Ich versenge dich mit heiliger Lohe!
1475
Erwarte nicht
1476
Das dreymal glühende Licht!
1477
Erwarte nicht
1478
Die stärkste von meinen Künsten!
1479
Mephistopheles
1480
(tritt, indem der Nebel fällt, gekleidet wie ein fahrender Scholastikus, hinter dem Ofen hervor.)
1481
Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?
1482
Faust.
1483
Das also war des Pudels Kern!
1484
Ein fahrender Scolast? Der Casus macht mich lachen.
1485
Mephistopheles.
1486
Ich salutire den gelehrten Herrn!
1487
Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.
1488
Faust.
1489
Wie nennst du dich?
1490
Mephistopheles.
1491
Die Frage scheint mir klein,
1492
Für einen der das Wort so sehr verachtet,
1493
Der, weit entfernt von allem Schein,
1494
Nur in der Wesen Tiefe trachtet.
1495
Faust.
1496
Bey euch, ihr Herrn, kann man das Wesen
1497
Gewöhnlich aus dem Namen lesen,
1498
Wo es sich allzudeutlich weis't,
1499
Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt.
1500
Nun gut wer bist du denn?
1501
Mephistopheles.
1502
Ein Theil von jener Kraft,
1503
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
1504
Faust.
1505
Was ist mit diesem Räthselwort gemeynt?
1506
Mephistopheles.
1507
Ich bin der Geist der stets verneint!
1508
Und das mit Recht; denn alles was entsteht
1509
Ist werth daß es zu Grunde geht;
1510
Drum besser wär's daß nichts entstünde.
1511
So ist denn alles was ihr Sünde,
1512
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
1513
Mein eigentliches Element.
1514
Faust.
1515
Du nennst dich einen Theil, und stehst doch ganz vor mir?
1516
Mephistopheles.
1517
Bescheidne Wahrheit sprech' ich dir.
1518
Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt,
1519
Gewöhnlich für ein Ganzes hält;
1520
Ich bin ein Theil des Theils, der Anfangs alles war,
1521
Ein Theil der Finsterniß, die sich das Licht gebar,
1522
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
1523
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
1524
Und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt,
1525
Verhaftet an den Körpern klebt.
1526
Von Körpern strömt's, die Körper macht es schön,
1527
Ein Körper hemmt's auf seinem Gange,
1528
So, hoff' ich, dauert es nicht lange
1529
Und mit den Körpern wird's zu Grunde gehn.
1530
Faust.
1531
Nun kenn' ich deine würd'gen Pflichten!
1532
Du kannst im Großen nichts vernichten
1533
Und fängst es nun im Kleinen an.
1534
Mephistopheles.
1535
Und freylich ist nicht viel damit gethan.
1536
Was sich dem Nichts entgegenstellt,
1537
Das Etwas, diese plumpe Welt,
1538
So viel als ich schon unternommen
1539
Ich wußte nicht ihr beyzukommen,
1540
Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand,
1541
Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!
1542
Und dem verdammten Zeug, der Thier- und Menschenbrut,
1543
Dem ist nun gar nichts anzuhaben,
1544
Wie viele hab' ich schon begraben!
1545
Und immer zirkulirt ein neues, frisches Blut.
1546
So geht es fort, man möchte rasend werden!
1547
Der Luft, dem Wasser, wie der Erden
1548
Entwinden tausend Keime sich,
1549
Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!
1550
Hätt' ich mir nicht die Flamme vorbehalten;
1551
Ich hätte nichts apart's für mich.
1552
Faust.
1553
So setzest du der ewig regen,
1554
Der heilsam schaffenden Gewalt
1555
Die kalte Teufelsfaust entgegen,
1556
Die sich vergebens tückisch ballt!
1557
Was anders suche zu beginnen
1558
Des Chaos wunderlicher Sohn!
1559
Mephistopheles.
1560
Wir wollen wirklich uns besinnen,
1561
Die nächstenmale mehr davon!
1562
Dürft' ich wohl diesmal mich entfernen?
1563
Faust.
1564
Ich sehe nicht warum du fragst.
1565
Ich habe jetzt dich kennen lernen,
1566
Besuche nun mich wie du magst.
1567
Hier ist das Fenster, hier die Thüre,
1568
Ein Rauchfang ist dir auch gewiß.
1569
Mephistopheles.
1570
Gesteh' ichs nur! daß ich hinausspaziere
1571
Verbietet mir ein kleines Hinderniß,
1572
Der Drudenfuß auf eurer Schwelle --
1573
Faust.
1574
Das Pentagramma macht dir Pein?
1575
Ey sage mir, du Sohn der Hölle,
1576
Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein?
1577
Wie ward ein solcher Geist betrogen?
1578
Mephistopheles.
1579
Beschaut es recht! es ist nicht gut gezogen;
1580
Der eine Winkel, der nach außen zu,
1581
Ist, wie du siehst, ein wenig offen.
1582
Faust.
1583
Das hat der Zufall gut getroffen!
1584
Und mein Gefangner wärst denn du?
1585
Das ist von ohngefähr gelungen!
1586
Mephistopheles.
1587
Der Pudel merkte nichts als er hereingesprungen,
1588
Die Sache sieht jetzt anders aus;
1589
Der Teufel kann nicht aus dem Haus.
1590
Faust.
1591
Doch warum gehst du nicht durchs Fenster?
1592
Mephistopheles.
1593
's ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:
1594
Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus.
1595
Das erste steht uns frey, beym zweyten sind wir Knechte.
