1
Faust.
2
Eine Tragödie von Goethe.
3
Zueignung.
4
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!
5
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
6
Versuch' ich wohl euch diesmal fest zu halten?
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Fühl' ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
8
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
9
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
10
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
11
Vom Zauberhauch der euren Zug umwittert.
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Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
13
Und manche liebe Schatten steigen auf;
14
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage,
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Kommt erste Lieb' und Freundschaft mit herauf;
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Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
17
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
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Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden
19
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.
20
Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
21
Die Seelen, denen ich die ersten sang,
22
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
23
Verklungen ach! der erste Wiederklang.
24
Mein Leid[Lied] ertönt der unbekannten Menge,
25
Ihr Beyfall selbst macht meinem Herzen bang,
26
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
27
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.
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Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
29
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
30
Es schwebet nun, in unbestimmten Tönen,
31
Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe gleich,
32
Ein Schauer faßt mich, Thräne folgt den Thränen,
33
Das strenge Herz es fühlt sich mild und weich;
34
Was ich besitze seh' ich wie im weiten,
35
Und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten.
36
Vorspiel auf dem Theater.
37
Director, Theaterdichter, lustige Person.
38
Director.
39
Ihr beyden die ihr mir so oft,
40
In Noth und Trübsal, beygestanden,
41
Sagt was ihr wohl, in deutschen Landen,
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Von unsrer Unternehmung hofft?
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Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,
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Besonders weil sie lebt und leben läßt.
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Die Pfosten sind, die Breter aufgeschlagen,
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Und jedermann erwartet sich ein Fest.
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Sie sitzen schon, mit hohen Augenbraunen,
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Gelassen da und möchten gern erstaunen.
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Ich weiß wie man den Geist des Volks versöhnt;
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Doch so verlegen bin ich nie gewesen;
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Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,
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Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
53
Wie machen wir's? daß alles frisch und neu
54
Und mit Bedeutung auch gefällig sey.
55
Denn freylich mag ich gern die Menge sehen,
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Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
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Und mit gewaltig wiederholten Wehen,
58
Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;
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Bey hellem Tage, schon vor Vieren,
60
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
61
Und, wie in Hungersnoth um Brot an Beckerthüren,
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Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.
63
Dieß Wunder wirkt auf so verschiedne Leute
64
Der Dichter nur; mein Freund, o! thu es heute.
65
Dichter.
66
O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
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Bey deren Anblick uns der Geist entflieht.
68
Verhülle mir das wogende Gedränge,
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Das wider Willen uns zum Strudel zieht.
70
Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,
71
Wo nur dem Dichter reine Freude blüht;
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Wo Lieb' und Freundschaft unsres Herzens Segen
73
Mit Götterhand erschaffen und erpflegen.
74
Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen,
75
Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt,
76
Mißrathen jetzt und jetzt vielleicht gelungen,
77
Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.
78
Oft wenn es erst durch Jahre durchgedrungen
79
Erscheint es in vollendeter Gestalt.
80
Was glänzt ist für den Augenblick geboren,
81
Das Aechte bleibt der Nachwelt unverloren.
82
Lustige Person.
83
Wenn ich nur nichts von Nachwelt hören sollte.
84
Gesetzt daß ich von Nachwelt reden wollte,
85
Wer machte denn der Mitwelt Spaß?
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Den will sie doch und soll ihn haben.
87
Die Gegenwart von einem braven Knaben
88
Ist, dächt' ich, immer auch schon was.
89
Wer sich behaglich mitzutheilen weiß,
90
Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;
91
Er wünscht sich einen großen Kreis,
92
Um ihn gewisser zu erschüttern.
93
Drum seyd nur brav und zeigt euch musterhaft,
94
Laßt Phantasie, mit allen ihren Chören,
95
Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,
96
Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hören.
97
Director.
98
Besonders aber laßt genug geschehn!
99
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
100
Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
101
So daß die Menge staunend gaffen kann,
102
Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen,
103
Ihr seyd ein vielgeliebter Mann.
104
Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen,
105
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
106
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
107
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
108
Gebt ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!
109
Solch ein Ragout es muß euch glücken;
110
Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.
111
Was hilft's wenn ihr ein Ganzes dargebracht,
112
Das Publikum wird es euch doch zerpflücken.
113
Dichter.
114
Ihr fühlet nicht wie schlecht ein solches Handwerk sey!
115
Wie wenig das den ächten Künstler zieme!
116
Der saubern Herren Pfuscherey
117
Ist, merk' ich, schon bey euch Maxime.
118
Director.
119
Ein solcher Vorwurf läßt mich ungekränkt;
120
Ein Mann, der recht zu wirken denkt,
121
Muß auf das beste Werkzeug halten.
122
Bedenkt, ihr habet weiches Holz zu spalten,
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Und seht nur hin für wen ihr schreibt!
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Wenn diesen Langeweile treibt,
125
Kommt jener satt vom übertischten Mahle,
126
Und, was das allerschlimmste bleibt,
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Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.
128
Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,
129
Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt;
130
Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten
131
Und spielen ohne Gage mit.
132
Was träumet ihr auf eurer Dichter-Höhe?
133
Was macht ein volles Haus euch froh?
134
Beseht die Gönner in der Nähe!
135
Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.
136
Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,
137
Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.
138
Was plagt ihr armen Thoren viel,
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Zu solchem Zweck, die holden Musen?
140
Ich sag' euch, gebt nur mehr, und immer, immer mehr,
141
So könnt ihr euch vom Ziele nie verirren,
142
Sucht nur die Menschen zu verwirren,
143
Sie zu befriedigen ist schwer -- --
144
Was fällt euch an? Entzückung oder Schmerzen?
145
Dichter.
146
Geh hin und such dir einen andern Knecht!
147
Der Dichter sollte wohl das höchste Recht,
148
Das Menschenrecht, das ihm Natur vergönnt,
149
Um deinetwillen freventlich verscherzen!
150
Wodurch bewegt er alle Herzen?
151
Wodurch besiegt er jedes Element?
152
Ist es der Einklang nicht? der aus dem Busen dringt,
153
Und in sein Herz die Welt zurücke schlingt.
154
Wenn die Natur des Fadens ew'ge Länge,
155
Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt,
156
Wenn aller Wesen unharmon'sche Menge
157
Verdrießlich durch einander klingt;
158
Wer theilt die fließend immer gleiche Reihe
159
Belebend ab, daß sie sich rythmisch regt?
160
Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe?
161
Wo es in herrlichen Accorden schlägt,
162
Wer läßt den Sturm zu Leidenschaften wüthen?
163
Das Abendroth im ernsten Sinne glühn?
164
Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten
165
Auf der Geliebten Pfade hin?
166
Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter
167
Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?
168
Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?
169
Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.
170
Lustige Person.
171
So braucht sie denn die schönen Kräfte
172
Und treibt die dicht'rischen Geschäfte,
173
Wie man ein Liebesabenteuer treibt.
174
Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt
175
Und nach und nach wird man verflochten;
176
Es wächst das Glück, dann wird es angefochten,
177
Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,
178
Und eh man sich's versieht ist's eben ein Roman.
179
Laßt uns auch so ein Schauspiel geben!
180
Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
181
Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt,
182
Und wo ihr's packt, da ist's interessant.
183
In bunten Bildern wenig Klarheit,
184
Viel Irrthum und ein Fünkchen Wahrheit,
185
So wird der beste Trank gebraut,
186
Der alle Welt erquickt und auferbaut.
187
Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte
188
Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,
189
Dann sauget jedes zärtliche Gemüthe
190
Aus eurem Werk sich melanchol'sche Nahrung;
191
Dann wird bald dies bald jenes aufgeregt,
192
Ein jeder sieht was er im Herzen trägt.
193
Noch sind sie gleich bereit zu weinen und zu lachen,
194
Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;
195
Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,
196
Ein Werdender wird immer dankbar seyn.
197
Dichter.
198
So gieb mir auch die Zeiten wieder,
199
Da ich noch selbst im Werden war,
200
Da sich ein Quell gedrängter Lieder
201
Ununterbrochen neu gebar,
202
Da Nebel mir die Welt verhüllten,
203
Die Knospe Wunder noch versprach,
204
Da ich die tausend Blumen brach,
205
Die alle Thäler reichlich füllten.
206
Ich hatte nichts und doch genug,
207
Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.
208
Gieb ungebändigt jene Triebe,
209
Das tiefe schmerzenvolle Glück,
210
Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
211
Gieb meine Jugend mir zurück!
212
Lustige Person.
213
Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls
214
Wenn dich in Schlachten Feinde drängen,
215
Wenn mit Gewalt an deinen Hals
216
Sich allerliebste Mädchen hängen,
217
Wenn fern des schnellen Laufes Kranz
218
Vom schwer erreichten Ziele winket,
219
Wenn nach dem heftgen Wirbeltanz
220
Die Nächte schmausend man vertrinket.
221
Doch ins bekannte Saitenspiel
222
Mit Muth und Anmuth einzugreifen,
223
Nach einem selbgesteckten Ziel
224
Mit holdem Irren hinzuschweifen,
225
Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,
226
Und wir verehren euch darum nicht minder.
227
Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht,
228
Es findet uns nur noch als wahre Kinder.
229
Director.
230
Der Worte sind genug gewechselt,
231
Laßt mich auch endlich Thaten sehn;
232
Indeß ihr Complimente drechselt,
233
Kann etwas nützliches geschehn.
234
Was hilft es viel von Stimmung reden?
235
Dem Zaudernden erscheint sie nie.
236
Gebt ihr euch einmal für Poeten,
237
So kommandirt die Poesie.
238
Euch ist bekannt was wir bedürfen,
239
Wir wollen stark Getränke schlürfen;
240
Nun braut mir unverzüglich dran!
241
Was heute nicht geschieht, ist Morgen nicht gethan,
242
Und keinen Tag soll man verpassen,
243
Das Mögliche soll der Entschluß
244
Beherzt sogleich beym Schopfe fassen,
245
Er will es dann nicht fahren lassen,
246
Und wirket weiter, weil er muß.
247
Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
248
Probirt ein jeder was er mag;
249
Drum schonet mir an diesem Tag
250
Prospecte nicht und nicht Maschinen.
251
Gebraucht das groß' und kleine Himmelslicht,
252
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;
253
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
254
An Thier und Vögeln fehlt es nicht.
255
So schreitet in dem engen Breterhaus
256
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
257
Und wandelt, mit bedächtger Schnelle,
258
Vom Himmel, durch die Welt, zur Hölle.
259
Prolog im Himmel.
260
Der Herr, die himmlischen Heerscharen, nachher Mephistopheles.
261
Die drey Erzengel treten vor.
262
Raphael.
263
Die Sonne tönt, nach alter Weise,
264
In Brudersphären Wettgesang,
265
Und ihre vorgeschriebne Reise
266
Vollendet sie mit Donnergang.
267
Ihr Anblick giebt den Engeln Stärke,
268
Wenn keiner sie ergründen mag.
269
Die unbegreiflich hohen Werke
270
Sind herrlich wie am ersten Tag.
271
Gabriel.
272
Und schnell und unbegreiflich schnelle
273
Dreht sich umher der Erde Pracht;
274
Es wechselt Paradieses-Helle
275
Mit tiefer schauervoller Nacht;
276
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen
277
Am tiefen Grund der Felsen auf,
278
Und Fels und Meer wird fortgerissen
279
In ewig schnellem Sphärenlauf.
280
Michael.
281
Und Stürme brausen um die Wette
282
Vom Meer aufs Land vom Land aufs Meer,
283
Und bilden wüthend eine Kette
284
Der tiefsten Wirkung rings umher.
285
Da flammt ein blitzendes Verheeren
286
Dem Pfade vor des Donnerschlags.
287
Doch deine Boten, Herr, verehren
288
Das sanfte Wandeln deines Tags.
289
Zu Drey.
290
Der Anblick giebt den Engeln Stärke
291
Da keiner dich ergründen mag,
292
Und alle deine hohen Werke
293
Sind herrlich wie am ersten Tag.
294
Mephistopheles.
295
Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
296
Und fragst wie alles sich bey uns befinde,
297
Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst;
298
So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
299
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
300
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;
301
Mein Pathos brächte dich gewiß zum lachen,
302
Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
303
Von Sonn' und Welten weiß ich nichts zu sagen,
304
Ich sehe nur wie sich die Menschen plagen.
305
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
306
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
307
Ein wenig besser würd' er leben,
308
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
309
Er nennts Vernunft und braucht's allein
310
Nur thierischer als jedes Thier zu seyn.
311
Er scheint mir, mit Verlaub von Ew. Gnaden,
312
Wie eine der langbeinigen Cicaden,
313
Die immer fliegt und fliegend springt
314
Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;
315
Und läg' er nur noch immer in dem Grase!
316
In jeden Quark begräbt er seine Nase.
317
Der Herr.
318
Hast du mir weiter nichts zu sagen?
319
Kommst du nur immer anzuklagen?
320
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?
321
Mephistopheles.
322
Nein Herr! ich find' es dort, wie immer, herzlich schlecht.
323
Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
324
Ich mag sogar die Armen selbst nicht plagen.
325
Der Herr.
326
Kennst du den Faust?
327
Mephistopheles.
328
Den Doctor?
329
Der Herr.
330
Meinen Knecht!
331
Mephistopheles.
332
Fürwahr! er dient euch auf besondre Weise.
333
Nicht irdisch ist des Thoren Trank noch Speise.
334
Ihn treibt die Gährung in die Ferne,
335
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
336
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne,
337
Und von der Erde jede höchste Lust,
338
Und alle Näh' und alle Ferne
339
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.
340
Der Herr.
341
Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient;
342
So werd' ich ihn bald in die Klarheit führen.
343
Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,
344
Daß Blüt' und Frucht die künft'gen Jahre zieren.
345
Mephistopheles.
346
Was wettet ihr? den sollt ihr noch verlieren!
347
Wenn ihr mir die Erlaubniß gebt
348
Ihn meine Straße sacht zu führen.
349
Der Herr.
350
So lang' er auf der Erde lebt,
351
So lange sey dir's nicht verboten.
352
Es irrt der Mensch so lang er strebt.
353
Mephistopheles.
354
Da dank' ich euch; denn mit den Todten
355
Hab' ich mich niemals gern befangen.
356
An[Am] meisten lieb' ich mir die vollen frischen Wangen.
357
Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus;
358
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.
359
Der Herr.
360
Nun gut, es sey dir überlassen!
361
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
362
Und führ' ihn, kannst du ihn erfassen,
363
Auf deinem Wege mit herab,
364
Und steh' beschämt, wenn du bekennen mußt:
365
Ein guter Mensch, in seinem dunkeln Drange,
366
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.
367
Mephistopheles.
368
Schon gut! nur dauert es nicht lange.
369
Mir ist für meine Wette gar nicht bange.
370
Wenn ich zu meinem Zweck gelange,
371
Erlaubt ihr mir Triumph aus voller Brust.
372
Staub soll er fressen, und mit Lust,
373
Wie meine Muhme, die berühmte Schlange.
374
Der Herr.
375
Du darfst auch da nur frey erscheinen;
376
Ich habe deines gleichen nie gehaßt.
377
Von allen Geistern die verneinen
378
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
379
Des Menschen Thätigkeit kann allzuleicht erschlaffen,
380
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
381
Drum geb' ich gern ihm den Gesellen zu,
382
Der reizt und wirkt, und muß, als Teufel, schaffen.
383
Doch ihr, die ächten Göttersöhne,
384
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
385
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
386
Umfaß' euch mit der Liebe holden Schranken,
387
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
388
Befestiget mit dauernden Gedanken.
389
Der Himmel schließt, die Erzengel vertheilen sich,
390
Mephistopheles allein.
391
Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern,
392
Und hüte mich mit ihm zu brechen.
393
Es ist gar hübsch von einem großen Herrn
394
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.
395
Der Tragödie
396
Erster Theil.
397
Nacht.
398
In einem hochgewölbten, engen, gothischen Zimmer Faust unruhig auf seinem Sessel am Pulte.
399
Faust.
400
Habe nun, ach! Philosophie,
401
Juristerey und Medicin,
402
Und leider auch Theologie!
403
Durchaus studirt, mit heißem Bemühn.
404
Da steh' ich nun, ich armer Thor!
405
Und bin so klug als wie zuvor;
406
Heiße Magister, heiße Doctor gar,
407
Und ziehe schon an die zehen Jahr,
408
Herauf, herab und quer und krumm,
409
Meine Schüler an der Nase herum --
410
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
411
Das will mir schier das Herz verbrennen.
412
Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen,
413
Doctoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
414
Mich plagen keine Scrupel noch Zweifel,
415
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel --
416
Dafür ist mir auch alle Freud' entrissen,
417
Bilde mir nicht ein was rechts zu wissen,
418
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
419
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
420
Auch hab' ich weder Gut noch Geld,
421
Noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt.
422
Es möchte kein Hund so länger leben!
423
Drum hab' ich mich der Magie ergeben,
424
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
425
Nicht manch Geheimniß würde kund;
426
Daß ich nicht mehr mit sauerm Schweiß,
427
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
428
Daß ich erkenne, was die Welt
429
Im Innersten zusammenhält,
430
Schau' alle Wirkenskraft und Samen,
431
Und thu' nicht mehr in Worten kramen.
432
O sähst du, voller Mondenschein,
433
Zum letztenmal auf meine Pein,
434
Den ich so manche Mitternacht
435
An diesem Pult herangewacht:
436
Dann über Büchern und Papier,
437
Trübsel'ger Freund, erschienst du mir!
438
Ach! könnt' ich doch auf Berges-Höh'n,
439
In deinem lieben Lichte gehn,
440
Um Bergeshöle mit Geistern schweben,
441
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
442
Von allem Wissensqualm entladen,
443
In deinem Thau gesund mich baden!
444
Weh! steck' ich in dem Kerker noch?
445
Verfluchtes, dumpfes Mauerloch!
446
Wo selbst das liebe Himmelslicht
447
Trüb' durch gemahlte Scheiben bricht.
448
Beschränkt mit diesem Bücherhauf,
449
Den Würme nagen, Staub bedeckt,
450
Den, bis an's hohe Gewölb' hinauf,
451
Ein angeraucht Papier umsteckt;
452
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
453
Mit Instrumenten vollgepfropft,
454
Urväter Hausrath drein gestopft --
455
Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!
456
Und fragst du noch, warum dein Herz
457
Sich bang' in deinem Busen klemmt?
458
Warum ein unerklärter Schmerz
459
Dir alle Lebensregung hemmt?
460
Statt der lebendigen Natur,
461
Da Gott die Menschen schuf hinein,
462
Umgiebt in Rauch und Moder nur
463
Dich Thiergeripp' und Todtenbein.
464
Flieh! auf! hinaus ins weite Land!
465
Und dieß geheimnißvolle Buch,
466
Von Nostradamus eigner Hand,
467
Ist dir es nicht Geleit genug?
468
Erkennest dann der Sterne Lauf,
469
Und wenn Natur dich unterweist,
470
Dann geht die Seelenkraft dir auf,
471
Wie spricht ein Geist zum andern Geist.
472
Umsonst, daß trocknes Sinnen hier
473
Die heil'gen Zeichen dir erklärt,
474
Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir,
475
Antwortet mir, wenn ihr mich hört!
476
(Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.)
477
Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
478
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
479
Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück
480
Neuglühend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
481
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb?
482
Die mir das innre Toben stillen,
483
Das arme Herz mit Freude füllen,
484
Und mit geheimnißvollem Trieb,
485
Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen.
486
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
487
Ich schau' in diesen reinen Zügen
488
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.
