395
Der Tragödie
396
Erster Theil.
397
Nacht.
398
In einem hochgewölbten, engen, gothischen Zimmer Faust unruhig auf seinem Sessel am Pulte.
399
Faust.
400
Habe nun, ach! Philosophie,
401
Juristerey und Medicin,
402
Und leider auch Theologie!
403
Durchaus studirt, mit heißem Bemühn.
404
Da steh' ich nun, ich armer Thor!
405
Und bin so klug als wie zuvor;
406
Heiße Magister, heiße Doctor gar,
407
Und ziehe schon an die zehen Jahr,
408
Herauf, herab und quer und krumm,
409
Meine Schüler an der Nase herum --
410
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
411
Das will mir schier das Herz verbrennen.
412
Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen,
413
Doctoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
414
Mich plagen keine Scrupel noch Zweifel,
415
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel --
416
Dafür ist mir auch alle Freud' entrissen,
417
Bilde mir nicht ein was rechts zu wissen,
418
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
419
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
420
Auch hab' ich weder Gut noch Geld,
421
Noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt.
422
Es möchte kein Hund so länger leben!
423
Drum hab' ich mich der Magie ergeben,
424
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
425
Nicht manch Geheimniß würde kund;
426
Daß ich nicht mehr mit sauerm Schweiß,
427
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
428
Daß ich erkenne, was die Welt
429
Im Innersten zusammenhält,
430
Schau' alle Wirkenskraft und Samen,
431
Und thu' nicht mehr in Worten kramen.
432
O sähst du, voller Mondenschein,
433
Zum letztenmal auf meine Pein,
434
Den ich so manche Mitternacht
435
An diesem Pult herangewacht:
436
Dann über Büchern und Papier,
437
Trübsel'ger Freund, erschienst du mir!
438
Ach! könnt' ich doch auf Berges-Höh'n,
439
In deinem lieben Lichte gehn,
440
Um Bergeshöle mit Geistern schweben,
441
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
442
Von allem Wissensqualm entladen,
443
In deinem Thau gesund mich baden!
444
Weh! steck' ich in dem Kerker noch?
445
Verfluchtes, dumpfes Mauerloch!
446
Wo selbst das liebe Himmelslicht
447
Trüb' durch gemahlte Scheiben bricht.
448
Beschränkt mit diesem Bücherhauf,
449
Den Würme nagen, Staub bedeckt,
450
Den, bis an's hohe Gewölb' hinauf,
451
Ein angeraucht Papier umsteckt;
452
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
453
Mit Instrumenten vollgepfropft,
454
Urväter Hausrath drein gestopft --
455
Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!
456
Und fragst du noch, warum dein Herz
457
Sich bang' in deinem Busen klemmt?
458
Warum ein unerklärter Schmerz
459
Dir alle Lebensregung hemmt?
460
Statt der lebendigen Natur,
461
Da Gott die Menschen schuf hinein,
462
Umgiebt in Rauch und Moder nur
463
Dich Thiergeripp' und Todtenbein.
464
Flieh! auf! hinaus ins weite Land!
465
Und dieß geheimnißvolle Buch,
466
Von Nostradamus eigner Hand,
467
Ist dir es nicht Geleit genug?
468
Erkennest dann der Sterne Lauf,
469
Und wenn Natur dich unterweist,
470
Dann geht die Seelenkraft dir auf,
471
Wie spricht ein Geist zum andern Geist.
472
Umsonst, daß trocknes Sinnen hier
473
Die heil'gen Zeichen dir erklärt,
474
Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir,
475
Antwortet mir, wenn ihr mich hört!
476
(Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.)
477
Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
478
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
479
Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück
480
Neuglühend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
481
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb?
482
Die mir das innre Toben stillen,
483
Das arme Herz mit Freude füllen,
484
Und mit geheimnißvollem Trieb,
485
Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen.
486
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
487
Ich schau' in diesen reinen Zügen
488
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.
489
Jetzt erst erkenn' ich was der Weise spricht:
490
»Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
491
»Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt!
492
»Auf bade, Schüler, unverdrossen,
493
»Die ird'sche Brust im Morgenroth!«
494
(Er beschaut das Zeichen.)