1596
Faust.
1597
Die Hölle selbst hat ihre Rechte?
1598
Das find' ich gut, da ließe sich ein Packt,
1599
Und sicher wohl, mit euch ihr Herren schließen?
1600
Mephistopheles.
1601
Was man verspricht, das sollst du rein genießen,
1602
Dir wird davon nichts abgezwackt.
1603
Doch das ist nicht so kurz zu fassen,
1604
Und wir besprechen das zunächst;
1605
Doch jetzo bitt' ich, hoch und höchst,
1606
Für diesesmal mich zu entlassen.
1607
Faust.
1608
So bleibe doch noch einen Augenblick,
1609
Um mir erst gute Mähr zu sagen.
1610
Mephistopheles.
1611
Jetzt laß mich los! ich komme bald zurück,
1612
Dann magst du nach Belieben fragen.
1613
Faust.
1614
Ich habe dir nicht nachgestellt,
1615
Bist du doch selbst ins Garn gegangen.
1616
Den Teufel halte wer ihn hält!
1617
Er wird ihn nicht sobald zum zweytenmale fangen.
1618
Mephistopheles.
1619
Wenn dir's beliebt, so bin ich auch bereit
1620
Dir zur Gesellschaft hier zu bleiben;
1621
Doch mit Bedingniß, dir die Zeit,
1622
Durch meine Künste, würdig zu vertreiben.
1623
Faust.
1624
Ich seh' es gern, das steht dir frey;
1625
Nur daß die Kunst gefällig sey!
1626
Mephistopheles.
1627
Du wirst, mein Freund, für deine Sinnen,
1628
In dieser Stunde mehr gewinnen,
1629
Als in des Jahres Einerley.
1630
Was dir die zarten Geister singen,
1631
Die schönen Bilder die sie bringen,
1632
Sind nicht ein leeres Zauberspiel.
1633
Auch dein Geruch wird sich ergetzen,
1634
Dann wirst du deinen Gaumen letzen,
1635
Und dann entzückt sich dein Gefühl.
1636
Bereitung braucht es nicht voran,
1637
Beysammen sind wir, fanget an!
1638
Geister.
1639
Schwindet ihr dunkeln
1640
Wölbungen droben!
1641
Reizender schaue,
1642
Freundlich, der blaue
1643
Aether herein!
1644
Wären die dunkeln
1645
Wolken zerronnen!
1646
Sternelein funkeln,
1647
Mildere Sonnen
1648
Scheinen darein.
1649
Himmlischer Söhne
1650
Geistige Schöne,
1651
Schwankende Beugung
1652
Schwebet vorüber.
1653
Sehnende Neigung
1654
Folget hinüber;
1655
Und der Gewänder
1656
Flatternde Bänder
1657
Decken die Länder,
1658
Decken die Laube,
1659
Wo sich für's Leben,
1660
Tief in Gedanken,
1661
Liebende geben.
1662
Laube bey Laube!
1663
Sprossende Ranken!
1664
Lastende Traube
1665
Stürzt in's Behälter
1666
Drängender Kelter,
1667
Stürzen in Bächen
1668
Schäumende Weine,
1669
Rieseln durch reine,
1670
Edle Gesteine,
1671
Lassen die Höhen
1672
Hinter sich liegen,
1673
Breiten zu Seen
1674
Sich ums Genügen
1675
Grünender Hügel.
1676
Und das Geflügel
1677
Schlürfet sich Wonne,
1678
Flieget der Sonne,
1679
Flieget den hellen
1680
Inseln entgegen,
1681
Die sich auf Wellen
1682
Gauklend bewegen;
1683
Wo wir in Chören
1684
Jauchzende hören,
1685
Ueber den Auen
1686
Tanzende schauen,
1687
Die sich im Freyen
1688
Alle zerstreuen.
1689
Einige glimmen[klimmen]
1690
Ueber die Höhen,
1691
Andere schwimmen
1692
Ueber die Seen,
1693
Andere schweben;
1694
Alle zum Leben,
1695
Alle zur Ferne
1696
Liebender Sterne
1697
Seliger Huld.
1698
Mephistopheles.
1699
Er schläft! So recht, ihr luft'gen, zarten Jungen!
1700
Ihr habt ihn treulich eingesungen!
1701
Für dies Concert bin ich in eurer Schuld.
1702
Du bist noch nicht der Mann den Teufel fest zu halten!
1703
Umgaukelt ihn mit süßen Traumgestalten,
1704
Versenkt ihn in ein Meer des Wahns;
1705
Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten
1706
Bedarf ich eines Rattenzahns.
1707
Nicht lange brauch' ich zu beschwören,
1708
Schon raschelt eine hier und wird sogleich mich hören.
1709
Der Herr der Ratten und der Mäuse,
1710
Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse,
1711
Befiehlt dir dich hervor zu wagen
1712
Und diese Schwelle zu benagen,
1713
So wie er sie mit Oel betupft --
1714
Da kommst du schon hervorgehupft!
1715
Nur frisch ans Werk! Die Spitze, die mich bannte,
1716
Sie sitzt ganz vornen an der Kante.
1717
Noch einen Biß, so ist's geschehn. --
1718
Nun Fauste träume fort, bis wir uns wiedersehn.
1719
Faust erwachend.
1720
Bin ich denn abermals betrogen?
1721
Verschwindet so der geisterreiche Drang?
1722
Daß mir ein Traum den Teufel vorgelogen,
1723
Und daß ein Pudel mir entsprang.
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