489
Jetzt erst erkenn' ich was der Weise spricht:
490
»Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
491
»Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt!
492
»Auf bade, Schüler, unverdrossen,
493
»Die ird'sche Brust im Morgenroth!«
494
(Er beschaut das Zeichen.)
495
Wie alles sich zum Ganzen webt,
496
Eins in dem andern wirkt und lebt!
497
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
498
Und sich die goldnen Eimer reichen!
499
Mit segenduftenden Schwingen
500
Vom Himmel durch die Erde dringen,
501
Harmonisch all' das All durchklingen!
502
Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!
503
Wo faß' ich dich, unendliche Natur?
504
Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
505
An denen Himmel und Erde hängt,
506
Dahin die welke Brust sich drängt --
507
Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht' ich so vergebens?
508
(Er schlägt unwillig das Buch um, und erblickt das Zeichen des Erdgeistes.)
509
Wie anders wirkt dieß Zeichen auf mich ein!
510
Du, Geist der Erde, bist mir näher;
511
Schon fühl' ich meine Kräfte höher,
512
Schon glüh' ich wie von neuem Wein,
513
Ich fühle Muth, mich in die Welt zu wagen,
514
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,
515
Mit Stürmen mich herumzuschlagen,
516
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen,
517
Es wölkt sich über mir --
518
Der Mond verbirgt sein Licht --
519
Die Lampe schwindet!
520
Es dampft! -- Es zucken rothe Strahlen
521
Mir um das Haupt -- Es weht
522
Ein Schauer vom Gewölb' herab
523
Und faßt mich an!
524
Ich fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist.
525
Enthülle dich!
526
Ha! wie's in meinem Herzen reißt!
527
Zu neuen Gefühlen
528
All' meine Sinnen sich erwühlen!
529
Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!
530
Du mußt! du mußt! und kostet' es mein Leben!
531
(Er faßt das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnißvoll aus.
532
Es zuckt eine röthliche Flamme, der Geist erscheint in der Flamme.)
533
Geist.
534
Wer ruft mir?
535
Faust abgewendet.
536
Schreckliches Gesicht!
537
Geist.
538
Du hast mich mächtig angezogen,
539
An meiner Sphäre lang' gesogen,
540
Und nun --
541
Faust.
542
Weh! ich ertrag' dich nicht!
543
Geist.
544
Du flehst erathmend mich zu schauen,
545
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn,
546
Mich neigt dein mächtig Seelenflehn,
547
Da bin ich! -- Welch erbärmlich Grauen
548
Faßt Uebermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?
549
Wo ist die Brust? die eine Welt in sich erschuf,
550
Und trug und hegte; die mit Freudebeben
551
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben.
552
Wo bist du, Faust? deß Stimme mir erklang,
553
Der sich an mich mit allen Kräften drang?
554
Bist Du es? der, von meinem Hauch umwittert,
555
In allen Lebenstiefen zittert,
556
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm!
557
Faust.
558
Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
559
Ich bin's, bin Faust, bin deines gleichen!
560
Geist.
561
In Lebensfluthen, im Thatensturm
562
Wall' ich auf und ab,
563
Webe hin und her!
564
Geburt und Grab,
565
Ein ewiges Meer,
566
Ein wechselnd Weben,
567
Ein glühend Leben,
568
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
569
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
570
Faust.
571
Der du die weite Welt umschweifst,
572
Geschäftiger Geist, wie nah fühl' ich mich dir!
573
Geist.
574
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
575
Nicht mir!
576
(Verschwindet.)
577
Faust zusammenstürzend.
578
Nicht dir!
579
Wem denn?
580
Ich Ebenbild der Gottheit!
581
Und nicht einmal dir!
582
(Es klopft.)
583
O Tod! ich kenn's -- das ist mein Famulus --
584
Es wird mein schönstes Glück zu nichte!
585
Daß diese Fülle der Gesichte
586
Der trockne Schleicher stören muß!
587
(Wagner im Schlafrocke und der Nachtmütze, eine Lampe in der Hand. Faust wendet sich unwillig.)
588
Wagner.
589
Verzeiht! ich hör' euch declamiren;
590
Ihr las't gewiß ein griechisch Trauerspiel?
591
In dieser Kunst möcht' ich 'was profitiren,
592
Denn heut zu Tage wirkt das viel.
593
Ich hab' es öfters rühmen hören,
594
Ein Komödiant könnt' einen Pfarrer lehren.
595
Faust.
596
Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist;
597
Wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag.
598
Wagner.
599
Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist,
600
Und sieht die Welt kaum einen Feyertag,
601
Kaum durch ein Fernglas, nur von weiten,
602
Wie soll man sie durch Ueberredung leiten?
603
Faust.
604
Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
605
Wenn es nicht aus der Seele dringt,
606
Und mit urkräftigem Behagen
607
Die Herzen aller Hörer zwingt.
608
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
609
Braut ein Ragout von andrer Schmaus,
610
Und blas't die kümmerlichen Flammen
611
Aus eurem Aschenhäufchen 'raus!
612
Bewund'rung von Kindern und Affen,
613
Wenn euch darnach der Gaumen steht;
614
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
615
Wenn es euch nicht von Herzen geht.
616
Wagner.
617
Allein der Vortrag macht des Redners Glück;
618
Ich fühl' es wohl, noch bin ich weit zurück.
619
Faust.
620
Such' Er den redlichen Gewinn!
621
Sey er kein schellenlauter Thor!
622
Es trägt Verstand und rechter Sinn
623
Mit wenig Kunst sich selber vor;
624
Und wenn's euch Ernst ist was zu sagen,
625
Ist's nöthig Worten nachzujagen?
626
Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
627
In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,
628
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
629
Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!
630
Wagner.
631
Ach Gott! die Kunst ist lang;
632
Und kurz ist unser Leben.
633
Mir wird, bey meinem kritischen Bestreben,
634
Doch oft um Kopf und Busen bang'.
635
Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben,
636
Durch die man zu den Quellen steigt!
637
Und eh' man nur den halben Weg erreicht,
638
Muß wohl ein armer Teufel sterben.
639
Faust.
640
Das Pergament, ist das der heilge Bronnen,
641
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
642
Erquickung hast du nicht gewonnen,
643
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.
644
Wagner.
645
Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen,
646
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
647
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
648
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.
649
Faust.
650
O ja, bis an die Sterne weit!
651
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
652
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
653
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
654
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
655
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
656
Da ist's dann wahrlich oft ein Jammer!
657
Man läuft euch bey dem ersten Blick davon.
658
Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer,
659
Und höchstens eine Haupt- und Staatsaction,
660
Mit trefflichen, pragmatischen Maximen,
661
Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!
662
Wagner.
663
Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist!
664
Möcht' jeglicher doch was davon erkennen.
665
Faust.
666
Ja was man so erkennen heißt!
667
Wer darf das Kind beym rechten Namen nennen?
668
Die wenigen, die was davon erkannt,
669
Die thöricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
670
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
671
Hat man von je gekreutzigt und verbrannt.
672
Ich bitt' euch, Freund, es ist tief in der Nacht,
673
Wir müssen's dießmal unterbrechen.
674
Wagner.
675
Ich hätte gern nur immer fortgewacht,
676
Um so gelehrt mit euch mich zu besprechen.
677
Doch Morgen, als am ersten Ostertage,
678
Erlaubt mir ein' und andre Frage.
679
Mit Eifer hab' ich mich der Studien beflissen,
680
Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen.
681
(ab.)
682
Faust allein.
683
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
684
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
685
Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt,
686
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
687
Darf eine solche Menschenstimme hier,
688
Wo Geisterfülle mich umgab, ertönen?
689
Doch ach! für dießmal dank' ich dir,
690
Dem ärmlichsten von allen Erdensöhnen.
691
Du rissest mich von der Verzweiflung los,
692
Die mir die Sinne schon zerstören wollte.
693
Ach! die Erscheinung war so Riesen-groß,
694
Daß ich mich recht als Zwerg empfinden sollte.
695
Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon
696
Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit,
697
Sein selbst genoß, in Himmelsglanz und Klarheit,
698
Und abgestreift den Erdensohn;
699
Ich, mehr als Cherub, dessen freye Kraft
700
Schon durch die Adern der Natur zu fließen
701
Und, schaffend, Götterleben zu genießen
702
Sich ahndungsvoll vermaß, wie muß ich's büßen!
703
Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft.
704
Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen.
705
Hab' ich die Kraft dich anzuziehn besessen;
706
So hatt' ich dich zu halten keine Kraft.
707
In jenem sel'gen Augenblicke
708
Ich fühlte mich so klein, so groß,
709
Du stießest grausam mich zurücke,
710
Ins ungewisse Menschenloos.
711
Wer lehret mich? was soll ich meiden?
712
Soll ich gehorchen jenem Drang?
713
Ach! unsre Thaten selbst, so gut als unsre Leiden,
714
Sie hemmen unsres Lebens Gang.
715
Dem herrlichsten, was auch der Geist empfangen,
716
Drängt immer fremd und fremder Stoff sich an;
717
Wenn wir zum Guten dieser Welt gelangen,
718
Dann heißt das Beßre Trug und Wahn.
719
Die uns das Leben gaben, herrliche Gefühle
720
Erstarren in dem irdischen Gewühle.
721
Wenn Phantasie sich sonst, mit kühnem Flug,
722
Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,
723
So ist ein kleiner Raum ihr nun genug,
724
Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.
725
Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,
726
Dort wirket sie geheime Schmerzen,
727
Unruhig wiegt sie sich und störet Lust und Ruh;
728
Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu,
729
Sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen,
730
Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
731
Du bebst vor allem was nicht trifft,
732
Und was du nie verlierst das mußt du stets beweinen.
733
Den Göttern gleich' ich nicht! zu tief ist es gefühlt;
734
Dem Wurme gleich' ich, der den Staub durchwühlt;
735
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
736
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.
737
Ist es nicht Staub? was diese hohe Wand,
738
Aus hundert Fächern, mir verenget;
739
Der Trödel, der mit tausendfachem Tand,
740
In dieser Mottenwelt mich dränget?
741
Hier soll ich finden was mir fehlt?
742
Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen,
743
Daß überall die Menschen sich gequält,
744
Daß hie und da ein Glücklicher gewesen? --
745
Was grinsest du mir hohler Schädel her?
746
Als daß dein Hirn, wie meines, einst verwirret,
747
Den leichten Tag gesucht und in der Dämmrung schwer,
748
Mit Lust nach Wahrheit, jämmerlich geirret.
749
Ihr Instrumente freylich, spottet mein,
750
Mit Rad und Kämmen, Walz' und Bügel.
751
Ich stand am Thor, ihr solltet Schlüssel seyn;
752
Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.
753
Geheimnißvoll am lichten Tag
754
Läßt sich Natur des Schleyers nicht berauben,
755
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
756
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
757
Du alt Geräthe das ich nicht gebraucht,
758
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
759
Du alte Rolle, du wirst angeraucht,
760
So lang an diesem Pult die trübe Lampe schmauchte.
761
Weit besser hätt' ich doch mein weniges verpraßt,
762
Als mit dem wenigen belastet hier zu schwitzen!
763
Was du ererbt von deinen Vätern hast
764
Erwirb es, um es zu besitzen.
765
Was man nicht nützt ist eine schwere Last,
766
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
767
Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle?
768
Ist jenes Fläschchen dort den Augen ein Magnet?
769
Warum wird mir auf einmal lieblich helle?
770
Als wenn im nächt'gen Wald uns Mondenglanz umweht.
771
Ich grüße dich, du einzige Phiole!
772
Die ich mit Andacht nun herunterhole,
773
In dir verehr' ich Menschenwitz und Kunst.
774
Du Inbegriff der holden Schlummersäfte,
775
Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte,
776
Erweise deinem Meister deine Gunst!
777
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
778
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
779
Des Geistes Fluthstrom ebbet nach und nach.
780
Ins hohe Meer werd' ich hinausgewiesen,
781
Die Spiegelfluth erglänzt zu meinen Füßen,
782
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.
783
Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen,
784
An mich heran! Ich fühle mich bereit
785
Auf neuer Bahn den Aether zu durchdringen,
786
Zu neuen Sphären reiner Thätigkeit.
787
Dieß hohe Leben, diese Götterwonne!
788
Du, erst noch Wurm, und die verdienest du?
789
Ja, kehre nur der holden Erdensonne
790
Entschlossen deinen Rücken zu!
791
Vermesse dich die Pforten aufzureißen,
792
Vor denen jeder gern vorüber schleicht.
793
Hier ist es Zeit durch Thaten zu beweisen,
794
Daß Mannes-Würde nicht der Götterhöhe weicht,
795
Vor jener dunkeln Höhle nicht zu beben,
796
In der sich Phantasie zu eigner Quaal verdammt,
797
Nach jenem Durchgang hinzustreben,
798
Um dessen engen Mund die ganze Hölle flammt;
799
Zu diesem Schritt sich heiter zu entschließen
800
Und, wär' es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu fließen.
801
Nun komm herab, krystallne reine Schaale!
802
Hervor aus deinem alten Futterale,
803
An die ich viele Jahre nicht gedacht.
804
Du glänztest bey der Väter Freudenfeste,
805
Erheitertest die ernsten Gäste,
806
Wenn einer dich dem andern zugebracht.
807
Der vielen Bilder künstlich reiche Pracht,
808
Des Trinkers Pflicht, sie reimweis zu erklären,
809
Auf Einen Zug die Höhlung auszuleeren,
810
Erinnert mich an manche Jugend-Nacht,
811
Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen,
812
Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen,
813
Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.
814
Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle.
815
Den ich bereitet, den ich wähle,
816
Der letzte Trunk sey nun, mit ganzer Seele,
817
Als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!
818
(Er setzt die Schaale an den Mund.)
819
Glockenklang und Chorgesang.
820
Chor der Engel.
821
Christ ist erstanden!
822
Freude dem Sterblichen,
823
Den die verderblichen,
824
Schleichenden, erblichen
825
Mängel umwanden.
826
Faust.
827
Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton,
828
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
829
Verkündiget ihr dumpfen Glocken schon
830
Des Osterfestes erste Feyerstunde?
831
Ihr Chöre singt ihr schon den tröstlichen Gesang?
832
Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
833
Gewißheit einem neuen Bunde.
834
Chor der Weiber.
835
Mit Spezereyen
836
Hatten wir ihn gepflegt,
837
Wir seine Treuen
838
Hatten ihn hingelegt;
839
Tücher und Binden
840
Reinlich umwanden wir,
841
Ach! und wir finden
842
Christ nicht mehr hier.
843
Chor der Engel.
844
Christ ist erstanden!
845
Selig der Liebende,
846
Der die Betrübende,
847
Heilsam' und übende
848
Prüfung bestanden.
849
Faust.
850
Was sucht ihr, mächtig und gelind,
851
Ihr Himmelstöne mich am Staube?
852
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
853
Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube
854
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
855
Zu jenen Sphären wag' ich nicht zu streben,
856
Woher die holde Nachricht tönt;
857
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
858
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
859
Sonst stürzte sich der Himmels-Liebe Kuß
860
Auf mich herab, in ernster Sabathstille;
861
Da klang so ahndungsvoll des Glockentones Fülle,
862
Und ein Gebet war brünstiger Genuß;
863
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
864
Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn,
865
Und unter tausend heißen Thränen,
866
Fühlt' ich mir eine Welt entstehn.
867
Dieß Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,
868
Der Frühlingsfeyer freyes Glück;
869
Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
870
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
871
O! tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
872
Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder!
873
Chor der Jünger.
874
Hat der Begrabene
875
Schon sich nach oben,
876
Lebend Erhabene,
877
Herrlich erhoben;
878
Ist er in Werdelust
879
Schaffender Freude nah;
880
Ach! an der Erde Brust,
881
Sind wir zum Leide da.
882
Ließ er die Seinen
883
Schmachtend uns hier zurück;
884
Ach! wir beweinen
885
Meister dein Glück!
886
Chor der Engel.
887
Christ ist erstanden,
888
Aus der Verwesung Schoos.
889
Reißet von Banden
890
Freudig euch los!
891
Thätig ihn preisenden,
892
Liebe beweisenden,
893
Brüderlich speisenden,
894
Predigend reisenden,
895
Wonne verheißenden
896
Euch ist der Meister nah',
897
Euch ist er da!
898
Vor dem Thor.
899
Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.
900
Einige Handwerksbursche.
901
Warum denn dort hinaus?
902
Andre.
903
Wir gehn hinaus auf's Jägerhaus.
904
Die Ersten.
905
Wir aber wollen nach der Mühle wandern.
906
Ein Handwerksbursch.
907
Ich rath' euch nach dem Wasserhof zu gehn.
908
Zweyter.
909
Der Weg dahin ist gar nicht schön.
910
Die Zweyten.
911
Was thust denn du?
912
Ein Dritter.
913
Ich gehe mit den andern.
914
Vierter.
915
Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr
916
Die schönsten Mädchen und das beste Bier,
917
Und Händel von der ersten Sorte.
918
Fünfter.
919
Du überlustiger Gesell,
920
Juckt dich zum drittenmal das Fell?
921
Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.
922
Dienstmädchen.
923
Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.
924
Andre.
925
Wir finden ihn gewiß bey jenen Pappeln stehen.
926
Erste.
927
Das ist für mich kein großes Glück;
928
Er wird an deiner Seite gehen,
929
Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
930
Was gehn mich deine Freuden an!
931
Andre.
932
Heut ist er sicher nicht allein,
933
Der Krauskopf, sagt er, würde bey ihm seyn.
934
Schüler.
935
Blitz wie die wackern Dirnen schreiten!
936
Herr Bruder komm! wir müssen sie begleiten.
937
Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
938
Und eine Magd im Putz das ist nun mein Geschmack.
939
Bürgermädchen.
940
Da sieh mir nur die schönen Knaben!
941
Es ist wahrhaftig eine Schmach,
942
Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,
943
Und laufen diesen Mägden nach!
944
Zweyter Schüler zum ersten.
945
Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwey,
946
Sie sind gar niedlich angezogen,
947
's ist meine Nachbarin dabey;
948
Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.
949
Sie gehen ihren stillen Schritt
950
Und nehmen uns doch auch am Ende mit.
951
Erster.
952
Herr Bruder nein! Ich bin nicht gern genirt.
953
Geschwind! daß wir das Wildpret nicht verlieren.
954
Die Hand, die Samstags ihren Besen führt,
955
Wird Sontags dich am besten caressiren.
956
Bürger.
957
Nein, er gefällt mir nicht der neue Burgemeister!
958
Nun, da er's ist, wird er nur täglich dreister.
959
Und für die Stadt was thut denn er?
960
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
961
Gehorchen soll man mehr als immer,
962
Und zahlen mehr als je vorher.
963
Bettler singt.
964
Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
965
So wohlgeputzt und backenroth,
966
Belieb' es euch mich anzuschauen,
967
Und seht und mildert meine Noth!
968
Laßt hier mich nicht vergebens leyern!
969
Nur der ist froh, der geben mag.
970
Ein Tag den alle Menschen feyern,
971
Er sey für mich ein Aerndetag.
972
Andrer Bürger.
973
Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen,
974
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey,
975
Wenn hinten, weit, in der Türkey,
976
Die Völker auf einander schlagen.
977
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
978
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
979
Dann kehrt man Abends froh nach Haus,
980
Und segnet Fried' und Friedenszeiten.
981
Dritter Bürger.
982
Herr Nachbar, ja! so laß ich's auch geschehn,
983
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
984
Mag alles durch einander gehn;
985
Doch nur zu Hause bleib's beym Alten.
