1724
Studirzimmer.
1725
Faust. Mephistopheles.
1726
Faust.
1727
Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?
1728
Mephistopheles.
1729
Ich bin's.
1730
Faust.
1731
Herein!
1732
Mephistopheles.
1733
Du mußt es dreymal sagen.
1734
Faust.
1735
Herein denn!
1736
Mephistopheles.
1737
So gefällst du mir.
1738
Wir werden, hoff' ich, uns vertragen;
1739
Denn dir die Grillen zu verjagen
1740
Bin ich, als edler Junker, hier,
1741
In rothem goldverbrämten Kleide,
1742
Das Mäntelchen von starrer Seide,
1743
Die Hahnenfeder auf dem Hut,
1744
Mit einem langen, spitzen Degen,
1745
Und rathe nun dir, kurz und gut,
1746
Dergleichen gleichfalls anzulegen;
1747
Damit du, losgebunden, frey,
1748
Erfahrest was das Leben sey.
1749
Faust.
1750
In jedem Kleide werd' ich wohl die Pein
1751
Des engen Erdelebens fühlen.
1752
Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
1753
Zu jung, um ohne Wunsch zu seyn.
1754
Was kann die Welt mir wohl gewähren?
1755
Entbehren sollst du! sollst entbehren!
1756
Das ist der ewige Gesang,
1757
Der jedem an die Ohren klingt,
1758
Den, unser ganzes Leben lang,
1759
Uns heiser jede Stunde singt.
1760
Nur mit Entsetzen wach' ich Morgens auf,
1761
Ich möchte bittre Thränen weinen,
1762
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
1763
Nicht Einen Wunsch erfüllen wird, nicht Einen,
1764
Der selbst die Ahndung jeder Lust
1765
Mit eigensinnigem Krittel mindert,
1766
Die Schöpfung meiner regen Brust
1767
Mit tausend Lebensfratzen hindert.
1768
Auch muß ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
1769
Mich ängstlich auf das Lager strecken,
1770
Auch da wird keine Rast geschenkt,
1771
Mich werden wilde Träume schrecken.
1772
Der Gott, der mir im Busen wohnt,
1773
Kann tief mein Innerstes erregen,
1774
Der über allen meinen Kräften thront,
1775
Er kann nach außen nichts bewegen;
1776
Und so ist mir das Daseyn eine Last,
1777
Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.
1778
Mephistopheles.
1779
Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.
1780
Faust.
1781
O seelig der! dem er im Siegesglanze
1782
Die blut'gen Lorbeern um die Schläfe windet,
1783
Den er, nach rasch durchras'tem Tanze,
1784
In eines Mädchens Armen findet.
1785
O wär' ich vor des hohen Geistes Kraft
1786
Entzückt, entseelt dahin gesunken!
1787
Mephistopheles.
1788
Und doch hat Jemand einen braunen Saft,
1789
In jener Nacht, nicht ausgetrunken.
1790
Faust.
1791
Das Spioniren, scheint's, ist deine Lust.
1792
Mephistopheles.
1793
Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewußt.
1794
Faust.
1795
Wenn aus dem schrecklichen Gewühle
1796
Ein süß bekannter Ton mich zog,
1797
Den Rest von kindlichem Gefühle
1798
Mit Anklang froher Zeit betrog;
1799
So fluch' ich allem was die Seele
1800
Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt,
1801
Und sie in diese Trauerhöle
1802
Mit Blend- und Schmeichelkräften bannt!
1803
Verflucht voraus die hohe Meinung,
1804
Womit der Geist sich selbst umfängt!
1805
Verflucht das Blenden der Erscheinung,
1806
Die sich an unsre Sinne drängt!
1807
Verflucht was uns in Träumen heuchelt,
1808
Des Ruhms, der Namensdauer Trug!
1809
Verflucht was als Besitz uns schmeichelt,
1810
Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!
1811
Verflucht sey Mammon, wenn mit Schätzen
1812
Er uns zu kühnen Thaten regt,
1813
Wenn er zu müßigem Ergetzen
1814
Die Polster uns zurechte legt!