495
Wie alles sich zum Ganzen webt,
496
Eins in dem andern wirkt und lebt!
497
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
498
Und sich die goldnen Eimer reichen!
499
Mit segenduftenden Schwingen
500
Vom Himmel durch die Erde dringen,
501
Harmonisch all' das All durchklingen!
502
Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!
503
Wo faß' ich dich, unendliche Natur?
504
Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
505
An denen Himmel und Erde hängt,
506
Dahin die welke Brust sich drängt --
507
Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht' ich so vergebens?
508
(Er schlägt unwillig das Buch um, und erblickt das Zeichen des Erdgeistes.)
509
Wie anders wirkt dieß Zeichen auf mich ein!
510
Du, Geist der Erde, bist mir näher;
511
Schon fühl' ich meine Kräfte höher,
512
Schon glüh' ich wie von neuem Wein,
513
Ich fühle Muth, mich in die Welt zu wagen,
514
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,
515
Mit Stürmen mich herumzuschlagen,
516
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen,
517
Es wölkt sich über mir --
518
Der Mond verbirgt sein Licht --
519
Die Lampe schwindet!
520
Es dampft! -- Es zucken rothe Strahlen
521
Mir um das Haupt -- Es weht
522
Ein Schauer vom Gewölb' herab
523
Und faßt mich an!
524
Ich fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist.
525
Enthülle dich!
526
Ha! wie's in meinem Herzen reißt!
527
Zu neuen Gefühlen
528
All' meine Sinnen sich erwühlen!
529
Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!
530
Du mußt! du mußt! und kostet' es mein Leben!
531
(Er faßt das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnißvoll aus.
532
Es zuckt eine röthliche Flamme, der Geist erscheint in der Flamme.)
533
Geist.
534
Wer ruft mir?
535
Faust abgewendet.
536
Schreckliches Gesicht!
537
Geist.
538
Du hast mich mächtig angezogen,
539
An meiner Sphäre lang' gesogen,
540
Und nun --
541
Faust.
542
Weh! ich ertrag' dich nicht!
543
Geist.
544
Du flehst erathmend mich zu schauen,
545
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn,
546
Mich neigt dein mächtig Seelenflehn,
547
Da bin ich! -- Welch erbärmlich Grauen
548
Faßt Uebermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?
549
Wo ist die Brust? die eine Welt in sich erschuf,
550
Und trug und hegte; die mit Freudebeben
551
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben.
552
Wo bist du, Faust? deß Stimme mir erklang,
553
Der sich an mich mit allen Kräften drang?
554
Bist Du es? der, von meinem Hauch umwittert,
555
In allen Lebenstiefen zittert,
556
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm!
557
Faust.
558
Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
559
Ich bin's, bin Faust, bin deines gleichen!
560
Geist.
561
In Lebensfluthen, im Thatensturm
562
Wall' ich auf und ab,
563
Webe hin und her!
564
Geburt und Grab,
565
Ein ewiges Meer,
566
Ein wechselnd Weben,
567
Ein glühend Leben,
568
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
569
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
570
Faust.
571
Der du die weite Welt umschweifst,
572
Geschäftiger Geist, wie nah fühl' ich mich dir!
573
Geist.
574
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
575
Nicht mir!
576
(Verschwindet.)
577
Faust zusammenstürzend.
578
Nicht dir!
579
Wem denn?
580
Ich Ebenbild der Gottheit!
581
Und nicht einmal dir!
582
(Es klopft.)
583
O Tod! ich kenn's -- das ist mein Famulus --
584
Es wird mein schönstes Glück zu nichte!
585
Daß diese Fülle der Gesichte
586
Der trockne Schleicher stören muß!
587
(Wagner im Schlafrocke und der Nachtmütze, eine Lampe in der Hand. Faust wendet sich unwillig.)
588
Wagner.
589
Verzeiht! ich hör' euch declamiren;
590
Ihr las't gewiß ein griechisch Trauerspiel?
591
In dieser Kunst möcht' ich 'was profitiren,
592
Denn heut zu Tage wirkt das viel.