986
Alte zu den Bürgermädchen.
987
Ey! wie geputzt! das schöne junge Blut!
988
Wer soll sich nicht in euch vergaffen? --
989
Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
990
Und was ihr wünscht das wüßt' ich wohl zu schaffen.
991
Bürgermädchen.
992
Agathe fort! ich nehme mich in Acht
993
Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;
994
Sie ließ mich zwar, in Sanct Andreas Nacht,
995
Den künftgen Liebsten leiblich sehen.
996
Die Andre.
997
Mir zeigte sie ihn im Krystall,
998
Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
999
Ich seh' mich um, ich such' ihn überall,
1000
Allein mir will er nicht begegnen.
1001
Soldaten.
1002
Burgen mit hohen
1003
Mauern und Zinnen,
1004
Mädchen mit stolzen
1005
Höhnenden Sinnen
1006
Möcht' ich gewinnen!
1007
Kühn ist das Mühen,
1008
Herrlich der Lohn!
1009
Und die Trompete
1010
Lassen wir werben,
1011
Wie zu der Freude,
1012
So zum Verderben.
1013
Das ist ein Stürmen!
1014
Das ist ein Leben!
1015
Mädchen und Burgen
1016
Müssen sich geben.
1017
Kühn ist das Mühen,
1018
Herrlich der Lohn!
1019
Und die Soldaten
1020
Ziehen davon.
1021
Faust und Wagner.
1022
Faust.
1023
Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche,
1024
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
1025
Im Thale grünet Hoffnungs-Glück;
1026
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
1027
Zog sich in rauhe Berge zurück.
1028
Von dorther sendet er, fliehend, nur
1029
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
1030
In Streifen über die grünende Flur;
1031
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
1032
Ueberall regt sich Bildung und Streben,
1033
Alles will sie mit Farben beleben;
1034
Doch an Blumen fehlts im Revier,
1035
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
1036
Kehre dich um, von diesen Höhen
1037
Nach der Stadt zurück zu sehen.
1038
Aus dem hohlen finstren Thor
1039
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
1040
Jeder sonnt sich heute so gern.
1041
Sie feyern die Auferstehung des Herrn,
1042
Denn sie sind selber auferstanden,
1043
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
1044
Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,
1045
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
1046
Aus der Straßen quetschender Enge,
1047
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
1048
Sind sie alle ans Licht gebracht.
1049
Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge
1050
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
1051
Wie der Fluß, in Breit' und Länge,
1052
So manchen lustigen Nachen bewegt,
1053
Und, bis zum Sinken überladen
1054
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
1055
Selbst von des Berges fernen Pfaden
1056
Blinken uns farbige Kleider an.
1057
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
1058
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
1059
Zufrieden jauchzet groß und klein:
1060
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's seyn.
1061
Wagner.
1062
Mit euch, Herr Doctor, zu spazieren
1063
Ist ehrenvoll und ist Gewinn;
1064
Doch würd' ich nicht allein mich her verlieren,
1065
Weil ich ein Feind von allem Rohen bin.
1066
Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben,
1067
Ist mir ein gar verhaßter Klang;
1068
Sie toben wie vom bösen Geist getrieben
1069
Und nennen's Freude, nennen's Gesang.
1070
Bauern unter der Linde.
1071
Tanz und Gesang.
1072
Der Schäfer putzte sich zum Tanz,
1073
Mit bunter Jacke, Band und Kranz,
1074
Schmuck war er angezogen.
1075
Schon um die Linde war es voll
1076
Und alles tanzte schon wie toll.
1077
Juchhe! Juchhe!
1078
Juchheisa! Heisa! He!
1079
So ging der Fiedelbogen.
1080
Er drückte hastig sich heran,
1081
Da stieß er an ein Mädchen an,
1082
Mit seinem Ellenbogen;
1083
Die frische Dirne kehrt sich um
1084
Und sagte: nun das find' ich dumm
1085
Juchhe! Juchhe!
1086
Juchheisa! Heisa! He!
1087
Seyd nicht so ungezogen.
1088
Doch hurtig in dem Kreise ging's,
1089
Sie tanzten rechts sie tanzten links
1090
Und alle Röcke flogen.
1091
Sie wurden roth, sie wurden warm
1092
Und ruhten athmend Arm in Arm,
1093
Juchhe! Juchhe!
1094
Juchheisa! Heisa! He!
1095
Und Hüft' an Ellenbogen.
1096
Und thu mir doch nicht so vertraut!
1097
Wie mancher hat nicht seine Braut
1098
Belogen und betrogen!
1099
Er schmeichelte sie doch bey Seit'
1100
Und von der Linde scholl es weit:
1101
Juchhe! Juchhe!
1102
Juchheisa! Heisa! He!
1103
Geschrei und Fiedelbogen.
1104
Alter Bauer.
1105
Herr Doctor, das ist schön von euch,
1106
Daß ihr uns heute nicht verschmäht,
1107
Und unter dieses Volksgedräng',
1108
Als ein so Hochgelahrter, geht.
1109
So nehmet auch den schönsten Krug,
1110
Den wir mit frischem Trunk gefüllt,
1111
Ich bring' ihn zu und wünsche laut,
1112
Daß er nicht nur den Durst euch stillt;
1113
Die Zahl der Tropfen, die er hegt,
1114
Sey euren Tagen zugelegt.
1115
Faust.
1116
Ich nehme den Erquickungs-Trank,
1117
Erwiedr' euch allen Heil und Dank.
1118
Das Volk sammelt sich im Kreis umher.
1119
Alter Bauer.
1120
Fürwahr es ist sehr wohl gethan,
1121
Daß ihr am frohen Tag erscheint;
1122
Habt ihr es vormals doch mit uns
1123
An bösen Tagen gut gemeynt!
1124
Gar mancher steht lebendig hier,
1125
Den euer Vater noch zuletzt
1126
Der heißen Fieberwuth entriß,
1127
Als er der Seuche Ziel gesetzt.
1128
Auch damals ihr, ein junger Mann,
1129
Ihr gingt in jedes Krankenhaus,
1130
Gar manche Leiche trug man fort,
1131
Ihr aber kamt gesund heraus,
1132
Bestandet manche harte Proben;
1133
Dem Helfer half der Helfer droben.
1134
Alle.
1135
Gesundheit dem bewährten Mann,
1136
Daß er noch lange helfen kann!
1137
Faust.
1138
Vor jenem droben steht gebückt,
1139
Der helfen lehrt und Hülfe schickt.
1140
(Er geht mit Wagnern weiter.)
1141
Wagner.
1142
Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann!
1143
Bey der Verehrung dieser Menge haben!
1144
O! glücklich! wer von seinen Gaben
1145
Solch einen Vortheil ziehen kann.
1146
Der Vater zeigt dich seinem Knaben,
1147
Ein jeder fragt und drängt und eilt,
1148
Die Fiedel stockt, der Tänzer weilt.
1149
Du gehst, in Reihen stehen sie,
1150
Die Mützen fliegen in die Höh';
1151
Und wenig fehlt, so beugten sich die Knie,
1152
Als käm' das Venerabile.
1153
Faust.
1154
Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein,
1155
Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten.
1156
Hier saß ich oft gedankenvoll allein
1157
Und quälte mich mit Beten und mit Fasten.
1158
An Hoffnung reich, im Glauben fest,
1159
Mit Thränen, Seufzen, Händeringen
1160
Dacht' ich das Ende jener Pest
1161
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.
1162
Der Menge Beyfall tönt mir nun wie Hohn.
1163
O könntest du in meinem Innern lesen,
1164
Wie wenig Vater und Sohn
1165
Solch eines Ruhmes werth gewesen!
1166
Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,
1167
Der über die Natur und ihre heilgen Kreise,
1168
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
1169
Mit grillenhafter Mühe sann.
1170
Der, in Gesellschaft von Adepten,
1171
Sich in die schwarze Küche schloß,
1172
Und, nach unendlichen Recepten,
1173
Das Widrige zusammengoß.
1174
Da ward ein rother Leu, ein kühner Freyer,
1175
Im lauen Bad, der Lilie vermählt
1176
Und beyde dann, mit offnem Flammenfeuer,
1177
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
1178
Erschien darauf, mit bunten Farben,
1179
Die junge Königin im Glas,
1180
Hier war die Arzeney, die Patienten starben,
1181
Und niemand fragte: wer genas?
1182
So haben wir, mit höllischen Latwergen,
1183
In diesen Thälern, diesen Bergen,
1184
Weit schlimmer als die Pest getobt.
1185
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben,
1186
Sie welkten hin, ich muß erleben
1187
Daß man die frechen Mörder lobt.
1188
Wagner.
1189
Wie könnt ihr euch darum betrüben!
1190
Thut nicht ein braver Mann genug;
1191
Die Kunst, die man ihm übertrug,
1192
Gewissenhaft und pünctlich auszuüben.
1193
Wenn du, als Jüngling, deinen Vater ehrst,
1194
So wirst du gern von ihm empfangen;
1195
Wenn du, als Mann, die Wissenschaft vermehrst,
1196
So kann dein Sohn zu höhrem Ziel gelangen.
1197
Faust.
1198
O! glücklich! wer noch hoffen kann
1199
Aus diesem Meer des Irrthums aufzutauchen.
1200
Was man nicht weiß das eben brauchte man,
1201
Und was man weiß kann man nicht brauchen.
1202
Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut,
1203
Durch solchen Trübsinn, nicht verkümmern!
1204
Betrachte wie, in Abendsonne-Glut,
1205
Die grünumgebnen Hütten schimmern.
1206
Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt,
1207
Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.
1208
O! daß kein Flügel mich vom Boden hebt,
1209
Ihr nach und immer nach zu streben.
1210
Ich säh' im ewigen Abendstrahl
1211
Die stille Welt zu meinen Füßen,
1212
Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Thal,
1213
Den Silberbach in goldne Ströme fließen.
1214
Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf
1215
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;
1216
Schon thut das Meer sich mit erwärmten Buchten
1217
Vor den erstaunten Augen auf.
1218
Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken;
1219
Allein der neue Trieb erwacht,
1220
Ich eile fort ihr ew'ges Licht zu trinken,
1221
Vor mir den Tag, und hinter mir die Nacht,
1222
Den Himmel über mir und unter mir die Wellen.
1223
Ein schöner Traum, indessen sie entweicht.
1224
Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht
1225
Kein körperlicher Flügel sich gesellen.
1226
Doch ist es jedem eingeboren,
1227
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
1228
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
1229
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
1230
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
1231
Der Adler ausgebreitet schwebt,
1232
Und über Flächen, über Seen,
1233
Der Kranich nach der Heimat strebt.
1234
Wagner.
1235
Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden,
1236
Doch solchen Trieb hab' ich noch nie empfunden.
1237
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt,
1238
Des Vogels Fittig werd' ich nie beneiden.
1239
Wie anders tragen uns die Geistesfreuden,
1240
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
1241
Da werden Winternächte hold und schön,
1242
Ein selig Leben wärmet alle Glieder,
1243
Und ach! entrollst du gar ein würdig Pergamen;
1244
So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.
1245
Faust.
1246
Du bist dir nur des einen Triebs bewußt,
1247
O lerne nie den andern kennen!
1248
Zwey Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
1249
Die eine will sich von der andern trennen;
1250
Die eine hält, in derber Liebeslust,
1251
Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
1252
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust,
1253
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
1254
O giebt es Geister in der Luft,
1255
Die zwischen Erd' und Himmel herrschend weben,
1256
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
1257
Und führt mich weg, zu neuem buntem Leben!
1258
Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein!
1259
Und trüg' er mich in fremde Länder,
1260
Mir sollt' er, um die köstlichsten Gewänder,
1261
Nicht feil um einen Königsmantel seyn.
1262
Wagner.
1263
Berufe nicht die wohlbekannte Schaar,
1264
Die, strömend, sich im Dunstkreis überbreitet,
1265
Dem Menschen tausendfältige Gefahr,
1266
Von allen Enden her, bereitet.
1267
Von Norden dringt der scharfe Geisterzahn
1268
Auf dich herbey, mit pfeilgespitzten Zungen;
1269
Von Morgen ziehn, vertrocknend, sie heran,
1270
Und nähren sich von deinen Lungen;
1271
Wenn sie der Mittag aus der Wüste schickt,
1272
Die Glut auf Glut um deinen Scheitel häufen,
1273
So bringt der West den Schwarm, der erst erquickt,
1274
Um dich und Feld und Aue zu ersäufen.
1275
Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,
1276
Gehorchen gern, weil sie uns gern betrügen,
1277
Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
1278
Und lispeln englisch, wenn sie lügen.
1279
Doch gehen wir! ergraut ist schon die Welt,
1280
Die Luft gekühlt, der Nebel fällt!
1281
Am Abend schätzt man erst das Haus. --
1282
Was stehst du so und blickst erstaunt hinaus?
1283
Was kann dich in der Dämmrung so ergreifen?
1284
Faust.
1285
Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?
1286
Wagner.
1287
Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.
1288
Faust.
1289
Betracht' ihn recht! für was hältst du das Thier?
1290
Wagner.
1291
Für einen Pudel, der auf seine Weise
1292
Sich auf der Spur des Herren plagt.
1293
Faust.
1294
Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise
1295
Er um uns her und immer näher jagt?
1296
Und irr' ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
1297
Auf seinen Pfaden hinterdrein.
1298
Wagner.
1299
Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel,
1300
Es mag bey euch wohl Augentäuschung seyn.
1301
Faust.
1302
Mir scheint es, daß er magisch leise Schlingen,
1303
Zu künft'gem Band, um unsre Füße zieht.
1304
Wagner.
1305
Ich seh' ihn ungewiß und furchtsam uns umspringen,
1306
Weil er, statt seines Herrn, zwey Unbekannte sieht.
1307
Faust.
1308
Der Kreis wird eng, schon ist er nah!
1309
Wagner.
1310
Du siehst! ein Hund, und kein Gespenst ist da.
1311
Er knurrt und zweifelt, legt sich auf den Bauch,
1312
Er wedelt. Alles Hunde Brauch.
1313
Faust.
1314
Geselle dich zu uns! Komm hier!
1315
Wagner.
1316
Es ist ein pudelnärrisch Thier.
1317
Du stehest still, er wartet auf;
1318
Du sprichst ihn an, er strebt an dir hinauf;
1319
Verliere was, er wird es bringen,
1320
Nach deinem Stock ins Wasser springen.
1321
Faust.
1322
Du hast wohl recht, ich finde nicht die Spur
1323
Von einem Geist, und alles ist Dressur.
1324
Wagner.
1325
Dem Hunde, wenn er gut gezogen,
1326
Wird selbst ein weiser Mann gewogen.
1327
Ja deine Gunst verdient er ganz und gar
1328
Er, der Studenten trefflicher Scolar.
1329
(Sie gehen in das Stadt-Thor.)
1330
Studirzimmer.
1331
Faust mit dem Pudel hereintretend.
1332
Verlassen hab' ich Feld und Auen,
1333
Die eine tiefe Nacht bedeckt,
1334
Mit ahndungsvollem heil'gem Grauen
1335
In uns die bessre Seele weckt.
1336
Entschlafen sind nun wilde Triebe,
1337
Mit jedem ungestümen Thun;
1338
Es reget sich die Menschenliebe,
1339
Die Liebe Gottes regt sich nun.
1340
Sey ruhig Pudel! renne nicht hin und wieder!
1341
An der Schwelle was schnoperst du hier?
1342
Lege dich hinter den Ofen nieder,
1343
Mein bestes Kissen geb' ich dir.
1344
Wie du draußen auf dem bergigen Wege,
1345
Durch Rennen und Springen, ergetzt uns hast,
1346
So nimm nun auch von mir die Pflege,
1347
Als ein willkommner stiller Gast.
1348
Ach wenn in unsrer engen Zelle
1349
Die Lampe freundlich wieder brennt,
1350
Dann wird's in unserm Busen helle,
1351
Im Herzen, das sich selber kennt.
1352
Vernunft fängt wieder an zu sprechen,
1353
Und Hoffnung wieder an zu blühn,
1354
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,
1355
Ach! nach des Lebens Quelle hin.
1356
Knurre nicht Pudel! Zu den heiligen Tönen,
1357
Die jetzt meine ganze Seel' umfassen,
1358
Will der thierische Laut nicht passen.
1359
Wir sind gewohnt, daß die Menschen verhöhnen
1360
Was sie nicht verstehn,
1361
Daß sie vor dem Guten und Schönen,
1362
Das ihnen oft beschwerlich ist, murren;
1363
Will es der Hund, wie sie, beknurren[?]
1364
Aber ach! schon fühl' ich, bey dem besten Willen,
1365
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
1366
Aber warum muß der Strom so bald versiegen,
1367
Und wir wieder im Durste liegen?
1368
Davon hab' ich so viel Erfahrung.
1369
Doch dieser Mangel läßt sich ersetzen,
1370
Wir lernen das Ueberirdische schätzen,
1371
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
1372
Die nirgends würd'ger und schöner brennt,
1373
Als in dem neuen Testament.
1374
Mich drängt's den Grundtext aufzuschlagen,
1375
Mit redlichem Gefühl einmal
1376
Das heilige Original
1377
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.
1378
(Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.)
1379
Geschrieben steht: »im Anfang war das Wort!«
1380
Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
1381
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
1382
Ich muß es anders übersetzen,
1383
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
1384
Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.
1385
Bedenke wohl die erste Zeile,
1386
Daß deine Feder sich nicht übereile!
1387
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
1388
Es sollte stehn: im Anfang war die Kraft!
1389
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
1390
Schon warnt mich was, daß ich dabey nicht bleibe.
1391
Mir hilft der Geist! auf einmal seh' ich Rath
1392
Und schreibe getrost: im Anfang war die That!
1393
Soll ich mit dir das Zimmer theilen,
1394
Pudel, so laß das Heulen,
1395
So laß das Bellen!
1396
Solch einen störenden Gesellen
1397
Mag ich nicht in der Nähe leiden.
1398
Einer von uns beyden
1399
Muß die Zelle meiden.
1400
Ungern heb' ich das Gastrecht auf,
1401
Die Thür' ist offen, hast freyen Lauf.
1402
Aber was muß ich sehen!
1403
Kann das natürlich geschehen?
1404
Ist es Schatten? ist's Wirklichkeit?
1405
Wie wird mein Pudel lang und breit!
1406
Er hebt sich mit Gewalt,
1407
Das ist nicht eines Hundes Gestalt!
1408
Welch ein Gespenst bracht' ich ins Haus!
1409
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus,
1410
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiß.
1411
O! du bist mir gewiß!
1412
Für solche halbe Höllenbrut
1413
Ist Salomonis Schlüssel gut.
1414
Geister auf dem Gange.
1415
Drinnen gefangen ist einer!
1416
Bleibet haußen, folg' ihm keiner!
1417
Wie im Eisen der Fuchs,
1418
Zagt ein alter Höllenluchs.
1419
Aber gebt Acht!
1420
Schwebet hin, schwebet wieder,
1421
Auf und nieder,
1422
Und er hat sich losgemacht.
1423
Könnt ihr ihm nützen,
1424
Laßt ihn nicht sitzen!
1425
Denn er that uns allen
1426
Schon viel zu Gefallen.
1427
Faust.
1428
Erst zu begegnen dem Thiere,
1429
Brauch' ich den Spruch der Viere:
1430
Salamander soll glühen,
1431
Undene sich winden,
1432
Silphe verschwinden,
1433
Kobold sich mühen.