1815
Fluch sey dem Balsamsaft der Trauben!
1816
Fluch jener höchsten Liebeshuld!
1817
Fluch sey der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
1818
Und Fluch vor allen der Geduld!
1819
Geisterchor unsichtbar.
1820
Weh! weh!
1821
Du hast sie zerstört,
1822
Die schöne Welt,
1823
Mit mächtiger Faust,
1824
Sie stürzt, sie zerfällt!
1825
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
1826
Wir tragen
1827
Die Trümmern ins Nichts hinüber,
1828
Und klagen
1829
Ueber die verlorne Schöne.
1830
Mächtiger
1831
Der Erdensöhne,
1832
Prächtiger
1833
Baue sie wieder,
1834
In deinem Busen baue sie auf!
1835
Neuen Lebenslauf
1836
Beginne,
1837
Mit hellem Sinne,
1838
Und neue Lieder
1839
Tönen darauf!
1840
Mephistopheles.
1841
Dies sind die kleinen
1842
Von den Meinen.
1843
Höre, wie zu Lust und Thaten
1844
Altklug sie rathen!
1845
In die Welt weit,
1846
Aus der Einsamkeit,
1847
Wo Sinnen und Säfte stocken,
1848
Wollen sie dich locken.
1849
Hör' auf mit deinem Gram zu spielen,
1850
Der, wie ein Geyer, dir am Leben frißt;
1851
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen
1852
Daß du ein Mensch mit Menschen bist.
1853
Doch so ist's nicht gemeynt
1854
Dich unter das Pack zu stoßen.
1855
Ich bin keiner von den Großen;
1856
Doch willst du, mit mir vereint,
1857
Deine Schritte durchs Leben nehmen;
1858
So will ich mich gern bequemen
1859
Dein zu seyn, auf der Stelle.
1860
Ich bin dein Geselle
1861
Und, mach' ich dir's recht,
1862
Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!
1863
Faust.
1864
Und was soll ich dagegen dir erfüllen?
1865
Mephistopheles.
1866
Dazu hast du noch eine lange Frist.
1867
Faust.
1868
Nein nein! der Teufel ist ein Egoist
1869
Und thut nicht leicht um Gottes Willen
1870
Was einem andern nützlich ist.
1871
Sprich die Bedingung deutlich aus;
1872
Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.
1873
Mephistopheles.
1874
Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,
1875
Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
1876
Wenn wir uns drüben wieder finden,
1877
So sollst du mir das Gleiche thun.
1878
Faust.
1879
Das Drüben kann mich wenig kümmern,
1880
Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,
1881
Die andre mag darnach entstehn.
1882
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
1883
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
1884
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
1885
Dann mag was will und kann geschehn.
1886
Davon will ich nichts weiter hören,
1887
Ob man auch künftig haßt und liebt,
1888
Und ob es auch in jenen Sphären
1889
Ein Oben oder Unten giebt.
1890
Mephistopheles.
1891
In diesem Sinne kannst du's wagen.
1892
Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen,
1893
Mit Freuden meine Künste sehn,
1894
Ich gebe dir was noch kein Mensch gesehn.
1895
Faust.
1896
Was willst du armer Teufel geben?
1897
Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
1898
Von deines Gleichen je gefaßt?
1899
Doch hast du Speise die nicht sättigt, hast
1900
Du rothes Gold, das ohne Rast,
1901
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
1902
Ein Spiel, bey dem man nie gewinnt,
1903
Ein Mädchen, das an meiner Brust
1904
Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
1905
Der Ehre schöne Götterlust,
1906
Die, wie ein Meteor, verschwindet.
1907
Zeig mir die Frucht die fault, eh' man sie bricht,
1908
Und Bäume die sich täglich neu begrünen!
1909
Mephistopheles.
1910
Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,
1911
Mit solchen Schätzen kann ich dienen.
1912
Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran
1913
Wo wir was Gut's in Ruhe schmausen mögen.
1914
Faust.
1915
Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen;
1916
So sey es gleich um mich gethan!