593
Ich hab' es öfters rühmen hören,
594
Ein Komödiant könnt' einen Pfarrer lehren.
595
Faust.
596
Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist;
597
Wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag.
598
Wagner.
599
Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist,
600
Und sieht die Welt kaum einen Feyertag,
601
Kaum durch ein Fernglas, nur von weiten,
602
Wie soll man sie durch Ueberredung leiten?
603
Faust.
604
Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
605
Wenn es nicht aus der Seele dringt,
606
Und mit urkräftigem Behagen
607
Die Herzen aller Hörer zwingt.
608
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
609
Braut ein Ragout von andrer Schmaus,
610
Und blas't die kümmerlichen Flammen
611
Aus eurem Aschenhäufchen 'raus!
612
Bewund'rung von Kindern und Affen,
613
Wenn euch darnach der Gaumen steht;
614
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
615
Wenn es euch nicht von Herzen geht.
616
Wagner.
617
Allein der Vortrag macht des Redners Glück;
618
Ich fühl' es wohl, noch bin ich weit zurück.
619
Faust.
620
Such' Er den redlichen Gewinn!
621
Sey er kein schellenlauter Thor!
622
Es trägt Verstand und rechter Sinn
623
Mit wenig Kunst sich selber vor;
624
Und wenn's euch Ernst ist was zu sagen,
625
Ist's nöthig Worten nachzujagen?
626
Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
627
In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,
628
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
629
Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!
630
Wagner.
631
Ach Gott! die Kunst ist lang;
632
Und kurz ist unser Leben.
633
Mir wird, bey meinem kritischen Bestreben,
634
Doch oft um Kopf und Busen bang'.
635
Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben,
636
Durch die man zu den Quellen steigt!
637
Und eh' man nur den halben Weg erreicht,
638
Muß wohl ein armer Teufel sterben.
639
Faust.
640
Das Pergament, ist das der heilge Bronnen,
641
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
642
Erquickung hast du nicht gewonnen,
643
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.
644
Wagner.
645
Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen,
646
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
647
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
648
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.
649
Faust.
650
O ja, bis an die Sterne weit!
651
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
652
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
653
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
654
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
655
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
656
Da ist's dann wahrlich oft ein Jammer!
657
Man läuft euch bey dem ersten Blick davon.
658
Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer,
659
Und höchstens eine Haupt- und Staatsaction,
660
Mit trefflichen, pragmatischen Maximen,
661
Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!
662
Wagner.
663
Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist!
664
Möcht' jeglicher doch was davon erkennen.
665
Faust.
666
Ja was man so erkennen heißt!
667
Wer darf das Kind beym rechten Namen nennen?
668
Die wenigen, die was davon erkannt,
669
Die thöricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
670
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
671
Hat man von je gekreutzigt und verbrannt.
672
Ich bitt' euch, Freund, es ist tief in der Nacht,
673
Wir müssen's dießmal unterbrechen.
674
Wagner.
675
Ich hätte gern nur immer fortgewacht,
676
Um so gelehrt mit euch mich zu besprechen.
677
Doch Morgen, als am ersten Ostertage,
678
Erlaubt mir ein' und andre Frage.
679
Mit Eifer hab' ich mich der Studien beflissen,
680
Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen.
681
(ab.)
682
Faust allein.
683
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
684
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
685
Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt,
686
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
687
Darf eine solche Menschenstimme hier,
688
Wo Geisterfülle mich umgab, ertönen?
689
Doch ach! für dießmal dank' ich dir,
690
Dem ärmlichsten von allen Erdensöhnen.
691
Du rissest mich von der Verzweiflung los,
692
Die mir die Sinne schon zerstören wollte.
693
Ach! die Erscheinung war so Riesen-groß,
694
Daß ich mich recht als Zwerg empfinden sollte.
695
Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon
696
Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit,
697
Sein selbst genoß, in Himmelsglanz und Klarheit,
698
Und abgestreift den Erdensohn;
699
Ich, mehr als Cherub, dessen freye Kraft
700
Schon durch die Adern der Natur zu fließen
701
Und, schaffend, Götterleben zu genießen
702
Sich ahndungsvoll vermaß, wie muß ich's büßen!