1434
Wer sie nicht kennte
1435
Die Elemente,
1436
Ihre Kraft
1437
Und Eigenschaft,
1438
Wäre kein Meister
1439
Ueber die Geister.
1440
Verschwind' in Flammen
1441
Salamander!
1442
Rauschend fließe zusammen
1443
Undene!
1444
Leucht' in Meteoren-Schöne
1445
Silphe!
1446
Bring' häußliche Hülfe
1447
#Incubus! incubus!#
1448
Tritt hervor und mache den Schluß.
1449
Keines der Viere
1450
Steckt in dem Thiere.
1451
Es liegt ganz ruhig und grins't mich an,
1452
Ich hab' ihm noch nicht weh gethan.
1453
Du sollst mich hören
1454
Stärker beschwören.
1455
Bist du Geselle
1456
Ein Flüchtling der Hölle?
1457
So sieh dies Zeichen!
1458
Dem sie sich beugen
1459
Die schwarzen Schaaren.
1460
Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.
1461
Verworfnes Wesen!
1462
Kannst du ihn lesen?
1463
Den nie entsprossnen,
1464
Unausgesprochnen,
1465
Durch alle Himmel gegossnen,
1466
Freventlich durchstochnen.
1467
Hinter den Ofen gebannt
1468
Schwillt es wie ein Elephant,
1469
Den ganzen Raum füllt es an,
1470
Es will zum Nebel zerfließen.
1471
Steige nicht zur Decke hinan!
1472
Lege dich zu des Meisters Füßen!
1473
Du siehst daß ich nicht vergebens drohe.
1474
Ich versenge dich mit heiliger Lohe!
1475
Erwarte nicht
1476
Das dreymal glühende Licht!
1477
Erwarte nicht
1478
Die stärkste von meinen Künsten!
1479
Mephistopheles
1480
(tritt, indem der Nebel fällt, gekleidet wie ein fahrender Scholastikus, hinter dem Ofen hervor.)
1481
Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?
1482
Faust.
1483
Das also war des Pudels Kern!
1484
Ein fahrender Scolast? Der Casus macht mich lachen.
1485
Mephistopheles.
1486
Ich salutire den gelehrten Herrn!
1487
Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.
1488
Faust.
1489
Wie nennst du dich?
1490
Mephistopheles.
1491
Die Frage scheint mir klein,
1492
Für einen der das Wort so sehr verachtet,
1493
Der, weit entfernt von allem Schein,
1494
Nur in der Wesen Tiefe trachtet.
1495
Faust.
1496
Bey euch, ihr Herrn, kann man das Wesen
1497
Gewöhnlich aus dem Namen lesen,
1498
Wo es sich allzudeutlich weis't,
1499
Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt.
1500
Nun gut wer bist du denn?
1501
Mephistopheles.
1502
Ein Theil von jener Kraft,
1503
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
1504
Faust.
1505
Was ist mit diesem Räthselwort gemeynt?
1506
Mephistopheles.
1507
Ich bin der Geist der stets verneint!
1508
Und das mit Recht; denn alles was entsteht
1509
Ist werth daß es zu Grunde geht;
1510
Drum besser wär's daß nichts entstünde.
1511
So ist denn alles was ihr Sünde,
1512
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
1513
Mein eigentliches Element.
1514
Faust.
1515
Du nennst dich einen Theil, und stehst doch ganz vor mir?
1516
Mephistopheles.
1517
Bescheidne Wahrheit sprech' ich dir.
1518
Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt,
1519
Gewöhnlich für ein Ganzes hält;
1520
Ich bin ein Theil des Theils, der Anfangs alles war,
1521
Ein Theil der Finsterniß, die sich das Licht gebar,
1522
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
1523
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
1524
Und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt,
1525
Verhaftet an den Körpern klebt.
1526
Von Körpern strömt's, die Körper macht es schön,
1527
Ein Körper hemmt's auf seinem Gange,
1528
So, hoff' ich, dauert es nicht lange
1529
Und mit den Körpern wird's zu Grunde gehn.
1530
Faust.
1531
Nun kenn' ich deine würd'gen Pflichten!
1532
Du kannst im Großen nichts vernichten
1533
Und fängst es nun im Kleinen an.
1534
Mephistopheles.
1535
Und freylich ist nicht viel damit gethan.
1536
Was sich dem Nichts entgegenstellt,
1537
Das Etwas, diese plumpe Welt,
1538
So viel als ich schon unternommen
1539
Ich wußte nicht ihr beyzukommen,
1540
Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand,
1541
Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!
1542
Und dem verdammten Zeug, der Thier- und Menschenbrut,
1543
Dem ist nun gar nichts anzuhaben,
1544
Wie viele hab' ich schon begraben!
1545
Und immer zirkulirt ein neues, frisches Blut.
1546
So geht es fort, man möchte rasend werden!
1547
Der Luft, dem Wasser, wie der Erden
1548
Entwinden tausend Keime sich,
1549
Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!
1550
Hätt' ich mir nicht die Flamme vorbehalten;
1551
Ich hätte nichts apart's für mich.
1552
Faust.
1553
So setzest du der ewig regen,
1554
Der heilsam schaffenden Gewalt
1555
Die kalte Teufelsfaust entgegen,
1556
Die sich vergebens tückisch ballt!
1557
Was anders suche zu beginnen
1558
Des Chaos wunderlicher Sohn!
1559
Mephistopheles.
1560
Wir wollen wirklich uns besinnen,
1561
Die nächstenmale mehr davon!
1562
Dürft' ich wohl diesmal mich entfernen?
1563
Faust.
1564
Ich sehe nicht warum du fragst.
1565
Ich habe jetzt dich kennen lernen,
1566
Besuche nun mich wie du magst.
1567
Hier ist das Fenster, hier die Thüre,
1568
Ein Rauchfang ist dir auch gewiß.
1569
Mephistopheles.
1570
Gesteh' ichs nur! daß ich hinausspaziere
1571
Verbietet mir ein kleines Hinderniß,
1572
Der Drudenfuß auf eurer Schwelle --
1573
Faust.
1574
Das Pentagramma macht dir Pein?
1575
Ey sage mir, du Sohn der Hölle,
1576
Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein?
1577
Wie ward ein solcher Geist betrogen?
1578
Mephistopheles.
1579
Beschaut es recht! es ist nicht gut gezogen;
1580
Der eine Winkel, der nach außen zu,
1581
Ist, wie du siehst, ein wenig offen.
1582
Faust.
1583
Das hat der Zufall gut getroffen!
1584
Und mein Gefangner wärst denn du?
1585
Das ist von ohngefähr gelungen!
1586
Mephistopheles.
1587
Der Pudel merkte nichts als er hereingesprungen,
1588
Die Sache sieht jetzt anders aus;
1589
Der Teufel kann nicht aus dem Haus.
1590
Faust.
1591
Doch warum gehst du nicht durchs Fenster?
1592
Mephistopheles.
1593
's ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:
1594
Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus.
1595
Das erste steht uns frey, beym zweyten sind wir Knechte.
1596
Faust.
1597
Die Hölle selbst hat ihre Rechte?
1598
Das find' ich gut, da ließe sich ein Packt,
1599
Und sicher wohl, mit euch ihr Herren schließen?
1600
Mephistopheles.
1601
Was man verspricht, das sollst du rein genießen,
1602
Dir wird davon nichts abgezwackt.
1603
Doch das ist nicht so kurz zu fassen,
1604
Und wir besprechen das zunächst;
1605
Doch jetzo bitt' ich, hoch und höchst,
1606
Für diesesmal mich zu entlassen.
1607
Faust.
1608
So bleibe doch noch einen Augenblick,
1609
Um mir erst gute Mähr zu sagen.
1610
Mephistopheles.
1611
Jetzt laß mich los! ich komme bald zurück,
1612
Dann magst du nach Belieben fragen.
1613
Faust.
1614
Ich habe dir nicht nachgestellt,
1615
Bist du doch selbst ins Garn gegangen.
1616
Den Teufel halte wer ihn hält!
1617
Er wird ihn nicht sobald zum zweytenmale fangen.
1618
Mephistopheles.
1619
Wenn dir's beliebt, so bin ich auch bereit
1620
Dir zur Gesellschaft hier zu bleiben;
1621
Doch mit Bedingniß, dir die Zeit,
1622
Durch meine Künste, würdig zu vertreiben.
1623
Faust.
1624
Ich seh' es gern, das steht dir frey;
1625
Nur daß die Kunst gefällig sey!
1626
Mephistopheles.
1627
Du wirst, mein Freund, für deine Sinnen,
1628
In dieser Stunde mehr gewinnen,
1629
Als in des Jahres Einerley.
1630
Was dir die zarten Geister singen,
1631
Die schönen Bilder die sie bringen,
1632
Sind nicht ein leeres Zauberspiel.
1633
Auch dein Geruch wird sich ergetzen,
1634
Dann wirst du deinen Gaumen letzen,
1635
Und dann entzückt sich dein Gefühl.
1636
Bereitung braucht es nicht voran,
1637
Beysammen sind wir, fanget an!
1638
Geister.
1639
Schwindet ihr dunkeln
1640
Wölbungen droben!
1641
Reizender schaue,
1642
Freundlich, der blaue
1643
Aether herein!
1644
Wären die dunkeln
1645
Wolken zerronnen!
1646
Sternelein funkeln,
1647
Mildere Sonnen
1648
Scheinen darein.
1649
Himmlischer Söhne
1650
Geistige Schöne,
1651
Schwankende Beugung
1652
Schwebet vorüber.
1653
Sehnende Neigung
1654
Folget hinüber;
1655
Und der Gewänder
1656
Flatternde Bänder
1657
Decken die Länder,
1658
Decken die Laube,
1659
Wo sich für's Leben,
1660
Tief in Gedanken,
1661
Liebende geben.
1662
Laube bey Laube!
1663
Sprossende Ranken!
1664
Lastende Traube
1665
Stürzt in's Behälter
1666
Drängender Kelter,
1667
Stürzen in Bächen
1668
Schäumende Weine,
1669
Rieseln durch reine,
1670
Edle Gesteine,
1671
Lassen die Höhen
1672
Hinter sich liegen,
1673
Breiten zu Seen
1674
Sich ums Genügen
1675
Grünender Hügel.
1676
Und das Geflügel
1677
Schlürfet sich Wonne,
1678
Flieget der Sonne,
1679
Flieget den hellen
1680
Inseln entgegen,
1681
Die sich auf Wellen
1682
Gauklend bewegen;
1683
Wo wir in Chören
1684
Jauchzende hören,
1685
Ueber den Auen
1686
Tanzende schauen,
1687
Die sich im Freyen
1688
Alle zerstreuen.
1689
Einige glimmen[klimmen]
1690
Ueber die Höhen,
1691
Andere schwimmen
1692
Ueber die Seen,
1693
Andere schweben;
1694
Alle zum Leben,
1695
Alle zur Ferne
1696
Liebender Sterne
1697
Seliger Huld.
1698
Mephistopheles.
1699
Er schläft! So recht, ihr luft'gen, zarten Jungen!
1700
Ihr habt ihn treulich eingesungen!
1701
Für dies Concert bin ich in eurer Schuld.
1702
Du bist noch nicht der Mann den Teufel fest zu halten!
1703
Umgaukelt ihn mit süßen Traumgestalten,
1704
Versenkt ihn in ein Meer des Wahns;
1705
Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten
1706
Bedarf ich eines Rattenzahns.
1707
Nicht lange brauch' ich zu beschwören,
1708
Schon raschelt eine hier und wird sogleich mich hören.
1709
Der Herr der Ratten und der Mäuse,
1710
Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse,
1711
Befiehlt dir dich hervor zu wagen
1712
Und diese Schwelle zu benagen,
1713
So wie er sie mit Oel betupft --
1714
Da kommst du schon hervorgehupft!
1715
Nur frisch ans Werk! Die Spitze, die mich bannte,
1716
Sie sitzt ganz vornen an der Kante.
1717
Noch einen Biß, so ist's geschehn. --
1718
Nun Fauste träume fort, bis wir uns wiedersehn.
1719
Faust erwachend.
1720
Bin ich denn abermals betrogen?
1721
Verschwindet so der geisterreiche Drang?
1722
Daß mir ein Traum den Teufel vorgelogen,
1723
Und daß ein Pudel mir entsprang.
1724
Studirzimmer.
1725
Faust. Mephistopheles.
1726
Faust.
1727
Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?
1728
Mephistopheles.
1729
Ich bin's.
1730
Faust.
1731
Herein!
1732
Mephistopheles.
1733
Du mußt es dreymal sagen.
1734
Faust.
1735
Herein denn!
1736
Mephistopheles.
1737
So gefällst du mir.
1738
Wir werden, hoff' ich, uns vertragen;
1739
Denn dir die Grillen zu verjagen
1740
Bin ich, als edler Junker, hier,
1741
In rothem goldverbrämten Kleide,
1742
Das Mäntelchen von starrer Seide,
1743
Die Hahnenfeder auf dem Hut,
1744
Mit einem langen, spitzen Degen,
1745
Und rathe nun dir, kurz und gut,
1746
Dergleichen gleichfalls anzulegen;
1747
Damit du, losgebunden, frey,
1748
Erfahrest was das Leben sey.
1749
Faust.
1750
In jedem Kleide werd' ich wohl die Pein
1751
Des engen Erdelebens fühlen.
1752
Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
1753
Zu jung, um ohne Wunsch zu seyn.
1754
Was kann die Welt mir wohl gewähren?
1755
Entbehren sollst du! sollst entbehren!
1756
Das ist der ewige Gesang,
1757
Der jedem an die Ohren klingt,
1758
Den, unser ganzes Leben lang,
1759
Uns heiser jede Stunde singt.
1760
Nur mit Entsetzen wach' ich Morgens auf,
1761
Ich möchte bittre Thränen weinen,
1762
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
1763
Nicht Einen Wunsch erfüllen wird, nicht Einen,
1764
Der selbst die Ahndung jeder Lust
1765
Mit eigensinnigem Krittel mindert,
1766
Die Schöpfung meiner regen Brust
1767
Mit tausend Lebensfratzen hindert.
1768
Auch muß ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
1769
Mich ängstlich auf das Lager strecken,
1770
Auch da wird keine Rast geschenkt,
1771
Mich werden wilde Träume schrecken.
1772
Der Gott, der mir im Busen wohnt,
1773
Kann tief mein Innerstes erregen,
1774
Der über allen meinen Kräften thront,
1775
Er kann nach außen nichts bewegen;
1776
Und so ist mir das Daseyn eine Last,
1777
Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.
1778
Mephistopheles.
1779
Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.
1780
Faust.
1781
O seelig der! dem er im Siegesglanze
1782
Die blut'gen Lorbeern um die Schläfe windet,
1783
Den er, nach rasch durchras'tem Tanze,
1784
In eines Mädchens Armen findet.
1785
O wär' ich vor des hohen Geistes Kraft
1786
Entzückt, entseelt dahin gesunken!
1787
Mephistopheles.
1788
Und doch hat Jemand einen braunen Saft,
1789
In jener Nacht, nicht ausgetrunken.
1790
Faust.
1791
Das Spioniren, scheint's, ist deine Lust.
1792
Mephistopheles.
1793
Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewußt.
1794
Faust.
1795
Wenn aus dem schrecklichen Gewühle
1796
Ein süß bekannter Ton mich zog,
1797
Den Rest von kindlichem Gefühle
1798
Mit Anklang froher Zeit betrog;
1799
So fluch' ich allem was die Seele
1800
Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt,
1801
Und sie in diese Trauerhöle
1802
Mit Blend- und Schmeichelkräften bannt!
1803
Verflucht voraus die hohe Meinung,
1804
Womit der Geist sich selbst umfängt!
1805
Verflucht das Blenden der Erscheinung,
1806
Die sich an unsre Sinne drängt!
1807
Verflucht was uns in Träumen heuchelt,
1808
Des Ruhms, der Namensdauer Trug!
1809
Verflucht was als Besitz uns schmeichelt,
1810
Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!
1811
Verflucht sey Mammon, wenn mit Schätzen
1812
Er uns zu kühnen Thaten regt,
1813
Wenn er zu müßigem Ergetzen
1814
Die Polster uns zurechte legt!
1815
Fluch sey dem Balsamsaft der Trauben!
1816
Fluch jener höchsten Liebeshuld!
1817
Fluch sey der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
1818
Und Fluch vor allen der Geduld!
1819
Geisterchor unsichtbar.
1820
Weh! weh!
1821
Du hast sie zerstört,
1822
Die schöne Welt,
1823
Mit mächtiger Faust,
1824
Sie stürzt, sie zerfällt!
1825
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
1826
Wir tragen
1827
Die Trümmern ins Nichts hinüber,
1828
Und klagen
1829
Ueber die verlorne Schöne.
1830
Mächtiger
1831
Der Erdensöhne,
1832
Prächtiger
1833
Baue sie wieder,
1834
In deinem Busen baue sie auf!
1835
Neuen Lebenslauf
1836
Beginne,
1837
Mit hellem Sinne,
1838
Und neue Lieder
1839
Tönen darauf!
1840
Mephistopheles.
1841
Dies sind die kleinen
1842
Von den Meinen.
1843
Höre, wie zu Lust und Thaten
1844
Altklug sie rathen!
1845
In die Welt weit,
1846
Aus der Einsamkeit,
1847
Wo Sinnen und Säfte stocken,
1848
Wollen sie dich locken.
1849
Hör' auf mit deinem Gram zu spielen,
1850
Der, wie ein Geyer, dir am Leben frißt;
1851
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen
1852
Daß du ein Mensch mit Menschen bist.
1853
Doch so ist's nicht gemeynt
1854
Dich unter das Pack zu stoßen.
1855
Ich bin keiner von den Großen;
1856
Doch willst du, mit mir vereint,
1857
Deine Schritte durchs Leben nehmen;
1858
So will ich mich gern bequemen
1859
Dein zu seyn, auf der Stelle.
1860
Ich bin dein Geselle
1861
Und, mach' ich dir's recht,
1862
Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!
1863
Faust.
1864
Und was soll ich dagegen dir erfüllen?
1865
Mephistopheles.
1866
Dazu hast du noch eine lange Frist.
1867
Faust.
1868
Nein nein! der Teufel ist ein Egoist
1869
Und thut nicht leicht um Gottes Willen
1870
Was einem andern nützlich ist.
1871
Sprich die Bedingung deutlich aus;
1872
Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.
1873
Mephistopheles.
1874
Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,
1875
Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
1876
Wenn wir uns drüben wieder finden,
1877
So sollst du mir das Gleiche thun.
1878
Faust.
1879
Das Drüben kann mich wenig kümmern,
1880
Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,
1881
Die andre mag darnach entstehn.
1882
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
1883
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
1884
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
1885
Dann mag was will und kann geschehn.
1886
Davon will ich nichts weiter hören,
1887
Ob man auch künftig haßt und liebt,
1888
Und ob es auch in jenen Sphären
1889
Ein Oben oder Unten giebt.
1890
Mephistopheles.
1891
In diesem Sinne kannst du's wagen.
1892
Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen,
1893
Mit Freuden meine Künste sehn,
1894
Ich gebe dir was noch kein Mensch gesehn.
1895
Faust.
1896
Was willst du armer Teufel geben?
1897
Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
1898
Von deines Gleichen je gefaßt?