1917
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
1918
Daß ich mir selbst gefallen mag,
1919
Kannst du mich mit Genuß betrügen;
1920
Das sey für mich der letzte Tag!
1921
Die Wette biet' ich!
1922
Mephistopheles.
1923
Top!
1924
Faust.
1925
Und Schlag auf Schlag!
1926
Werd' ich zum Augenblicke sagen:
1927
Verweile doch! du bist so schön!
1928
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
1929
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
1930
Dann mag die Todtenglocke schallen,
1931
Dann bist du deines Dienstes frey,
1932
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
1933
Es sey die Zeit für mich vorbey!
1934
Mephistopheles.
1935
Bedenk' es wohl, wir werden's nicht vergessen.
1936
Faust.
1937
Dazu hast du ein volles Recht;
1938
Ich habe mich nicht freventlich vermessen.
1939
Wie ich beharre bin ich Knecht,
1940
Ob dein, was frag' ich, oder wessen.
1941
Mephistopheles.
1942
Ich werde heute gleich, beym Doctorschmaus,
1943
Als Diener, meine Pflicht erfüllen.
1944
Nur eins! -- um Lebens oder Sterbens willen,
1945
Bitt' ich mir ein Paar Zeilen aus.
1946
Faust.
1947
Auch was geschriebnes forderst du Pedant?
1948
Hast du noch keinen Mann, nicht Mannes-Wort gekannt?
1949
Ist's nicht genug, daß mein gesprochnes Wort
1950
Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
1951
Ras't nicht die Welt in allen Strömen fort,
1952
Und mich soll ein Versprechen halten?
1953
Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
1954
Wer mag sich gern davon befreyen?
1955
Beglückt wer Treue rein im Busen trägt,
1956
Kein Opfer wird ihn je gereuen!
1957
Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt,
1958
Ist ein Gespenst vor dem sich alle scheuen.
1959
Das Wort erstirbt schon in der Feder,
1960
Die Herrschaft führen Wachs und Leder.
1961
Was willst du böser Geist von mir?
1962
Erz, Marmor, Pergament, Papier?
1963
Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?
1964
Ich gebe jede Wahl dir frey.
1965
Mephistopheles.
1966
Wie magst du deine Rednerey
1967
Nur gleich so hitzig übertreiben?
1968
Ist doch ein jedes Blättchen gut.
1969
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.
1970
Faust.
1971
Wenn dieß dir völlig G'nüge thut,
1972
So mag es bey der Fratze bleiben.
1973
Mephistopheles.
1974
Blut ist ein ganz besondrer Saft.
1975
Faust.
1976
Nur keine Furcht, daß ich dieß Bündniß breche!
1977
Das Streben meiner ganzen Kraft
1978
Ist g'rade das was ich verspreche.
1979
Ich habe mich zu hoch gebläht,
1980
In deinen Rang gehör' ich nur.
1981
Der große Geist hat mich verschmäht,
1982
Vor mir verschließt sich die Natur.
1983
Des Denkens Faden ist zerrissen,
1984
Mir ekelt lange vor allem Wissen.
1985
Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit
1986
Uns glühende Leidenschaften stillen!
1987
In undurchdrungnen Zauberhüllen
1988
Sey jedes Wunder gleich bereit!
1989
Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit
1990
In's Rollen der Begebenheit!
1991
Da mag denn Schmerz und Genuß,
1992
Gelingen und Verdruß,
1993
Mit einander wechseln wie es kann;
1994
Nur rastlos bethätigt sich der Mann.
1995
Mephistopheles.
1996
Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt.
1997
Beliebt's euch überall zu naschen,
1998
Im Fliehen etwas zu erhaschen;
1999
Bekomm' euch wohl was euch ergetzt.
2000
Nur greift mir zu und seyd nicht blöde!
2001
Faust.
2002
Du hörest ja, von Freud' ist nicht die Rede.
2003
Dem Taumel weih' ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,
2004
Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß.
2005
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
2006
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
2007
Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist,
2008
Will ich in meinem innern Selbst genießen,
2009
Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen,
2010
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
2011
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
2012
Und, wie sie selbst, am End' auch ich zerscheitern.