703
Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft.
704
Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen.
705
Hab' ich die Kraft dich anzuziehn besessen;
706
So hatt' ich dich zu halten keine Kraft.
707
In jenem sel'gen Augenblicke
708
Ich fühlte mich so klein, so groß,
709
Du stießest grausam mich zurücke,
710
Ins ungewisse Menschenloos.
711
Wer lehret mich? was soll ich meiden?
712
Soll ich gehorchen jenem Drang?
713
Ach! unsre Thaten selbst, so gut als unsre Leiden,
714
Sie hemmen unsres Lebens Gang.
715
Dem herrlichsten, was auch der Geist empfangen,
716
Drängt immer fremd und fremder Stoff sich an;
717
Wenn wir zum Guten dieser Welt gelangen,
718
Dann heißt das Beßre Trug und Wahn.
719
Die uns das Leben gaben, herrliche Gefühle
720
Erstarren in dem irdischen Gewühle.
721
Wenn Phantasie sich sonst, mit kühnem Flug,
722
Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,
723
So ist ein kleiner Raum ihr nun genug,
724
Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.
725
Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,
726
Dort wirket sie geheime Schmerzen,
727
Unruhig wiegt sie sich und störet Lust und Ruh;
728
Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu,
729
Sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen,
730
Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
731
Du bebst vor allem was nicht trifft,
732
Und was du nie verlierst das mußt du stets beweinen.
733
Den Göttern gleich' ich nicht! zu tief ist es gefühlt;
734
Dem Wurme gleich' ich, der den Staub durchwühlt;
735
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
736
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.
737
Ist es nicht Staub? was diese hohe Wand,
738
Aus hundert Fächern, mir verenget;
739
Der Trödel, der mit tausendfachem Tand,
740
In dieser Mottenwelt mich dränget?
741
Hier soll ich finden was mir fehlt?
742
Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen,
743
Daß überall die Menschen sich gequält,
744
Daß hie und da ein Glücklicher gewesen? --
745
Was grinsest du mir hohler Schädel her?
746
Als daß dein Hirn, wie meines, einst verwirret,
747
Den leichten Tag gesucht und in der Dämmrung schwer,
748
Mit Lust nach Wahrheit, jämmerlich geirret.
749
Ihr Instrumente freylich, spottet mein,
750
Mit Rad und Kämmen, Walz' und Bügel.
751
Ich stand am Thor, ihr solltet Schlüssel seyn;
752
Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.
753
Geheimnißvoll am lichten Tag
754
Läßt sich Natur des Schleyers nicht berauben,
755
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
756
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
757
Du alt Geräthe das ich nicht gebraucht,
758
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
759
Du alte Rolle, du wirst angeraucht,
760
So lang an diesem Pult die trübe Lampe schmauchte.
761
Weit besser hätt' ich doch mein weniges verpraßt,
762
Als mit dem wenigen belastet hier zu schwitzen!
763
Was du ererbt von deinen Vätern hast
764
Erwirb es, um es zu besitzen.
765
Was man nicht nützt ist eine schwere Last,
766
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
767
Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle?
768
Ist jenes Fläschchen dort den Augen ein Magnet?
769
Warum wird mir auf einmal lieblich helle?
770
Als wenn im nächt'gen Wald uns Mondenglanz umweht.
771
Ich grüße dich, du einzige Phiole!
772
Die ich mit Andacht nun herunterhole,
773
In dir verehr' ich Menschenwitz und Kunst.
774
Du Inbegriff der holden Schlummersäfte,
775
Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte,
776
Erweise deinem Meister deine Gunst!
777
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
778
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
779
Des Geistes Fluthstrom ebbet nach und nach.
780
Ins hohe Meer werd' ich hinausgewiesen,
781
Die Spiegelfluth erglänzt zu meinen Füßen,
782
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.
783
Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen,
784
An mich heran! Ich fühle mich bereit
785
Auf neuer Bahn den Aether zu durchdringen,
786
Zu neuen Sphären reiner Thätigkeit.
787
Dieß hohe Leben, diese Götterwonne!
788
Du, erst noch Wurm, und die verdienest du?