1899
Doch hast du Speise die nicht sättigt, hast
1900
Du rothes Gold, das ohne Rast,
1901
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
1902
Ein Spiel, bey dem man nie gewinnt,
1903
Ein Mädchen, das an meiner Brust
1904
Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
1905
Der Ehre schöne Götterlust,
1906
Die, wie ein Meteor, verschwindet.
1907
Zeig mir die Frucht die fault, eh' man sie bricht,
1908
Und Bäume die sich täglich neu begrünen!
1909
Mephistopheles.
1910
Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,
1911
Mit solchen Schätzen kann ich dienen.
1912
Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran
1913
Wo wir was Gut's in Ruhe schmausen mögen.
1914
Faust.
1915
Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen;
1916
So sey es gleich um mich gethan!
1917
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
1918
Daß ich mir selbst gefallen mag,
1919
Kannst du mich mit Genuß betrügen;
1920
Das sey für mich der letzte Tag!
1921
Die Wette biet' ich!
1922
Mephistopheles.
1923
Top!
1924
Faust.
1925
Und Schlag auf Schlag!
1926
Werd' ich zum Augenblicke sagen:
1927
Verweile doch! du bist so schön!
1928
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
1929
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
1930
Dann mag die Todtenglocke schallen,
1931
Dann bist du deines Dienstes frey,
1932
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
1933
Es sey die Zeit für mich vorbey!
1934
Mephistopheles.
1935
Bedenk' es wohl, wir werden's nicht vergessen.
1936
Faust.
1937
Dazu hast du ein volles Recht;
1938
Ich habe mich nicht freventlich vermessen.
1939
Wie ich beharre bin ich Knecht,
1940
Ob dein, was frag' ich, oder wessen.
1941
Mephistopheles.
1942
Ich werde heute gleich, beym Doctorschmaus,
1943
Als Diener, meine Pflicht erfüllen.
1944
Nur eins! -- um Lebens oder Sterbens willen,
1945
Bitt' ich mir ein Paar Zeilen aus.
1946
Faust.
1947
Auch was geschriebnes forderst du Pedant?
1948
Hast du noch keinen Mann, nicht Mannes-Wort gekannt?
1949
Ist's nicht genug, daß mein gesprochnes Wort
1950
Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
1951
Ras't nicht die Welt in allen Strömen fort,
1952
Und mich soll ein Versprechen halten?
1953
Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
1954
Wer mag sich gern davon befreyen?
1955
Beglückt wer Treue rein im Busen trägt,
1956
Kein Opfer wird ihn je gereuen!
1957
Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt,
1958
Ist ein Gespenst vor dem sich alle scheuen.
1959
Das Wort erstirbt schon in der Feder,
1960
Die Herrschaft führen Wachs und Leder.
1961
Was willst du böser Geist von mir?
1962
Erz, Marmor, Pergament, Papier?
1963
Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?
1964
Ich gebe jede Wahl dir frey.
1965
Mephistopheles.
1966
Wie magst du deine Rednerey
1967
Nur gleich so hitzig übertreiben?
1968
Ist doch ein jedes Blättchen gut.
1969
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.
1970
Faust.
1971
Wenn dieß dir völlig G'nüge thut,
1972
So mag es bey der Fratze bleiben.
1973
Mephistopheles.
1974
Blut ist ein ganz besondrer Saft.
1975
Faust.
1976
Nur keine Furcht, daß ich dieß Bündniß breche!
1977
Das Streben meiner ganzen Kraft
1978
Ist g'rade das was ich verspreche.
1979
Ich habe mich zu hoch gebläht,
1980
In deinen Rang gehör' ich nur.
1981
Der große Geist hat mich verschmäht,
1982
Vor mir verschließt sich die Natur.
1983
Des Denkens Faden ist zerrissen,
1984
Mir ekelt lange vor allem Wissen.
1985
Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit
1986
Uns glühende Leidenschaften stillen!
1987
In undurchdrungnen Zauberhüllen
1988
Sey jedes Wunder gleich bereit!
1989
Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit
1990
In's Rollen der Begebenheit!
1991
Da mag denn Schmerz und Genuß,
1992
Gelingen und Verdruß,
1993
Mit einander wechseln wie es kann;
1994
Nur rastlos bethätigt sich der Mann.
1995
Mephistopheles.
1996
Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt.
1997
Beliebt's euch überall zu naschen,
1998
Im Fliehen etwas zu erhaschen;
1999
Bekomm' euch wohl was euch ergetzt.
2000
Nur greift mir zu und seyd nicht blöde!
2001
Faust.
2002
Du hörest ja, von Freud' ist nicht die Rede.
2003
Dem Taumel weih' ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,
2004
Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß.
2005
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
2006
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
2007
Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist,
2008
Will ich in meinem innern Selbst genießen,
2009
Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen,
2010
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
2011
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
2012
Und, wie sie selbst, am End' auch ich zerscheitern.
2013
Mephistopheles.
2014
O glaube mir, der manche tausend Jahre
2015
An dieser harten Speise kaut,
2016
Daß von der Wiege bis zur Bahre
2017
Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
2018
Glaub' unser einem, dieses Ganze
2019
Ist nur für einen Gott gemacht!
2020
Er findet sich in einem ew'gen Glanze,
2021
Uns hat er in die Finsterniß gebracht,
2022
Und euch taugt einzig Tag und Nacht.
2023
Faust.
2024
Allein ich will!
2025
Mephistopheles.
2026
Das läßt sich hören!
2027
Doch nur vor Einem ist mir bang';
2028
Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.
2029
Ich dächt', ihr ließet euch belehren.
2030
Associirt euch mit einem Poeten,
2031
Laßt den Herrn in Gedanken schweifen,
2032
Und alle edlen Qualitäten
2033
Auf euren Ehren-Scheitel häufen,
2034
Des Löwen Muth,
2035
Des Hirsches Schnelligkeit,
2036
Des Italiäners feurig Blut,
2037
Des Nordens Dau'rbarkeit.
2038
Laßt ihn euch das Geheimniß finden,
2039
Großmuth und Arglist zu verbinden,
2040
Und euch, mit warmen Jugendtrieben,
2041
Nach einem Plane, zu verlieben.
2042
Möchte selbst solch einen Herren kennen,
2043
Würd' ihn Herrn Mikrokosmus nennen.
2044
Faust.
2045
Was bin ich denn? wenn es nicht möglich ist
2046
Der Menschheit Krone zu erringen,
2047
Nach der sich alle Sinne dringen.
2048
Mephistopheles.
2049
Du bist am Ende -- was du bist.
2050
Setz' dir Perrücken auf von Millionen Locken,
2051
Setz' deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
2052
Du bleibst doch immer was du bist.
2053
Faust.
2054
Ich fühl's, vergebens hab' ich alle Schätze
2055
Des Menschengeist's auf mich herbeygerafft,
2056
Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
2057
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
2058
Ich bin nicht um ein Haar breit höher,
2059
Bin dem Unendlichen nicht näher.
2060
Mephistopheles.
2061
Mein guter Herr, ihr seht die Sachen,
2062
Wie man die Sachen eben sieht;
2063
Wir müssen das gescheidter machen,
2064
Eh' uns des Lebens Freude flieht.
2065
Was Henker! freylich Händ' und Füße
2066
Und Kopf und H -- --[Hintern] die sind dein;
2067
Doch alles was ich frisch genieße,
2068
Ist das drum weniger mein?
2069
Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
2070
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
2071
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
2072
Als hätt' ich vier und zwanzig Beine.
2073
Drum frisch! laß alles Sinnen seyn,
2074
Und g'rad' mit in die Welt hinein!
2075
Ich sag' es dir: ein Kerl der speculirt,
2076
Ist wie ein Thier, auf dürrer Heide
2077
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
2078
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.
2079
Faust.
2080
Wie fangen wir das an?
2081
Mephistopheles.
2082
Wir gehen eben fort.
2083
Was ist das für ein Marterort?
2084
Was heißt das für ein Leben führen,
2085
Sich und die Jungens ennuyiren?
2086
Laß du das dem Herrn Nachbar Wanst!
2087
Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen?
2088
Das beste, was du wissen kannst,
2089
Darfst du den Buben doch nicht sagen.
2090
Gleich hör' ich einen auf dem Gange!
2091
Faust.
2092
Mir ist's nicht möglich ihn zu sehn.
2093
Mephistopheles.
2094
Der arme Knabe wartet lange,
2095
Der darf nicht ungetröstet gehn.
2096
Komm, gib mir deinen Rock und Mütze;
2097
Die Maske muß mir köstlich stehn.
2098
(Er kleidet sich um.)
2099
Nun überlaß es meinem Witze!
2100
Ich brauche nur ein Viertelstündchen Zeit;
2101
Indessen mache dich zur schönen Fahrt bereit!
2102
Faust ab.
2103
Mephistopheles
2104
in Faust's langem Kleide.
2105
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
2106
Des Menschen allerhöchste Kraft,
2107
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
2108
Dich von dem Lügengeist bestärken,
2109
So hab' ich dich schon unbedingt --
2110
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
2111
Der ungebändigt immer vorwärts dringt,
2112
Und dessen übereiltes Streben
2113
Der Erde Freuden überspringt.
2114
Den schlepp' ich durch das wilde Leben,
2115
Durch flache Unbedeutenheit,
2116
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
2117
Und seiner Unersättlichkeit
2118
Soll Speis' und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
2119
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
2120
Und hätt' er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
2121
Er müßte doch zu Grunde gehn!
2122
Ein Schüler tritt auf.
2123
Schüler.
2124
Ich bin alhier erst kurze Zeit,
2125
Und komme voll Ergebenheit,
2126
Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
2127
Den alle mir mit Ehrfurcht nennen.
2128
Mephistopheles.
2129
Eure Höflichkeit erfreut mich sehr!
2130
Ihr seht einen Mann wie andre mehr.
2131
Habt ihr euch sonst schon umgethan?
2132
Schüler.
2133
Ich bitt' euch, nehmt euch meiner an!
2134
Ich komme mit allem guten Muth,
2135
Leidlichem Geld und frischem Blut;
2136
Meine Mutter wollte mich kaum entfernen;
2137
Möchte gern' was rechts hieraußen lernen.
2138
Mephistopheles.
2139
Da seyd ihr eben recht am Ort.
2140
Schüler.
2141
Aufrichtig, möchte schon wieder fort:
2142
In diesen Mauern, diesen Hallen,
2143
Will es mir keineswegs gefallen.
2144
Es ist ein gar beschränkter Raum,
2145
Man sieht nichts Grünes, keinen Baum,
2146
Und in den Sälen, auf den Bänken,
2147
Vergeht mir Hören, Seh'n und Denken.
2148
Mephistopheles.
2149
Das kommt nur auf Gewohnheit an.
2150
So nimmt ein Kind der Mutter Brust
2151
Nicht gleich im Anfang willig an,
2152
Doch bald ernährt es sich mit Lust.
2153
So wird's euch an der Weisheit Brüsten
2154
Mit jedem Tage mehr gelüsten.
2155
Schüler.
2156
An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
2157
Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?
2158
Mephistopheles.
2159
Erklärt euch, eh' ihr weiter geht,
2160
Was wählt ihr für eine Facultät?
2161
Schüler.
2162
Ich wünschte recht gelehrt zu werden,
2163
Und möchte gern, was auf der Erden
2164
Und in dem Himmel ist, erfassen,
2165
Die Wissenschaft und die Natur.
2166
Mephistopheles.
2167
Da seyd ihr auf der rechten Spur;
2168
Doch müßt ihr euch nicht zerstreuen lassen.
2169
Schüler.
2170
Ich bin dabey mit Seel' und Leib;
2171
Doch freylich würde mir behagen
2172
Ein wenig Freyheit und Zeitvertreib,
2173
An schönen Sommerfeiertagen.
2174
Mephistopheles.
2175
Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
2176
Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.
2177
Mein theurer Freund, ich rath' euch drum
2178
Zuerst Collegium Logicum.
2179
Da wird der Geist euch wohl dressirt,
2180
In spanische Stiefeln eingeschnürt,
2181
Daß er bedächtiger so fort an
2182
Hinschleiche die Gedankenbahn,
2183
Und nicht etwa, die Kreuz' und Quer,
2184
Irlichtelire hin und her.
2185
Dann lehret man euch manchen Tag,
2186
Daß, was ihr sonst auf einen Schlag
2187
Getrieben, wie Essen und Trinken frey,
2188
Eins! Zwey! Drey! dazu nöthig sey.
2189
Zwar ist's mit der Gedanken-Fabrik
2190
Wie mit einem Weber-Meisterstück,
2191
Wo Ein Tritt tausend Fäden regt,
2192
Die Schifflein herüber hinüber schießen,
2193
Die Fäden ungesehen fließen,
2194
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt:
2195
Der Philosoph der tritt herein,
2196
Und beweis't euch, es müßt' so seyn:
2197
Das Erst' wär' so, das Zweyte so,
2198
Und drum das Dritt' und Vierte so;
2199
Und wenn das Erst' und Zweyt' nicht wär',
2200
Das Dritt' und Viert' wär' nimmermehr.
2201
Das preisen die Schüler aller Orten,
2202
Sind aber keine Weber geworden.
2203
Wer will was lebendig's erkennen und beschreiben,
2204
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
2205
Dann hat er die Theile in seiner Hand,
2206
Fehlt leider! nur das geistige Band.
2207
#Encheiresin naturae# nennt's die Chimie,
2208
Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.
2209
Schüler.
2210
Kann euch nicht eben ganz verstehen.
2211
Mephistopheles.
2212
Das wird nächstens schon besser gehen,
2213
Wenn ihr lernt alles reduciren
2214
Und gehörig klassificiren.
2215
Schüler.
2216
Mir wird von alle dem so dumm,
2217
Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.
2218
Mephistopheles.
2219
Nachher vor allen andern Sachen
2220
Müßt ihr euch an die Metaphysik machen!
2221
Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt,
2222
Was in des Menschen Hirn nicht paßt;
2223
Für, was drein geht und nicht drein geht,
2224
Ein prächtig Wort zu Diensten steht.
2225
Doch vorerst dieses halbe Jahr
2226
Nehmt ja der besten Ordnung wahr.
2227
Fünf Stunden habt ihr jeden Tag;
2228
Seyd drinnen mit dem Glockenschlag!
2229
Habt euch vorher wohl präparirt,
2230
Paragraphos wohl einstudirt,
2231
Damit ihr nachher besser seht,
2232
Daß er nichts sagt, als was im Buche steht;
2233
Doch euch des Schreibens ja befleißt,
2234
Als dictirt' euch der Heilig' Geist!
2235
Schüler.
2236
Das sollt ihr mir nicht zweymal sagen!
2237
Ich denke mir wie viel es nützt;
2238
Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
2239
Kann man getrost nach Hause tragen.
2240
Mephistopheles.
2241
Doch wählt mir eine Facultät!
2242
Schüler.
2243
Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.
2244
Mephistopheles.
2245
Ich kann es euch so sehr nicht übel nehmen,
2246
Ich weiß wie es um diese Lehre steht.
2247
Es erben sich Gesetz' und Rechte
2248
Wie eine ew'ge Krankheit fort,
2249
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
2250
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
2251
Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage;
2252
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
2253
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
2254
Von dem ist leider! nie die Frage.
2255
Schüler.
2256
Mein Abscheu wird durch euch vermehrt.
2257
O glücklich der! den ihr belehrt.
2258
Fast möcht' ich nun Theologie studiren.
2259
Mephistopheles.
2260
Ich wünschte nicht euch irre zu führen.
2261
Was diese Wissenschaft betrifft,
2262
Es ist so schwer den falschen Weg zu meiden,
2263
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
2264
Und von der Arzeney ists kaum zu unterscheiden.
2265
Am besten ist's auch hier, wenn ihr nur Einen hört,
2266
Und auf des Meisters Worte schwört.
2267
Im Ganzen -- haltet euch an Worte!
2268
Dann geht ihr durch die sichre Pforte
2269
Zum Tempel der Gewißheit ein.
2270
Schüler.
2271
Doch ein Begriff muß bey dem Worte seyn.
2272
Mephistopheles.
2273
Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen;
2274
Denn eben wo Begriffe fehlen,
2275
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
2276
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
2277
Mit Worten ein System bereiten,
2278
An Worte läßt sich trefflich glauben,
2279
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.
2280
Schüler.
2281
Verzeiht, ich halt' euch auf mit vielen Fragen,
2282
Allein ich muß euch noch bemüh'n.
2283
Wollt ihr mir von der Medicin
2284
Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen?
2285
Drey Jahr' ist eine kurze Zeit,
2286
Und, Gott! das Feld ist gar zu weit.
2287
Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
2288
Läßt sich's schon eher weiter fühlen.
2289
Mephistopheles für sich.
2290
Ich bin des trocknen Tons nun satt,
2291
Muß wieder recht den Teufel spielen.
2292
(Laut.)
2293
Der Geist der Medicin ist leicht zu fassen;
2294
Ihr durchstudirt die groß' und kleine Welt,
2295
Um es am Ende gehn zu lassen,
2296
Wie's Gott gefällt.
2297
Vergebens daß ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
2298
Ein jeder lernt nur was er lernen kann;
2299
Doch der den Augenblick ergreift,
2300
Das ist der rechte Mann.
2301
Ihr seyd noch ziemlich wohlgebaut,
2302
An Kühnheit wird's euch auch nicht fehlen,
2303
Und wenn ihr euch nur selbst vertraut,
2304
Vertrauen euch die andern Seelen.
2305
Besonders lernt die Weiber führen;
2306
Es ist ihr ewig Weh und Ach
2307
So tausendfach
2308
Aus Einem Puncte zu curiren,
2309
Und wenn ihr halbweg ehrbar thut,
2310
Dann habt ihr sie all' unter'm Hut.
2311
Ein Titel muß sie erst vertraulich machen,
2312
Daß eure Kunst viel Künste übersteigt;
2313
Zum Willkomm' tappt ihr dann nach allen Siebensachen,
2314
Um die ein andrer viele Jahre streicht,
2315
Versteht das Pülslein wohl zu drücken,
2316
Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,
2317
Wohl um die schlanke Hüfte frey,
2318
Zu seh'n, wie fest geschnürt sie sey.
2319
Schüler.
2320
Das sieht schon besser aus! Man sieht doch wo und wie.
2321
Mephistopheles.
2322
Grau, theurer Freund, ist alle Theorie,
2323
Und grün des Lebens goldner Baum.
2324
Schüler.
2325
Ich schwör' euch zu, mir ist's als wie ein Traum.
2326
Dürft' ich euch wohl ein andermal beschweren,
2327
Von eurer Weisheit auf den Grund zu hören?
2328
Mephistopheles.
2329
Was ich vermag, soll gern geschehn.
2330
Schüler.
2331
Ich kann unmöglich wieder gehn,
2332
Ich muß euch noch mein Stammbuch überreichen.
2333
Gönn' eure Gunst mir dieses Zeichen!
2334
Mephistopheles.
2335
Sehr wohl.
2336
(Er schreibt und giebt's.)
2337
Schüler lies't.
2338
#Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.#
2339
(Macht's ehrerbietieg[ehrerbietig] zu und empfiehlt sich.)
2340
Mephistopheles.
2341
Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange,
2342
Dir wird gewiß einmal bey deiner Gottähnlichkeit bange!
2343
Faust tritt auf.
2344
Faust.
2345
Wohin soll es nun gehn?
2346
Mephistopheles.
2347
Wohin es dir gefällt.
2348
Wir sehn die kleine, dann die große Welt.