2013
Mephistopheles.
2014
O glaube mir, der manche tausend Jahre
2015
An dieser harten Speise kaut,
2016
Daß von der Wiege bis zur Bahre
2017
Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
2018
Glaub' unser einem, dieses Ganze
2019
Ist nur für einen Gott gemacht!
2020
Er findet sich in einem ew'gen Glanze,
2021
Uns hat er in die Finsterniß gebracht,
2022
Und euch taugt einzig Tag und Nacht.
2023
Faust.
2024
Allein ich will!
2025
Mephistopheles.
2026
Das läßt sich hören!
2027
Doch nur vor Einem ist mir bang';
2028
Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.
2029
Ich dächt', ihr ließet euch belehren.
2030
Associirt euch mit einem Poeten,
2031
Laßt den Herrn in Gedanken schweifen,
2032
Und alle edlen Qualitäten
2033
Auf euren Ehren-Scheitel häufen,
2034
Des Löwen Muth,
2035
Des Hirsches Schnelligkeit,
2036
Des Italiäners feurig Blut,
2037
Des Nordens Dau'rbarkeit.
2038
Laßt ihn euch das Geheimniß finden,
2039
Großmuth und Arglist zu verbinden,
2040
Und euch, mit warmen Jugendtrieben,
2041
Nach einem Plane, zu verlieben.
2042
Möchte selbst solch einen Herren kennen,
2043
Würd' ihn Herrn Mikrokosmus nennen.
2044
Faust.
2045
Was bin ich denn? wenn es nicht möglich ist
2046
Der Menschheit Krone zu erringen,
2047
Nach der sich alle Sinne dringen.
2048
Mephistopheles.
2049
Du bist am Ende -- was du bist.
2050
Setz' dir Perrücken auf von Millionen Locken,
2051
Setz' deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
2052
Du bleibst doch immer was du bist.
2053
Faust.
2054
Ich fühl's, vergebens hab' ich alle Schätze
2055
Des Menschengeist's auf mich herbeygerafft,
2056
Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
2057
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
2058
Ich bin nicht um ein Haar breit höher,
2059
Bin dem Unendlichen nicht näher.
2060
Mephistopheles.
2061
Mein guter Herr, ihr seht die Sachen,
2062
Wie man die Sachen eben sieht;
2063
Wir müssen das gescheidter machen,
2064
Eh' uns des Lebens Freude flieht.
2065
Was Henker! freylich Händ' und Füße
2066
Und Kopf und H -- --[Hintern] die sind dein;
2067
Doch alles was ich frisch genieße,
2068
Ist das drum weniger mein?
2069
Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
2070
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
2071
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
2072
Als hätt' ich vier und zwanzig Beine.
2073
Drum frisch! laß alles Sinnen seyn,
2074
Und g'rad' mit in die Welt hinein!
2075
Ich sag' es dir: ein Kerl der speculirt,
2076
Ist wie ein Thier, auf dürrer Heide
2077
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
2078
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.
2079
Faust.
2080
Wie fangen wir das an?
2081
Mephistopheles.
2082
Wir gehen eben fort.
2083
Was ist das für ein Marterort?
2084
Was heißt das für ein Leben führen,
2085
Sich und die Jungens ennuyiren?
2086
Laß du das dem Herrn Nachbar Wanst!
2087
Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen?
2088
Das beste, was du wissen kannst,
2089
Darfst du den Buben doch nicht sagen.
2090
Gleich hör' ich einen auf dem Gange!
2091
Faust.
2092
Mir ist's nicht möglich ihn zu sehn.
2093
Mephistopheles.
2094
Der arme Knabe wartet lange,
2095
Der darf nicht ungetröstet gehn.
2096
Komm, gib mir deinen Rock und Mütze;
2097
Die Maske muß mir köstlich stehn.
2098
(Er kleidet sich um.)
2099
Nun überlaß es meinem Witze!
2100
Ich brauche nur ein Viertelstündchen Zeit;
2101
Indessen mache dich zur schönen Fahrt bereit!
2102
Faust ab.
2103
Mephistopheles
2104
in Faust's langem Kleide.