789
Ja, kehre nur der holden Erdensonne
790
Entschlossen deinen Rücken zu!
791
Vermesse dich die Pforten aufzureißen,
792
Vor denen jeder gern vorüber schleicht.
793
Hier ist es Zeit durch Thaten zu beweisen,
794
Daß Mannes-Würde nicht der Götterhöhe weicht,
795
Vor jener dunkeln Höhle nicht zu beben,
796
In der sich Phantasie zu eigner Quaal verdammt,
797
Nach jenem Durchgang hinzustreben,
798
Um dessen engen Mund die ganze Hölle flammt;
799
Zu diesem Schritt sich heiter zu entschließen
800
Und, wär' es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu fließen.
801
Nun komm herab, krystallne reine Schaale!
802
Hervor aus deinem alten Futterale,
803
An die ich viele Jahre nicht gedacht.
804
Du glänztest bey der Väter Freudenfeste,
805
Erheitertest die ernsten Gäste,
806
Wenn einer dich dem andern zugebracht.
807
Der vielen Bilder künstlich reiche Pracht,
808
Des Trinkers Pflicht, sie reimweis zu erklären,
809
Auf Einen Zug die Höhlung auszuleeren,
810
Erinnert mich an manche Jugend-Nacht,
811
Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen,
812
Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen,
813
Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.
814
Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle.
815
Den ich bereitet, den ich wähle,
816
Der letzte Trunk sey nun, mit ganzer Seele,
817
Als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!
818
(Er setzt die Schaale an den Mund.)
819
Glockenklang und Chorgesang.
820
Chor der Engel.
821
Christ ist erstanden!
822
Freude dem Sterblichen,
823
Den die verderblichen,
824
Schleichenden, erblichen
825
Mängel umwanden.
826
Faust.
827
Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton,
828
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
829
Verkündiget ihr dumpfen Glocken schon
830
Des Osterfestes erste Feyerstunde?
831
Ihr Chöre singt ihr schon den tröstlichen Gesang?
832
Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
833
Gewißheit einem neuen Bunde.
834
Chor der Weiber.
835
Mit Spezereyen
836
Hatten wir ihn gepflegt,
837
Wir seine Treuen
838
Hatten ihn hingelegt;
839
Tücher und Binden
840
Reinlich umwanden wir,
841
Ach! und wir finden
842
Christ nicht mehr hier.
843
Chor der Engel.
844
Christ ist erstanden!
845
Selig der Liebende,
846
Der die Betrübende,
847
Heilsam' und übende
848
Prüfung bestanden.
849
Faust.
850
Was sucht ihr, mächtig und gelind,
851
Ihr Himmelstöne mich am Staube?
852
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
853
Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube
854
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
855
Zu jenen Sphären wag' ich nicht zu streben,
856
Woher die holde Nachricht tönt;
857
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
858
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
859
Sonst stürzte sich der Himmels-Liebe Kuß
860
Auf mich herab, in ernster Sabathstille;
861
Da klang so ahndungsvoll des Glockentones Fülle,
862
Und ein Gebet war brünstiger Genuß;
863
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
864
Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn,
865
Und unter tausend heißen Thränen,
866
Fühlt' ich mir eine Welt entstehn.
867
Dieß Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,
868
Der Frühlingsfeyer freyes Glück;
869
Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
870
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
871
O! tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
872
Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder!
873
Chor der Jünger.
874
Hat der Begrabene
875
Schon sich nach oben,
876
Lebend Erhabene,
877
Herrlich erhoben;
878
Ist er in Werdelust
879
Schaffender Freude nah;
880
Ach! an der Erde Brust,
881
Sind wir zum Leide da.
882
Ließ er die Seinen
883
Schmachtend uns hier zurück;
884
Ach! wir beweinen
885
Meister dein Glück!
886
Chor der Engel.
887
Christ ist erstanden,
888
Aus der Verwesung Schoos.
889
Reißet von Banden
890
Freudig euch los!
891
Thätig ihn preisenden,
892
Liebe beweisenden,
893
Brüderlich speisenden,
894
Predigend reisenden,
895
Wonne verheißenden
896
Euch ist der Meister nah',
897
Euch ist er da!
Загрузка...