2349
Mit welcher Freude, welchem Nutzen,
2350
Wirst du den Cursum durchschmarutzen!
2351
Faust.
2352
Allein bey meinem langen Bart
2353
Fehlt mir die leichte Lebensart.
2354
Es wird mir der Versuch nicht glücken;
2355
Ich wußte nie mich in die Welt zu schicken,
2356
Vor andern fühl' ich mich so klein;
2357
Ich werde stets verlegen seyn.
2358
Mephistopheles.
2359
Mein guter Freund, das wird sich alles geben;
2360
Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.
2361
Faust.
2362
Wie kommen wir denn aus dem Haus?
2363
Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?
2364
Mephistopheles.
2365
Wir breiten nur den Mantel aus,
2366
Der soll uns durch die Lüfte tragen.
2367
Du nimmst bey diesem kühnen Schritt
2368
Nur keinen großen Bündel mit.
2369
Ein Bißchen Feuerluft, die ich bereiten werde,
2370
Hebt uns behend von dieser Erde.
2371
Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
2372
Ich gratulire dir zum neuen Lebenslauf!
2373
Auerbachs Keller in Leipzig.
2374
Zeche lustiger Gesellen.
2375
Frosch.
2376
Will keiner trinken? keiner lachen?
2377
Ich will euch lehren Gesichter machen!
2378
Ihr seyd ja heut wie nasses Stroh,
2379
Und brennt sonst immer lichterloh.
2380
Brander.
2381
Das liegt an dir; du bringst ja nichts herbey,
2382
Nicht eine Dummheit, keine Sauerey.
2383
Frosch
2384
(gießt ihm ein Glas Wein über den Kopf.)
2385
Da hast du beydes!
2386
Brander.
2387
Doppelt Schwein!
2388
Frosch.
2389
Ihr wollt' es ja, man soll es seyn!
2390
Siebel.
2391
Zur Thür hinaus wer sich entzweyt!
2392
Mit offner Brust singt Runda, sauft und schreyt!
2393
Auf! Holla! Ho!
2394
Altmayer.
2395
Weh mir, ich bin verloren!
2396
Baumwolle her! der Kerl sprengt mir die Ohren.
2397
Siebel.
2398
Wenn das Gewölbe wiederschallt,
2399
Fühlt man erst recht des Basses Grundgewalt.
2400
Frosch.
2401
So recht, hinaus mit dem der etwas übel nimmt!
2402
A! tara lara da!
2403
Altmayer.
2404
A! tara lara da!
2405
Frosch.
2406
Die Kehlen sind gestimmt.
2407
(Singt.)
2408
Das liebe, heil'ge Röm'sche Reich,
2409
Wie hält's nur noch zusammen?
2410
Brander.
2411
Ein garstig Lied! Pfuy! ein politisch Lied!
2412
Ein leidig Lied! Dankt Gott mit jedem Morgen
2413
Daß ihr nicht braucht für's Röm'sche Reich zu sorgen!
2414
Ich halt' es wenigstens für reichlichen Gewinn,
2415
Daß ich nicht Kaiser oder Kanzler bin.
2416
Doch muß auch uns ein Oberhaupt nicht fehlen;
2417
Wir wollen einen Papst erwählen.
2418
Ihr wißt, welch eine Qualität
2419
Den Ausschlag giebt, den Mann erhöht.
2420
Frosch singt.
2421
Schwing' dich auf, Frau Nachtigall,
2422
Grüß' mir mein Liebchen zehentausendmal.
2423
Siebel.
2424
Dem Liebchen keinen Gruß! ich will davon nichts hören!
2425
Frosch.
2426
Dem Liebchen Gruß und Kuß! du wirst mir's nicht verwehren!
2427
(Singt.)
2428
Riegel auf! in stiller Nacht.
2429
Riegel auf! der Liebste wacht.
2430
Riegel zu! des Morgens früh.
2431
Siebel.
2432
Ja, singe, singe nur, und lob' und rühme sie!
2433
Ich will zu meiner Zeit schon lachen.
2434
Sie hat mich angeführt, dir wird sie's auch so machen.
2435
Zum Liebsten sey ein Kobold ihr bescheert!
2436
Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg schäkern;
2437
Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt,
2438
Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern!
2439
Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut
2440
Ist für die Dirne viel zu gut.
2441
Ich will von keinem Gruße wissen,
2442
Als ihr die Fenster eingeschmissen!
2443
Brander auf den Tisch schlagend.
2444
Paßt auf! paßt auf! Gehorchet mir!
2445
Ihr Herrn gesteht, ich weiß zu leben,
2446
Verliebte Leute sitzen hier,
2447
Und diesen muß, nach Standsgebühr,
2448
Zur guten Nacht ich was zum Besten geben.
2449
Gebt Acht! Ein Lied vom neusten Schnitt!
2450
Und singt den Rundreim kräftig mit!
2451
(Er singt.)
2452
Es war eine Ratt' im Kellernest,
2453
Lebte nur von Fett und Butter,
2454
Hatte sich ein Ränzlein angemäst't,
2455
Als wie der Doctor Luther.
2456
Die Köchinn hatt' ihr Gift gestellt;
2457
Da ward's so eng' ihr in der Welt,
2458
Als hätte sie Lieb' im Leibe.
2459
Chorus jauchzend.
2460
Als hätte sie Lieb' im Leibe.
2461
Brander.
2462
Sie fuhr herum, sie fuhr heraus,
2463
Und soff aus allen Pfützen,
2464
Zernagt', zerkratzt' das ganze Haus,
2465
Wollte nichts ihr Wüthen nützen;
2466
Sie thät gar manchen Aengstesprung,
2467
Bald hatte das arme Thier genung,
2468
Als hätt' es Lieb' im Leibe.
2469
Chorus.
2470
Als hätt' es Lieb' im Leibe.
2471
Brander.
2472
Sie kam für Angst am hellen Tag
2473
Der Küche zugelaufen,
2474
Fiel an den Heerd und zuckt' und lag,
2475
Und thät erbärmlich schnaufen.
2476
Da lachte die Vergifterinn noch:
2477
Ha! sie pfeift auf dem letzten Loch,
2478
Als hätte sie Lieb' im Leibe.
2479
Chorus.
2480
Als hätte sie Lieb' im Leibe.
2481
Siebel.
2482
Wie sich die platten Bursche freuen!
2483
Es ist mir eine rechte Kunst,
2484
Den armen Ratten Gift zu streuen!
2485
Brander.
2486
Sie stehn wohl sehr in deiner Gunst?
2487
Altmayer.
2488
Der Schmerbauch mit der kahlen Platte!
2489
Das Unglück macht ihn zahm und mild;
2490
Er sieht in der geschwollnen Ratte
2491
Sein ganz natürlich Ebenbild.
2492
Faust und Mephistopheles.
2493
Mephistopheles.
2494
Ich muß dich nun vor allen Dingen
2495
In lustige Gesellschaft bringen,
2496
Damit du siehst, wie leicht sich's leben läßt.
2497
Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest.
2498
Mit wenig Witz und viel Behagen
2499
Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,
2500
Wie junge Katzen mit dem Schwanz.
2501
Wenn sie nicht über Kopfweh klagen,
2502
So lang' der Wirth nur weiter borgt,
2503
Sind sie vergnügt und unbesorgt.
2504
Brander.
2505
Die kommen eben von der Reise,
2506
Man sieht's an ihrer wunderlichen Weise;
2507
Sie sind nicht eine Stunde hier.
2508
Frosch.
2509
Wahrhaftig du hast Recht! Mein Leipzig lob' ich mir!
2510
Es ist ein klein Paris, und bildet seine Leute.
2511
Siebel.
2512
Für was siehst du die Fremden an?
2513
Frosch.
2514
Laßt mich nur gehn! bey einem vollen Glase,
2515
Zieh' ich, wie einen Kinderzahn,
2516
Den Burschen leicht die Würmer aus der Nase.
2517
Sie scheinen mir aus einem edlen Haus,
2518
Sie sehen stolz und unzufrieden aus.
2519
Brander.
2520
Marktschreyer sind's gewiß, ich wette!
2521
Altmayer.
2522
Vielleicht.
2523
Frosch.
2524
Gib Acht, ich schraube sie!
2525
Mephistopheles zu Faust.
2526
Den Teufel spürt das Völkchen nie,
2527
Und wenn er sie beym Kragen hätte.
2528
Faust.
2529
Seyd uns gegrüßt, ihr Herrn!
2530
Siebel.
2531
Viel Dank zum Gegengruß.
2532
(Leise, Mephistopheles von der Seite ansehend.)
2533
Was hinkt der Kerl auf Einem Fuß?
2534
Mephistopheles.
2535
Ist es erlaubt, uns auch zu euch zu setzen?
2536
Statt eines guten Trunks, den man nicht haben kann,
2537
Soll die Gesellschaft uns ergetzen.
2538
Altmayer.
2539
Ihr scheint ein sehr verwöhnter Mann.
2540
Frosch.
2541
Ihr seyd wohl spät von Rippach aufgebrochen?
2542
Habt ihr mit Herren Hans noch erst zu Nacht gespeis't?
2543
Mephistopheles.
2544
Heut sind wir ihn vorbey gereis't;
2545
Wir haben ihn das letztemal gesprochen.
2546
Von seinen Vettern wußt' er viel zu sagen,
2547
Viel Grüße hat er uns an jeden aufgetragen.
2548
(Er neigt sich gegen Frosch.)
2549
Altmayer. leise
2550
Da hast du's! der versteht's!
2551
Siebel.
2552
Ein pfiffiger Patron!
2553
Frosch.
2554
Nun, warte nur, ich krieg' ihn schon!
2555
Mephistopheles.
2556
Wenn ich nicht irrte, hörten wir
2557
Geübte Stimmen Chorus singen?
2558
Gewiß, Gesang muß trefflich hier
2559
Von dieser Wölbung wiederklingen!
2560
Frosch.
2561
Seyd ihr wohl gar ein Virtuos?
2562
Mephistopheles.
2563
O nein! die Kraft ist schwach, allein die Lust ist groß.
2564
Altmayer.
2565
Gebt uns ein Lied!
2566
Mephistopheles.
2567
Wenn ihr begehrt, die Menge.
2568
Siebel.
2569
Nur auch ein nagelneues Stück!
2570
Mephistopheles.
2571
Wir kommen erst aus Spanien zurück,
2572
Dem schönen Land des Weins und der Gesänge.
2573
(Singt.)
2574
Es war einmal ein König,
2575
Der hatt' einen großen Floh --
2576
Frosch.
2577
Horcht! Einen Floh! Habt ihr das wohl gefaßt?
2578
Ein Floh ist mir ein saub'rer Gast.
2579
Mephistopheles singt.
2580
Es war einmal ein König,
2581
Der hatt' einen großen Floh,
2582
Den liebt' er gar nicht wenig,
2583
Als wie seinen eignen Sohn.
2584
Da rief er seinen Schneider,
2585
Der Schneider kam heran.
2586
Da miß dem Junker Kleider,
2587
Und miß ihm Hosen an!
2588
Brander.
2589
Vergeßt nur nicht dem Schneider einzuschärfen,
2590
Daß er mir auf's genauste mißt,
2591
Und daß, so lieb sein Kopf ihm ist,
2592
Die Hosen keine Falten werfen!
2593
Mephistopheles.
2594
In Sammet und in Seide
2595
War er nun angethan,
2596
Hatte Bänder auf dem Kleide,
2597
Hatt' auch ein Kreuz daran,
2598
Und war sogleich Minister,
2599
Und hatt' einen großen Stern.
2600
Da wurden seine Geschwister
2601
Bey Hof' auch große Herrn.
2602
Und Herrn und Frau'n am Hofe,
2603
Die waren sehr geplagt,
2604
Die Königinn und die Zofe
2605
Gestochen und genagt,
2606
Und durften sie nicht knicken,
2607
Und weg sie jucken nicht.
2608
Wir knicken und ersticken
2609
Doch gleich wenn einer sticht.
2610
Chorus jauchzend.
2611
Wir knicken und ersticken
2612
Doch gleich wenn einer sticht.
2613
Frosch.
2614
Bravo! Bravo! Das war schön!
2615
Siebel.
2616
So soll es jedem Floh ergehn!
2617
Brander.
2618
Spitzt die Finger und packt sie fein!
2619
Altmayer.
2620
Es lebe die Freyheit! Es lebe der Wein!
2621
Mephistopheles.
2622
Ich tränke gern ein Glas, die Freyheit hoch zu ehren,
2623
Wenn eure Weine nur ein Bißchen besser wären.
2624
Siebel.
2625
Wir mögen das nicht wieder hören!
2626
Mephistopheles.
2627
Ich fürchte nur der Wirth beschweret sich,
2628
Sonst gäb' ich diesen werthen Gästen
2629
Aus unserm Keller was zum Besten.
2630
Siebel.
2631
Nur immer her! ich nehm's auf mich.
2632
Frosch.
2633
Schafft ihr ein gutes Glas, so wollen wir euch loben.
2634
Nur gebt nicht gar zu kleine Proben;
2635
Denn wenn ich judiciren soll,
2636
Verlang' ich auch das Maul recht voll.
2637
Altmayer leise.
2638
Sie sind vom Rheine, wie ich spüre.
2639
Mephistopheles.
2640
Schafft einen Bohrer an!
2641
Brander.
2642
Was soll mit dem geschehn?
2643
Ihr habt doch nicht die Fässer vor der Thüre?
2644
Altmayer.
2645
Dahinten hat der Wirth ein Körbchen Werkzeug stehn.
2646
Mephistopheles nimmt den Bohrer.
2647
(zu Frosch)
2648
Nun sagt, was wünschet ihr zu schmecken?
2649
Frosch.
2650
Wie meynt ihr das? Habt ihr so mancherley?
2651
Mephistopheles.
2652
Ich stell' es einem jeden frey.
2653
Altmayer zu Frosch.
2654
Aha! du fängst schon an die Lippen abzulecken.
2655
Frosch.
2656
Gut! wenn ich wählen soll, so will ich Rheinwein haben.
2657
Das Vaterland verleiht die allerbesten Gaben.
2658
Mephistopheles.
2659
(indem er an dem Platz, wo Frosch sitzt, ein Loch in den Tischrand bohrt.)
2660
Verschafft ein wenig Wachs, die Pfropfen gleich zu machen!
2661
Altmayer.
2662
Ach das sind Taschenspielersachen.
2663
Mephistopheles zu Brander.
2664
Und ihr?
2665
Brander.
2666
Ich will Champagner Wein,
2667
Und recht mussirend soll er seyn!
2668
Mephistopheles.
2669
(bohrt, einer hat indessen die Wachspropfen[Wachspfropfen] gemacht und verstopft.)
2670
Brander.
2671
Man kann nicht stets das Fremde meiden,
2672
Das Gute liegt uns oft so fern.
2673
Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden,
2674
Doch ihre Weine trinkt er gern.
2675
Siebel.
2676
(indem sich Mephistopheles seinem Platze nähert.)
2677
Ich muß gestehn, den sauren mag ich nicht,
2678
Gebt mir ein Glas vom echten süßen!
2679
Mephistopheles bohrt.
2680
Euch soll sogleich Tokayer fließen.
2681
Altmayer.
2682
Nein, Herren, seht mir in's Gesicht!
2683
Ich seh' es ein, ihr habt uns nur zum Besten.
2684
Mephistopheles.
2685
Ey! Ey! Mit solchen edlen Gästen
2686
Wär' es ein Bißchen viel gewagt.
2687
Geschwind! Nur grad' heraus gesagt!
2688
Mit welchem Weine kann ich dienen?
2689
Altmayer.
2690
Mit jedem! Nur nicht lang gefragt.
2691
(Nachdem die Löcher alle gebohrt und verstopft sind,)
2692
Mephistopheles mit seltsamen Geberden.
2693
Trauben trägt der Weinstock!
2694
Hörner der Ziegenbock;
2695
Der Wein ist saftig, Holz die Reben,
2696
Der hölzerne Tisch kann Wein auch geben.
2697
Ein tiefer Blick in die Natur!
2698
Hier ist ein Wunder, glaubet nur!
2699
Nun zieht die Pfropfen und genießt!
2700
Alle.
2701
(indem sie die Pfropfen ziehen, und jedem der verlangte Wein in's Glas läuft.)
2702
O schöner Brunnen, der uns fließt!
2703
Mephistopheles.
2704
Nur hütet euch, daß ihr mir nichts vergießt!
2705
(Sie trinken wiederholt.)
2706
Alle singen.
2707
Uns ist ganz kannibalisch wohl,
2708
Als wie fünf hundert Säuen!
2709
Mephistopheles.
2710
Das Volk ist frey, seht an, wie wohl's ihm geht!
2711
Faust.
2712
Ich hätte Lust nun abzufahren.
2713
Mephistopheles.
2714
Gib nur erst Acht, die Bestialität
2715
Wird sich gar herrlich offenbaren.
2716
Siebel.
2717
(trinkt unvorsichtig, der Wein fließt auf die Erde, und wird zur Flamme.)
2718
Helft! Feuer! helft! die Hölle brennt!
2719
Mephistopheles die Flamme besprechend.
2720
Sey ruhig, freundlich Element!
2721
(zu dem Gesellen.)
2722
Für dießmal war es nur ein Tropfen Fegefeuer.
2723
Siebel.
2724
Was soll das seyn? Wart! ihr bezahlt es theuer!
2725
Es scheinet, daß ihr uns nicht kennt.
2726
Frosch.
2727
Laß er uns das zum zweytenmale bleiben!
2728
Altmayer.
2729
Ich dächt', wir hießen ihn ganz sachte seitwärts gehn.
2730
Siebel.
2731
Was Herr? Er will sich unterstehn,
2732
Und hier sein Hokuspokus treiben?
2733
Mephistopheles.
2734
Still, altes Weinfaß!
2735
Siebel.
2736
Besenstiel!
2737
Du willst uns gar noch grob begegnen?
2738
Brander.
2739
Wart nur! es sollen Schläge regnen.
2740
Altmayer.
2741
(zieht einen Pfropf aus dem Tisch, es springt ihm Feuer entgegen.)
2742
Ich brenne! ich brenne!
2743
Siebel.
2744
Zauberey!
2745
Stoßt zu! der Kerl ist vogelfrey!
2746
(Sie ziehen die Messer und gehn auf Mephistopheles los.)
2747
Mephistopheles mit ernsthafter Geberde.
2748
Falsch Gebild und Wort
2749
Verändern Sinn und Ort!
2750
Seyd hier und dort!
2751
(Sie stehn erstaunt und sehn einander an.)
2752
Altmayer.
2753
Wo bin ich? Welches schöne Land!
2754
Frosch.
2755
Weinberge! Seh' ich recht?
2756
Siebel.
2757
Und Trauben gleich zur Hand!
2758
Brander.
2759
Hier unter diesem grünen Laube,
2760
Seht, welch ein Stock! Seht, welche Traube!
2761
(Er faßt Siebeln bei[bey] der Nase. Die andern thun es wechselseitig und heben die Messer.)
2762
Mephistopheles wie oben.
2763
Irrthum, laß los der Augen Band!
2764
Und merkt euch, wie der Teufel spaße.
2765
(Er verschwindet mit Faust, die Gesellen fahren aus einander.)
2766
Siebel.
2767
Was giebt's?
2768
Altmayer.
2769
Wie?
2770
Frosch.
2771
War das deine Nase?
2772
Brander (zu Siebel)
2773
Und deine hab' ich in der Hand!
2774
Altmayer.