2105
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
2106
Des Menschen allerhöchste Kraft,
2107
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
2108
Dich von dem Lügengeist bestärken,
2109
So hab' ich dich schon unbedingt --
2110
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
2111
Der ungebändigt immer vorwärts dringt,
2112
Und dessen übereiltes Streben
2113
Der Erde Freuden überspringt.
2114
Den schlepp' ich durch das wilde Leben,
2115
Durch flache Unbedeutenheit,
2116
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
2117
Und seiner Unersättlichkeit
2118
Soll Speis' und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
2119
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
2120
Und hätt' er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
2121
Er müßte doch zu Grunde gehn!
2122
Ein Schüler tritt auf.
2123
Schüler.
2124
Ich bin alhier erst kurze Zeit,
2125
Und komme voll Ergebenheit,
2126
Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
2127
Den alle mir mit Ehrfurcht nennen.
2128
Mephistopheles.
2129
Eure Höflichkeit erfreut mich sehr!
2130
Ihr seht einen Mann wie andre mehr.
2131
Habt ihr euch sonst schon umgethan?
2132
Schüler.
2133
Ich bitt' euch, nehmt euch meiner an!
2134
Ich komme mit allem guten Muth,
2135
Leidlichem Geld und frischem Blut;
2136
Meine Mutter wollte mich kaum entfernen;
2137
Möchte gern' was rechts hieraußen lernen.
2138
Mephistopheles.
2139
Da seyd ihr eben recht am Ort.
2140
Schüler.
2141
Aufrichtig, möchte schon wieder fort:
2142
In diesen Mauern, diesen Hallen,
2143
Will es mir keineswegs gefallen.
2144
Es ist ein gar beschränkter Raum,
2145
Man sieht nichts Grünes, keinen Baum,
2146
Und in den Sälen, auf den Bänken,
2147
Vergeht mir Hören, Seh'n und Denken.
2148
Mephistopheles.
2149
Das kommt nur auf Gewohnheit an.
2150
So nimmt ein Kind der Mutter Brust
2151
Nicht gleich im Anfang willig an,
2152
Doch bald ernährt es sich mit Lust.
2153
So wird's euch an der Weisheit Brüsten
2154
Mit jedem Tage mehr gelüsten.
2155
Schüler.
2156
An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
2157
Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?
2158
Mephistopheles.
2159
Erklärt euch, eh' ihr weiter geht,
2160
Was wählt ihr für eine Facultät?
2161
Schüler.
2162
Ich wünschte recht gelehrt zu werden,
2163
Und möchte gern, was auf der Erden
2164
Und in dem Himmel ist, erfassen,
2165
Die Wissenschaft und die Natur.
2166
Mephistopheles.
2167
Da seyd ihr auf der rechten Spur;
2168
Doch müßt ihr euch nicht zerstreuen lassen.
2169
Schüler.
2170
Ich bin dabey mit Seel' und Leib;
2171
Doch freylich würde mir behagen
2172
Ein wenig Freyheit und Zeitvertreib,
2173
An schönen Sommerfeiertagen.
2174
Mephistopheles.
2175
Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
2176
Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.
2177
Mein theurer Freund, ich rath' euch drum
2178
Zuerst Collegium Logicum.
2179
Da wird der Geist euch wohl dressirt,
2180
In spanische Stiefeln eingeschnürt,
2181
Daß er bedächtiger so fort an
2182
Hinschleiche die Gedankenbahn,
2183
Und nicht etwa, die Kreuz' und Quer,
2184
Irlichtelire hin und her.
2185
Dann lehret man euch manchen Tag,
2186
Daß, was ihr sonst auf einen Schlag
2187
Getrieben, wie Essen und Trinken frey,
2188
Eins! Zwey! Drey! dazu nöthig sey.
2189
Zwar ist's mit der Gedanken-Fabrik
2190
Wie mit einem Weber-Meisterstück,
2191
Wo Ein Tritt tausend Fäden regt,
2192
Die Schifflein herüber hinüber schießen,
2193
Die Fäden ungesehen fließen,
2194
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt:
2195
Der Philosoph der tritt herein,
2196
Und beweis't euch, es müßt' so seyn:
2197
Das Erst' wär' so, das Zweyte so,
2198
Und drum das Dritt' und Vierte so;
2199
Und wenn das Erst' und Zweyt' nicht wär',
2200
Das Dritt' und Viert' wär' nimmermehr.
2201
Das preisen die Schüler aller Orten,
2202
Sind aber keine Weber geworden.
2203
Wer will was lebendig's erkennen und beschreiben,
2204
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
2205
Dann hat er die Theile in seiner Hand,
2206
Fehlt leider! nur das geistige Band.
2207
#Encheiresin naturae# nennt's die Chimie,
2208
Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.
2209
Schüler.
2210
Kann euch nicht eben ganz verstehen.
2211
Mephistopheles.
2212
Das wird nächstens schon besser gehen,
2213
Wenn ihr lernt alles reduciren
2214
Und gehörig klassificiren.
2215
Schüler.
2216
Mir wird von alle dem so dumm,
2217
Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.
2218
Mephistopheles.
2219
Nachher vor allen andern Sachen
2220
Müßt ihr euch an die Metaphysik machen!
2221
Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt,
2222
Was in des Menschen Hirn nicht paßt;
2223
Für, was drein geht und nicht drein geht,
2224
Ein prächtig Wort zu Diensten steht.
2225
Doch vorerst dieses halbe Jahr
2226
Nehmt ja der besten Ordnung wahr.
2227
Fünf Stunden habt ihr jeden Tag;
2228
Seyd drinnen mit dem Glockenschlag!
2229
Habt euch vorher wohl präparirt,
2230
Paragraphos wohl einstudirt,
2231
Damit ihr nachher besser seht,
2232
Daß er nichts sagt, als was im Buche steht;
2233
Doch euch des Schreibens ja befleißt,
2234
Als dictirt' euch der Heilig' Geist!
2235
Schüler.
2236
Das sollt ihr mir nicht zweymal sagen!
2237
Ich denke mir wie viel es nützt;
2238
Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
2239
Kann man getrost nach Hause tragen.
2240
Mephistopheles.
2241
Doch wählt mir eine Facultät!
2242
Schüler.
2243
Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.
2244
Mephistopheles.
2245
Ich kann es euch so sehr nicht übel nehmen,
2246
Ich weiß wie es um diese Lehre steht.
2247
Es erben sich Gesetz' und Rechte
2248
Wie eine ew'ge Krankheit fort,
2249
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
2250
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
2251
Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage;
2252
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
2253
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
2254
Von dem ist leider! nie die Frage.
2255
Schüler.
2256
Mein Abscheu wird durch euch vermehrt.
2257
O glücklich der! den ihr belehrt.
2258
Fast möcht' ich nun Theologie studiren.
2259
Mephistopheles.
2260
Ich wünschte nicht euch irre zu führen.
2261
Was diese Wissenschaft betrifft,
2262
Es ist so schwer den falschen Weg zu meiden,
2263
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
2264
Und von der Arzeney ists kaum zu unterscheiden.
2265
Am besten ist's auch hier, wenn ihr nur Einen hört,
2266
Und auf des Meisters Worte schwört.
2267
Im Ganzen -- haltet euch an Worte!
2268
Dann geht ihr durch die sichre Pforte
2269
Zum Tempel der Gewißheit ein.
2270
Schüler.
2271
Doch ein Begriff muß bey dem Worte seyn.
2272
Mephistopheles.
2273
Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen;
2274
Denn eben wo Begriffe fehlen,
2275
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
2276
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
2277
Mit Worten ein System bereiten,
2278
An Worte läßt sich trefflich glauben,
2279
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.
2280
Schüler.
2281
Verzeiht, ich halt' euch auf mit vielen Fragen,
2282
Allein ich muß euch noch bemüh'n.
2283
Wollt ihr mir von der Medicin
2284
Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen?
2285
Drey Jahr' ist eine kurze Zeit,
2286
Und, Gott! das Feld ist gar zu weit.