2775
Es war ein Schlag, der ging durch alle Glieder!
2776
Schafft einen Stuhl, ich sinke nieder!
2777
Frosch.
2778
Nein, sagt mir nur, was ist geschehn?
2779
Siebel.
2780
Wo ist der Kerl? Wenn ich ihn spüre,
2781
Er soll mir nicht lebendig gehn!
2782
Altmayer.
2783
Ich hab' ihn selbst hinaus zur Kellerthüre --
2784
Auf einem Fasse reiten sehn -- --
2785
Es liegt mir bleyschwer in den Füßen.
2786
(Sich nach dem Tische wendend.)
2787
Mein! Sollte wohl der Wein noch fließen?
2788
Siebel.
2789
Betrug war alles, Lug und Schein.
2790
Frosch.
2791
Mir däuchte doch als tränk' ich Wein.
2792
Brander.
2793
Aber wie war es mit den Trauben?
2794
Altmayer.
2795
Nun sag' mir eins, man soll kein Wunder glauben!
2796
Hexenküche.
2797
Auf einem niedrigen Herde steht ein großer Kessel über dem Feuer. In dem Dampfe, der davon in die Höhe steigt, zeigen sich verschiedne Gestalten. Eine Meerkatze sitzt bey dem Kessel und schäumt ihn, und sorgt daß er nicht überläuft. Der Meerkater mit den Jungen sitzt darneben und wärmt sich. Wände und Decke sind mit dem seltsamsten Hexenhausrath ausgeschmückt.
2798
Faust. Mephistopheles.
2799
Faust.
2800
Mir widersteht das tolle Zauberwesen!
2801
Versprichst du mir, ich soll genesen,
2802
In diesem Wust von Raserey?
2803
Verlang' ich Rath von einem alten Weibe?
2804
Und schafft die Sudelköcherey
2805
Wohl dreyßig Jahre mir vom Leibe?
2806
Weh mir, wenn du nichts bessers weißt!
2807
Schon ist die Hoffnung mir verschwunden.
2808
Hat die Natur und hat ein edler Geist
2809
Nicht irgend einen Balsam ausgefunden?
2810
Mephistopheles.
2811
Mein Freund, nun sprichst du wieder klug!
2812
Doch[Dich] zu verjüngen, gibt's auch ein natürlich Mittel;
2813
Allein es steht in einem andern Buch,
2814
Und ist ein wunderlich Capitel.
2815
Faust.
2816
Ich will es wissen.
2817
Mephistopheles.
2818
Gut! Ein Mittel, ohne Geld
2819
Und Arzt und Zauberey, zu haben:
2820
Begib dich gleich hinaus aufs Feld,
2821
Fang' an zu hacken und zu graben,
2822
Erhalte dich und deinen Sinn
2823
In einem ganz beschränkten Kreise,
2824
Ernähre dich mit ungemischter Speise,
2825
Leb' mit dem Vieh als Vieh, und acht' es nicht für Raub,
2826
Den Acker, den du ärndest, selbst zu düngen;
2827
Das ist das beste Mittel, glaub',
2828
Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen!
2829
Faust.
2830
Das bin ich nicht gewöhnt, ich kann mich nicht bequemen[,]
2831
Den Spaten in die Hand zu nehmen,
2832
Das enge Leben steht mir gar nicht an.
2833
Mephistopheles.
2834
So muß denn doch die Hexe dran.
2835
Faust.
2836
Warum denn just das alte Weib?
2837
Kannst du den Trank nicht selber brauen?
2838
Mephistopheles.
2839
Das wär' ein schöner Zeitvertreib!
2840
Ich wollt' indeß wohl tausend Brücken bauen.
2841
Nicht Kunst und Wissenschaft allein,
2842
Geduld will bey dem Werke seyn.
2843
Ein stiller Geist ist Jahre lang geschäftig,
2844
Die Zeit nur macht die feine Gährung kräftig.
2845
Und alles was dazu gehört
2846
Es sind gar wunderbare Sachen!
2847
Der Teufel hat sie's zwar gelehrt;
2848
Allein der Teufel kann's nicht machen.
2849
(Die Thiere erblickend.)
2850
Sieh, welch ein zierliches Geschlecht!
2851
Das ist die Magd! das ist der Knecht!
2852
(Zu den Thieren.)
2853
Es scheint, die Frau ist nicht zu Hause?
2854
Die Thiere.
2855
Beym Schmause,
2856
Aus dem Haus
2857
Zum Schornstein hinaus!
2858
Mephistopheles.
2859
Wie lange pflegt sie wohl zu schwärmen?
2860
Die Thiere.
2861
So lange wir uns die Pfoten wärmen.
2862
Mephistopheles zu Faust.
2863
Wie findest du die zarten Thiere?
2864
Faust.
2865
So abgeschmackt, als ich nur jemand sah!
2866
Mephistopheles.
2867
Nein, ein Discours wie dieser da,
2868
Ist g'rade der, den ich am liebsten führe!
2869
(Zu den Thieren.)
2870
So sagt mir doch, verfluchte Puppen!
2871
Was quirlt ihr in dem Brey herum?
2872
Thiere.
2873
Wir kochen breite Bettelsuppen.
2874
Mephistopheles.
2875
Da habt ihr ein groß Publicum.
2876
Der Kater
2877
(macht sich herbey und schmeichelt dem Mephistopheles.)
2878
O würfle nur gleich,
2879
Und mache mich reich,
2880
Und laß mich gewinnen!
2881
Gar schlecht ist's bestellt,
2882
Und wär' ich bey Geld,
2883
So wär' ich bey Sinnen.
2884
Mephistopheles.
2885
Wie glücklich würde sich der Affe schätzen,
2886
Könnt' er nur auch in's Lotto setzen!
2887
(Indessen haben die jungen Meerkätzchen mit einer großen Kugel gespielt und rollen sie hervor.)
2888
Der Kater.
2889
Das ist die Welt;
2890
Sie steigt und fällt
2891
Und rollt beständig;
2892
Sie klingt wie Glas;
2893
Wie bald bricht das?
2894
Ist hohl inwendig,
2895
Hier glänzt sie sehr,
2896
Und hier noch mehr,
2897
Ich bin lebendig!
2898
Mein lieber Sohn,
2899
Halt dich davon!
2900
Du mußt sterben!
2901
Sie ist von Thon,
2902
Es giebt Scherben.
2903
Mephistopheles.
2904
Was soll das Sieb?
2905
Der Kater holt es herunter.
2906
Wärst du ein Dieb,
2907
Wollt' ich dich gleich erkennen.
2908
(Er läuft zur Kätzinn und läßt sie durchsehen.)
2909
Sieh durch das Sieb!
2910
Erkennst du den Dieb,
2911
Und darfst ihn nicht nennen?
2912
Mephistopheles sich dem Feuer nähernd.
2913
Und dieser Topf?
2914
Kater und Kätzinn.
2915
Der alberne Tropf!
2916
Er kennt nicht den Topf,
2917
Er kennt nicht den Kessel!
2918
Mephistopheles.
2919
Unhöfliches Thier!
2920
Der Kater.
2921
Den Wedel nimm hier,
2922
Und setz' dich in Sessel!
2923
(Er nöthigt den Mephistopheles zu sitzen.)
2924
Faust.
2925
(welcher diese Zeit über vor einem Spiegel gestanden, sich ihm bald genähert, bald sich von ihm entfernt hat.)
2926
Was seh' ich? Welch ein himmlisch Bild
2927
Zeigt sich in diesem Zauberspiegel!
2928
O Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel,
2929
Und führe mich in ihr Gefild!
2930
Ach wenn ich nicht auf dieser Stelle bleibe,
2931
Wenn ich es wage nah' zu gehn,
2932
Kann ich sie nur als wie im Nebel sehn! --
2933
Das schönste Bild von einem Weibe!
2934
Ist's möglich, ist das Weib so schön?
2935
Muß' ich an diesem hingestreckten Leibe
2936
Den Inbegriff von allen Himmeln sehn?
2937
So etwas findet sich auf Erden?
2938
Mephistopheles.
2939
Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt,
2940
Und selbst am Ende Bravo sagt,
2941
Da muß es was gescheidtes werden.
2942
Für dießmal sieh dich immer satt;
2943
Ich weiß dir so ein Schätzchen auszuspüren,
2944
Und selig wer das gute Schicksal hat,
2945
Als Bräutigam sie heim zu führen!
2946
(Faust sieht immerfort in den Spiegel. Mephistopheles, sich in dem Sessel dehnend und mit dem Wedel spielend, fährt fort zu sprechen.)
2947
Hier sitz' ich wie der König auf dem Throne,
2948
Den Zepter halt' ich hier, es fehlt nur noch die Krone.
2949
Die Thiere.
2950
(welche bisher allerley wunderliche Bewegungen durch einander gemacht haben, bringen dem Mephistopheles eine Krone mit großem Geschrey.)
2951
O sey doch so gut,
2952
Mit Schweiß und mit Blut
2953
Die Krone zu leimen!
2954
(Sie gehn ungeschickt mit der Krone um und zerbrechen sie in zwey Stücke, mit welchen sie herumspringen.)
2955
Nun ist es geschehn!
2956
Wir reden und sehn,
2957
Wir hören und reimen;
2958
Faust gegen den Spiegel.
2959
Weh mir! ich werde schier verrückt.
2960
Mephistopheles auf die Thiere deutend.
2961
Nun fängt mir an fast selbst der Kopf zu schwanken.
2962
Die Thiere.
2963
Und wenn es uns glückt,
2964
Und wenn es sich schickt,
2965
So sind es Gedanken!
2966
Faust wie oben.
2967
Mein Busen fängt mir an zu brennen!
2968
Entfernen wir uns nur geschwind!
2969
Mephistopheles in obiger Stellung.
2970
Nun, wenigstens muß man bekennen,
2971
Daß es aufrichtige Poeten sind.
2972
(Der Kessel, welchen die Kätzinn bisher ausser Acht gelassen, fängt an überzulaufen; es entsteht eine grosse Flamme, welche zum Schornstein hinaus schlägt. Die Hexe kommt durch die Flamme mit entsetzlichem Geschrey herunter gefahren.)
2973
Die Hexe.
2974
Au! Au! Au! Au!
2975
Verdammtes Thier! verfluchte Sau!
2976
Versäumst den Kessel, versengst die Frau!
2977
Verfluchtes Thier!
2978
(Faust und Mephistopheles erblickend.)
2979
Was ist das hier?
2980
Wer seyd ihr hier?
2981
Was wollt ihr da?
2982
Wer schlich sich ein?
2983
Die Feuerpein
2984
Euch in's Gebein!
2985
(Sie fährt mit dem Schaumlöffel in den Kessel, und spritzt Flammen nach Faust, Mephistopheles und den Thieren. Die Thiere winseln.)
2986
Mephistopheles.
2987
(welcher den Wedel, den er in der Hand hält, umkehrt, und unter die Gläser und Töpfe schlägt.)
2988
Entzwey! entzwey!
2989
Da liegt der Brey!
2990
Da liegt das Glas!
2991
Es ist nur Spaß,
2992
Der Tact, du Aas,
2993
Zu deiner Melodey.
2994
(Indem die Hexe voll Grimm und Entsetzen zurücktritt.)
2995
Erkennst du mich? Gerippe! Scheusal du!
2996
Erkennst du deinen Herrn und Meister?
2997
Was hält mich ab, so schlag' ich zu,
2998
Zerschmettre dich und deine Katzen-Geister!
2999
Hast du vor'm rothen Wamms nicht mehr Respect?
3000
Kannst du die Hahnenfeder nicht erkennen?
3001
Hab' ich dieß Angesicht versteckt?
3002
Soll ich mich etwa selber nennen?
3003
Die Hexe.
3004
O Herr, verzeiht den rohen Gruß!
3005
Sah' ich doch keinen Pferdefuß.
3006
Wo sind denn eure beyden Raben?
3007
Mephistopheles.
3008
Für dießmal kamst du so davon;
3009
Denn freylich ist es eine Weile schon,
3010
Daß wir uns nicht gesehen haben.
3011
Auch die Cultur, die alle Welt beleckt,
3012
Hat auf den Teufel sich erstreckt;
3013
Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
3014
Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?
3015
Und was den Fuß betrifft, den ich nicht missen kann,
3016
Der würde mir bey Leuten schaden;
3017
Darum bedien' ich mich, wie mancher junge Mann,
3018
Seit vielen Jahren falscher Waden.
3019
Die Hexe tanzend.
3020
Sinn und Verstand verlier' ich schier,
3021
Seh' ich den Junker Satan wieder hier!
3022
Mephistopheles.
3023
Den Nahmen, Weib, verbitt' ich mir!
3024
Die Hexe.
3025
Warum? Was hat er euch gethan?
3026
Mephistopheles.
3027
Er ist schon lang' in's Fabelbuch geschrieben;
3028
Allein die Menschen sind nichts besser dran,
3029
Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben.
3030
Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut;
3031
Ich bin ein Cavalier, wie andre Cavaliere.
3032
Du zweifelst nicht an meinem edlen Blut;
3033
Sieh her, das ist das Wapen, das ich führe!
3034
(Er macht eine unanständige Gebärde.)
3035
Die Hexe lacht unmäßig.
3036
Ha! Ha! Das ist in eurer Art!
3037
Ihr seyd ein Schelm, wie ihr nur immer war't!
3038
Mephistopheles zu Faust.
3039
Mein Freund, das lerne wohl verstehn!
3040
Dieß ist die Art mit Hexen umzugehn.
3041
Die Hexe.
3042
Nun sagt, ihr Herren, was ihr schafft.
3043
Mephistopheles.
3044
Ein gutes Glas von dem bekannten Saft!
3045
Doch muß ich euch um's ält'ste bitten;
3046
Die Jahre doppeln seine Kraft.
3047
Die Hexe.
3048
Gar gern! Hier hab' ich eine Flasche,
3049
Aus der ich selbst zuweilen nasche,
3050
Die auch nicht mehr im mind'sten stinkt;
3051
Ich will euch gern ein Gläschen geben.
3052
(Leise.)
3053
Doch wenn es dieser Mann unvorbereitet trinkt,
3054
So kann er, wißt ihr wohl, nicht eine Stunde leben.
3055
Mephistopheles.
3056
Es ist ein guter Freund, dem es gedeihen soll;
3057
Ich gönn' ihm gern das beste deiner Küche.
3058
Zieh deinen Kreis, sprich deine Sprüche,
3059
Und gieb ihm eine Tasse voll!
3060
Die Hexe.
3061
(mit seltsamen Geberden, zieht einen Kreis und stellt wunderbare Sachen hinein; indessen fangen die Gläser an zu klingen, die Kessel zu tönen, und machen Musik. Zuletzt bringt sie ein großes Buch, stellt die Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten müssen. Sie winkt Fausten, zu ihr zu treten.)
3062
Faust zu Mephistopheles.
3063
Nein, sage mir, was soll das werden?
3064
Das tolle Zeug, die rasenden Geberden,
3065
Der abgeschmackteste Betrug
3066
Sind mir bekannt, verhaßt genug.
3067
Mephistopheles.
3068
Ey Possen! Das ist nur zum Lachen;
3069
Sey nur nicht ein so strenger Mann!
3070
Sie muß als Arzt ein Hokuspokus machen,
3071
Damit der Saft dir wohl gedeihen kann.
3072
(Er nöthigt Fausten in den Kreis zu treten.)
3073
Die Hexe mit großer Emphase fängt an aus dem Buche zu declamiren.
3074
Du mußt verstehn!
3075
Aus Eins mach' Zehn,
3076
Und Zwey laß gehn,
3077
Und Drey mach' gleich,
3078
So bist du reich.
3079
Verlier' die Vier!
3080
Aus Fünf und Sechs,
3081
So sagt die Hex',
3082
Mach' Sieben und Acht,
3083
So ist's vollbracht:
3084
Und Neun ist Eins,
3085
Und Zehn ist keins.
3086
Das ist das Hexen-Einmal-Eins!
3087
Faust.
3088
Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.
3089
Mephistopheles.
3090
Das ist noch lange nicht vorüber,
3091
Ich kenn' es wohl, so klingt das ganze Buch;
3092
Ich habe manche Zeit damit verloren,
3093
Denn ein vollkommner Widerspruch
3094
Bleibt gleich geheimnißvoll für Kluge wie für Thoren.
3095
Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
3096
Es war die Art zu allen Zeiten,
3097
Durch Drey und Eins, und Eins und Drey
3098
Irrthum statt Wahrheit zu verbreiten.
3099
So schwätzt und lehrt man ungestört;
3100
Wer will sich mit den Narr'n befassen?
3101
Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
3102
Es müsse sich dabey doch auch was denken lassen.
3103
Die Hexe fährt fort.
3104
Die hohe Kraft
3105
Der Wissenschaft,
3106
Der ganzen Welt verborgen!
3107
Und wer nicht denkt,
3108
Dem wird sie geschenkt,
3109
Er hat sie ohne Sorgen.
3110
Faust.
3111
Was sagt sie uns für Unsinn vor?
3112
Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen.
3113
Mich dünkt, ich hör' ein ganzes Chor
3114
Von hundert tausend Narren sprechen.
3115
Mephistopheles.
3116
Genug, genug, o treffliche Sibylle!
3117
Gib deinen Trank herbey, und fülle
3118
Die Schale rasch bis an den Rand hinan;
3119
Denn meinem Freund wird dieser Trunk nicht schaden:
3120
Er ist ein Mann von vielen Graden,
3121
Der manchen guten Schluck gethan.
3122
Die Hexe.
3123
(mit vielen Ceremonien, schenkt den Trank in eine Schale; wie sie Faust an den Mund bringt, entsteht eine leichte Flamme.)
3124
Mephistopheles.
3125
Nur frisch hinunter! Immer zu!
3126
Es wird dir gleich das Herz erfreuen.
3127
Bist mit dem Teufel du und du,
3128
Und willst dich vor der Flamme scheuen?
3129
Die Hexe lös't den Kreis.
3130
Faust tritt heraus.
3131
Mephistopheles.
3132
Nun frisch hinaus! Du darfst nicht ruhn.
3133
Die Hexe.
3134
Mög' euch das Schlückchen wohl behagen!
3135
Mephistopheles zur Hexe.
3136
Und kann ich dir was zu Gefallen thun;
3137
So darfst du mir's nur auf Walpurgis sagen.
3138
Die Hexe.
3139
Hier ist ein Lied! wenn ihr's zuweilen singt,
3140
So werdet ihr besondre Würkung spüren.
3141
Mephistopheles zu Faust.
3142
Komm nur geschwind und laß dich führen;
3143
Du mußt nothwendig transpiriren,
3144
Damit die Kraft durch inn- und äußres dringt.
3145
Den edlen Müßiggang lehr' ich hernach dich schätzen,
3146
Und bald empfindest du mit innigem Ergetzen,
3147
Wie sich Cupido regt und hin und wieder springt.
3148
Faust.
3149
Laß mich nur schnell noch in den Spiegel schauen!
3150
Das Frauenbild war gar zu schön!
3151
Mephistopheles.
3152
Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen
3153
Nun bald leibhaftig vor dir seh'n.
3154
Leise.
3155
Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
3156
Bald Helenen in jedem Weibe.
3157
Straße.
3158
Faust. Margarete vorüber gehend.
3159
Faust.
3160
Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
3161
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?
3162
Margarete.
3163
Bin weder Fräulein, weder schön,
3164
Kann ungeleitet nach Hause gehn.