2287
Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
2288
Läßt sich's schon eher weiter fühlen.
2289
Mephistopheles für sich.
2290
Ich bin des trocknen Tons nun satt,
2291
Muß wieder recht den Teufel spielen.
2292
(Laut.)
2293
Der Geist der Medicin ist leicht zu fassen;
2294
Ihr durchstudirt die groß' und kleine Welt,
2295
Um es am Ende gehn zu lassen,
2296
Wie's Gott gefällt.
2297
Vergebens daß ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
2298
Ein jeder lernt nur was er lernen kann;
2299
Doch der den Augenblick ergreift,
2300
Das ist der rechte Mann.
2301
Ihr seyd noch ziemlich wohlgebaut,
2302
An Kühnheit wird's euch auch nicht fehlen,
2303
Und wenn ihr euch nur selbst vertraut,
2304
Vertrauen euch die andern Seelen.
2305
Besonders lernt die Weiber führen;
2306
Es ist ihr ewig Weh und Ach
2307
So tausendfach
2308
Aus Einem Puncte zu curiren,
2309
Und wenn ihr halbweg ehrbar thut,
2310
Dann habt ihr sie all' unter'm Hut.
2311
Ein Titel muß sie erst vertraulich machen,
2312
Daß eure Kunst viel Künste übersteigt;
2313
Zum Willkomm' tappt ihr dann nach allen Siebensachen,
2314
Um die ein andrer viele Jahre streicht,
2315
Versteht das Pülslein wohl zu drücken,
2316
Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,
2317
Wohl um die schlanke Hüfte frey,
2318
Zu seh'n, wie fest geschnürt sie sey.
2319
Schüler.
2320
Das sieht schon besser aus! Man sieht doch wo und wie.
2321
Mephistopheles.
2322
Grau, theurer Freund, ist alle Theorie,
2323
Und grün des Lebens goldner Baum.
2324
Schüler.
2325
Ich schwör' euch zu, mir ist's als wie ein Traum.
2326
Dürft' ich euch wohl ein andermal beschweren,
2327
Von eurer Weisheit auf den Grund zu hören?
2328
Mephistopheles.
2329
Was ich vermag, soll gern geschehn.
2330
Schüler.
2331
Ich kann unmöglich wieder gehn,
2332
Ich muß euch noch mein Stammbuch überreichen.
2333
Gönn' eure Gunst mir dieses Zeichen!
2334
Mephistopheles.
2335
Sehr wohl.
2336
(Er schreibt und giebt's.)
2337
Schüler lies't.
2338
#Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.#
2339
(Macht's ehrerbietieg[ehrerbietig] zu und empfiehlt sich.)
2340
Mephistopheles.
2341
Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange,
2342
Dir wird gewiß einmal bey deiner Gottähnlichkeit bange!
2343
Faust tritt auf.
2344
Faust.
2345
Wohin soll es nun gehn?
2346
Mephistopheles.
2347
Wohin es dir gefällt.
2348
Wir sehn die kleine, dann die große Welt.
2349
Mit welcher Freude, welchem Nutzen,
2350
Wirst du den Cursum durchschmarutzen!
2351
Faust.
2352
Allein bey meinem langen Bart
2353
Fehlt mir die leichte Lebensart.
2354
Es wird mir der Versuch nicht glücken;
2355
Ich wußte nie mich in die Welt zu schicken,
2356
Vor andern fühl' ich mich so klein;
2357
Ich werde stets verlegen seyn.
2358
Mephistopheles.
2359
Mein guter Freund, das wird sich alles geben;
2360
Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.
2361
Faust.
2362
Wie kommen wir denn aus dem Haus?
2363
Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?
2364
Mephistopheles.
2365
Wir breiten nur den Mantel aus,
2366
Der soll uns durch die Lüfte tragen.
2367
Du nimmst bey diesem kühnen Schritt
2368
Nur keinen großen Bündel mit.
2369
Ein Bißchen Feuerluft, die ich bereiten werde,
2370
Hebt uns behend von dieser Erde.
2371
Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
2372
Ich gratulire dir zum neuen Lebenslauf!
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