3165
(Sie macht sich los und ab.)
3166
Faust.
3167
Beym Himmel, dieses Kind ist schön!
3168
So etwas hab' ich nie gesehn.
3169
Sie ist so sitt- und tugendreich,
3170
Und etwas schnippisch doch zugleich.
3171
Der Lippe Roth, der Wange Licht,
3172
Die Tage der Welt vergess' ich's nicht!
3173
Wie sie die Augen niederschlägt,
3174
Hat tief sich in mein Herz geprägt;
3175
Wie sie kurz angebunden war,
3176
Das ist nun zum Entzücken gar!
3177
Mephistopheles tritt auf.
3178
Faust.
3179
Hör, du mußt mir die Dirne schaffen!
3180
Mephistopheles.
3181
Nun, welche?
3182
Faust.
3183
Sie ging just vorbey.
3184
Mephistopheles.
3185
Da die? Sie kam von ihrem Pfaffen,
3186
Der sprach sie aller Sünden frey;
3187
Ich schlich mich hart am Stuhl vorbey,
3188
Es ist ein gar unschuldig Ding,
3189
Das eben für nichts zur Beichte ging;
3190
Ueber die hab' ich keine Gewalt!
3191
Faust.
3192
Ist über vierzehn Jahr doch alt.
3193
Mephistopheles.
3194
Du sprichst ja wie Hans Liederlich,
3195
Der begehrt jede liebe Blum' für sich,
3196
Und dünkelt ihm, es wär' kein' Ehr'
3197
Und Gunst, die nicht zu pflücken wär';
3198
Geht aber doch nicht immer an.
3199
Faust.
3200
Mein Herr Magister Lobesan,
3201
Laß er mich mit dem Gesetz in Frieden!
3202
Und das sag' ich ihm kurz und gut,
3203
Wenn nicht das süße junge Blut
3204
Heut' Nacht in meinen Armen ruht;
3205
So sind wir um Mitternacht geschieden.
3206
Mephistopheles.
3207
Bedenkt was gehn und stehen mag!
3208
Ich brauche wenigstens vierzehn Tag'
3209
Nur die Gelegenheit auszuspüren.
3210
Faust.
3211
Hätt' ich nur sieben Stunden Ruh,
3212
Brauchte den Teufel nicht dazu,
3213
So ein Geschöpfchen zu verführen.
3214
Mephistopheles.
3215
Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos;
3216
Doch bitt' ich, laßt's euch nicht verdrießen:
3217
Was hilft's nur g'rade zu genießen?
3218
Die Freud' ist lange nicht so groß,
3219
Als wenn ihr erst herauf, herum,
3220
Durch allerley Brimborium,
3221
Das Püppchen geknetet und zugericht't,
3222
Wie's lehret manche welsche Geschicht'.
3223
Faust.
3224
Hab' Appetit auch ohne das.
3225
Mephistopheles.
3226
Jetzt ohne Schimpf und ohne Spaß.
3227
Ich sag' euch, mit dem schönen Kind
3228
Geht's ein- für allemal nicht geschwind.
3229
Mit Sturm ist da nichts einzunehmen;
3230
Wir müssen uns zur List bequemen.
3231
Faust.
3232
Schaff' mir etwas vom Engelsschatz!
3233
Führ' mich an ihren Ruheplatz!
3234
Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Brust,
3235
Ein Strumpfband meiner Liebeslust!
3236
Mephistopheles.
3237
Damit ihr seht, daß ich eurer Pein
3238
Will förderlich und dienstlich seyn;
3239
Wollen wir keinen Augenblick verlieren,
3240
Will euch noch heut' in ihr Zimmer führen.
3241
Faust.
3242
Und soll sie sehn? sie haben?
3243
Mephistopheles.
3244
Nein!
3245
Sie wird bey einer Nachbarinn seyn.
3246
Indessen könnt ihr ganz allein
3247
An aller Hoffnung künft'ger Freuden
3248
In ihrem Dunstkreis satt euch weiden.
3249
Faust.
3250
Können wir hin?
3251
Mephistopheles.
3252
Es ist noch zu früh.
3253
Faust.
3254
Sorg' du mir für ein Geschenk für sie.
3255
(ab.)
3256
Mephistopheles.
3257
Gleich schenken? Das ist brav! Da wird er reüssiren!
3258
Ich kenne manchen schönen Platz
3259
Und manchen alt vergrabnen Schatz,
3260
Ich muß ein Bißchen revidiren.
3261
(ab.)
3262
Abend.
3263
Ein kleines reinliches Zimmer.
3264
Margarete.
3265
(ihre Zöpfe flechtend und aufbindend.)
3266
Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt',
3267
Wer heut der Herr gewesen ist!
3268
Er sah gewiß recht wacker aus,
3269
Und ist aus einem edlen Haus;
3270
Das konnt' ich ihm an der Stirne lesen --
3271
Er wär' auch sonst nicht so keck gewesen.
3272
(ab.)
3273
Mephistopheles. Faust.
3274
Mephistopheles.
3275
Herein, ganz leise, nur herein!
3276
Faust nach einigem Stillschweigen.
3277
Ich bitte dich, laß mich allein!
3278
Mephistopheles herumspürend.
3279
Nicht jedes Mädchen hält so rein.
3280
(ab.)
3281
Faust (rings aufschauend.)
3282
Willkommen süßer Dämmerschein!
3283
Der du dieß Heiligthum durchwebst.
3284
Ergreif mein Herz, du süße Liebespein!
3285
Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst.
3286
Wie athmet rings Gefühl der Stille,
3287
Der Ordnung, der Zufriedenheit!
3288
In dieser Armuth welche Fülle!
3289
In diesem Kerker welche Seligkeit!
3290
(Er wirft sich auf den ledernen Sessel am Bette.)
3291
O nimm mich auf! der du die Vorwelt schon
3292
Bey Freud' und Schmerz in offnen Arm empfangen!
3293
Wie oft, ach! hat an diesem Väter-Thron
3294
Schon eine Schaar von Kindern rings gehangen!
3295
Vielleicht hat, dankbar für den heil'gen Christ,
3296
Mein Liebchen hier, mit vollen Kinderwangen,
3297
Dem Ahnherrn fromm die welke Hand geküßt.
3298
Ich fühl', o Mädchen, deinen Geist
3299
Der Füll' und Ordnung um mich säuseln,
3300
Der mütterlich dich täglich unterweis't,
3301
Den Teppich auf den Tisch dich reinlich breiten heißt,
3302
Sogar den Sand zu deinen Füßen kräuseln.
3303
O liebe Hand! so göttergleich!
3304
Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich.
3305
Und hier!
3306
(Er hebt einen Bettvorhang auf.)
3307
Was faßt mich für ein Wonnegraus!
3308
Hier möcht' ich volle Stunden säumen.
3309
Natur! Hier bildetest in leichten Träumen
3310
Den eingebornen Engel aus;
3311
Hier lag das Kind! mit warmem Leben
3312
Den zarten Busen angefüllt,
3313
Und hier mit heilig reinem Weben
3314
Entwirkte sich das Götterbild!
3315
Und du! Was hat dich hergeführt?
3316
Wie innig fühl' ich mich gerührt!
3317
Was willst du hier? Was wird das Herz dir schwer?
3318
Armsel'ger Faust! ich kenne dich nicht mehr.
3319
Umgiebt mich hier ein Zauberduft?
3320
Mich drang's so g'rade zu genießen,
3321
Und fühle mich in Liebestraum zerfließen!
3322
Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?
3323
Und träte sie den Augenblick herein,
3324
Wie würdest du für deinen Frevel büßen!
3325
Der große Hans, ach wie so klein!
3326
Läg', hingeschmolzen, ihr zu Füßen.
3327
Mephistopheles.
3328
Geschwind! ich seh' sie unten kommen.
3329
Faust.
3330
Fort! Fort! Ich kehre nimmermehr!
3331
Mephistopheles.
3332
Hier ist ein Kästchen leidlich schwer,
3333
Ich hab's wo anders hergenommen.
3334
Stellt's hier nur immer in den Schrein,
3335
Ich schwör' euch, ihr vergehn die Sinnen;
3336
Ich that euch Sächelchen hinein,
3337
Um eine andre zu gewinnen.
3338
Zwar Kind ist Kind und Spiel ist Spiel.
3339
Faust.
3340
Ich weiß nicht, soll ich?
3341
Mephistopheles.
3342
Fragt ihr viel?
3343
Meint ihr vielleicht den Schatz zu wahren?
3344
Dann rath' ich eurer Lüsternheit
3345
Die liebe schöne Tageszeit,
3346
Und mir die weitre Müh' zu sparen.
3347
Ich hoff' nicht daß ihr geitzig seyd!
3348
Ich kratz' den Kopf, reib' an den Händen --
3349
(Er stellt das Kästchen in den Schrein und drückt das Schloß wieder zu.)
3350
Nur fort! geschwind! --
3351
Um euch das süße junge Kind
3352
Nach Herzens Wunsch und Will' zu wenden;
3353
Und ihr seht drein,
3354
Als solltet ihr in den Hörsal hinein,
3355
Als stünd' leibhaftig vor euch da
3356
Physik und Metaphysika!
3357
Nur fort! --
3358
(ab.)
3359
Margarete mit einer Lampe.
3360
Es ist so schwül, so dumpfig hie,
3361
(Sie macht das Fenster auf.)
3362
Und ist doch eben so warm nicht drauß'.
3363
Es wird mir so, ich weiß' nicht wie --
3364
Ich wollt', die Mutter käm' nach Haus.
3365
Mir läuft ein Schauer über'n Leib --
3366
Bin doch ein thöricht furchtsam Weib!
3367
(Sie fängt an zu singen, indem sie sich auszieht.)
3368
Es war ein König in Thule
3369
Gar treu bis an das Grab,
3370
Dem sterbend seine Buhle
3371
Einen goldnen Becher gab.
3372
Es ging ihm nichts darüber,
3373
Er leert ihn jeden Schmaus;
3374
Die Augen gingen ihm über,
3375
So oft er trank daraus.
3376
Und als er kam zu sterben,
3377
Zählt' er seine Städt' im Reich,
3378
Gönnt' alles seinem Erben,
3379
Den Becher nicht zugleich.
3380
Er saß beym Königsmahle,
3381
Die Ritter um ihn her,
3382
Auf hohem Väter-Saale,
3383
Dort auf dem Schloß am Meer.
3384
Dort stand der alte Zecher,
3385
Trank letzte Lebensgluth,
3386
Und warf den heiligen Becher
3387
Hinunter in die Fluth.
3388
Er sah ihn stürzen, trinken
3389
Und sinken tief ins Meer,
3390
Die Augen thäten ihm sinken,
3391
Trank nie einen Tropfen mehr.
3392
(Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen, und erblickt das Schmuckkästchen.)
3393
Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?
3394
Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein.
3395
Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne seyn?
3396
Vielleicht bracht's jemand als ein Pfand,
3397
Und meine Mutter lieh darauf.
3398
Da hängt ein Schlüsselchen am Band,
3399
Ich denke wohl, ich mach' es auf!
3400
Was ist das? Gott im Himmel! schau,
3401
So was hab' ich mein' Tage nicht gesehn!
3402
Ein Schmuck! Mit dem könnt' eine Edelfrau
3403
Am höchsten Feiertage gehn.
3404
Wie sollte mir die Kette stehn?
3405
Wem mag die Herrlichkeit gehören?
3406
(Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.)
3407
Wenn nur die Ohrring' meine wären!
3408
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
3409
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
3410
Das ist wohl alles schön und gut,
3411
Allein man läßt's auch alles seyn;
3412
Man lobt euch halb mit Erbarmen.
3413
Nach Golde drängt,
3414
Am Golde hängt
3415
Doch alles. Ach wir Armen!
3416
Spazirgang.
3417
Faust in Gedanken auf und ab gehend. Zu ihm Mephistopheles.
3418
Mephistopheles.
3419
Bey aller verschmähten Liebe! Beym höllischen Elemente!
3420
Ich wollt', ich wüßte 'was ärgers, daß ich's fluchen könnte!
3421
Faust.
3422
Was hast? was kneipt dich denn so sehr?
3423
So kein Gesicht sah' ich in meinem Leben!
3424
Mephistopheles.
3425
Ich möcht' mich gleich dem Teufel übergeben,
3426
Wenn ich nur selbst kein Teufel wär'!
3427
Faust.
3428
Hat sich dir was im Kopf verschoben?
3429
Dich kleidet's, wie ein Rasender zu toben!
3430
Mephistopheles.
3431
Denkt nur, den Schmuck für Gretchen angeschafft,
3432
Den hat ein Pfaff hinweggerafft! --
3433
Die Mutter kriegt das Ding zu schauen,
3434
Gleich fängt's ihr heimlich an zu grauen:
3435
Die Frau hat gar einen feinen Geruch,
3436
Schnuffelt immer im Gebetbuch,
3437
Und riecht's einem jeden Möbel an,
3438
Ob das Ding heilig ist oder profan;
3439
Und an dem Schmuck da spürt sie's klar,
3440
Daß dabey nicht viel Segen war.
3441
Mein Kind, rief sie, ungerechtes Gut
3442
Befängt die Seele, zehrt auf das Blut.
3443
Wollen's der Mutter Gottes weihen,
3444
Wird uns mit Himmels-Manna erfreuen!
3445
Margretlein zog ein schiefes Maul,
3446
Ist halt, dacht' sie, ein geschenkter Gaul,
3447
Und wahrlich! gottlos ist nicht der,
3448
Der ihn so fein gebracht hierher.
3449
Die Mutter ließ einen Pfaffen kommen;
3450
Der hatte kaum den Spaß vernommen,
3451
Ließ sich den Anblick wohl behagen.
3452
Er sprach: So ist man recht gesinnt!
3453
Wer überwindet der gewinnt.
3454
Die Kirche hat einen guten Magen,
3455
Hat ganze Länder aufgefressen,
3456
Und doch noch nie sich übergessen;
3457
Die Kirch' allein, meine lieben Frauen,
3458
Kann ungerechtes Gut verdauen.
3459
Faust.
3460
Das ist ein allgemeiner Brauch,
3461
Ein Jud' und König kann es auch.
3462
Mephistopheles.
3463
Strich drauf ein Spange, Kett' und Ring',
3464
Als wären's eben Pfifferling',
3465
Dankt' nicht weniger und nicht mehr,
3466
Als ob's ein Korb voll Nüsse wär',
3467
Versprach ihnen allen himmlischen Lohn --
3468
Und sie waren sehr erbaut davon.
3469
Faust.
3470
Und Gretchen?
3471
Mephistopheles.
3472
Sitzt nun unruhvoll,
3473
Weiß weder was sie will noch soll,
3474
Denkt an's Geschmeide Tag und Nacht,
3475
Noch mehr an den, der's ihr gebracht.
3476
Faust.
3477
Des Liebchens Kummer thut mir leid.
3478
Schaff' du ihr gleich ein neu Geschmeid'!
3479
Am ersten war ja so nicht viel.
3480
Mephistopheles.
3481
O ja, dem Herrn ist alles Kinderspiel!
3482
Faust.
3483
Und mach', und richt's nach meinem Sinn!
3484
Häng' dich an ihre Nachbarinn.
3485
Sey Teufel doch nur nicht wie Brey,
3486
Und schaff' einen neuen Schmuck herbey!
3487
Mephistopheles.
3488
Ja, gnäd'ger Herr, von Herzen gerne.
3489
(Faust ab.)
3490
Mephistopheles.
3491
So ein verliebter Thor verpufft
3492
Euch Sonne, Mond und alle Sterne
3493
Zum Zeitvertreib dem Liebchen in die Luft.
3494
(ab.)
3495
Der Nachbarinn Haus.
3496
Marthe allein.
3497
Gott verzeih's meinem lieben Mann,
3498
Er hat an mir nicht wohl gethan!
3499
Geht da stracks in die Welt hinein,
3500
Und läßt mich auf dem Stroh allein.
3501
Thät' ihn doch wahrlich nicht betrüben,
3502
Thät' ihn, weiß Gott, recht herzlich lieben.
3503
(Sie weint.)
3504
Vielleicht ist er gar todt! -- O Pein! -- --
3505
Hätt' ich nur einen Todtenschein!
3506
Margarete kommt.
3507
Margarete.
3508
Frau Marthe!
3509
Marthe.
3510
Gretelchen, was soll's?
3511
Margarete.
3512
Fast sinken mir die Kniee nieder!
3513
Da find' ich so ein Kästchen wieder
3514
In meinem Schrein, von Ebenholz,
3515
Und Sachen herrlich ganz und gar,
3516
Weit reicher als das erste war.
3517
Marthe.
3518
Das muß sie nicht der Mutter sagen;
3519
Thät's wieder gleich zur Beichte tragen.
3520
Margarete.
3521
Ach seh' sie nur! ach schau' sie nur!
3522
Marthe putzt sie auf.
3523
O du glücksel'ge Creatur!
3524
Margarete.
3525
Darf mich, leider, nicht auf der Gassen,
3526
Noch in der Kirche mit sehen lassen.
3527
Marthe.
3528
Komm du nur oft zu mir herüber,
3529
Und leg' den Schmuck hier heimlich an;
3530
Spazier' ein Stündchen lang dem Spiegelglas vorüber,
3531
Wir haben unsre Freude dran;
3532
Und dann gibt's einen Anlaß, gibt's ein Fest,
3533
Wo man's so nach und nach den Leuten sehen läßt.
3534
Ein Kettchen erst, die Perle dann in's Ohr;
3535
Die Mutter sieht's wohl nicht, man macht ihr auch was vor.
3536
Margarete.
3537
Wer konnte nur die beyden Kästchen bringen?
3538
Es geht nicht zu mit rechten Dingen!
3539
(Es klopft.)
3540
Margarete.
3541
Ach Gott! mag das meine Mutter seyn?
3542
Marthe durchs Vorhängel guckend.
3543
Es ist ein fremder Herr -- Herein!
3544
Mephistopheles tritt auf.
3545
Mephistopheles.
3546
Bin so frey g'rad' herein zu treten,
3547
Muß bey den Frauen Verzeihn erbeten.
3548
(Tritt ehrerbietig vor Margareten zurück.)
3549
Wollte nach Frau Marthe Schwerdlein fragen!
3550
Marthe.
3551
Ich bin's, was hat der Herr zu sagen?
3552
Mephistopheles leise zu ihr.
3553
Ich kenne Sie jetzt, mir ist das genug;
3554
Sie hat da gar vornehmen Besuch.
3555
Verzeiht die Freyheit die ich genommen,
3556
Will Nachmittage wieder kommen.
3557
Marthe laut.
3558
Denk', Kind, um alles in der Welt!
3559
Der Herr dich für ein Fräulein hält.
3560
Margarete.
3561
Ich bin ein armes junges Blut;
3562
Ach Gott! der Herr ist gar zu gut:
3563
Schmuck und Geschmeide sind nicht mein.
3564
Mephistopheles.
3565
Ach, es ist nicht der Schmuck allein;
3566
Sie hat ein Wesen, einen Blick so scharf!
3567
Wie freut mich's, daß ich bleiben darf.
3568
Marthe.
3569
Was bringt Er denn? Verlange sehr --
3570
Mephistopheles.
3571
Ich wollt' ich hätt' eine frohere Mähr'!
3572
Ich hoffe, Sie läßt mich's drum nicht büßen:
3573
Ihr Mann ist todt und läßt Sie grüßen.
3574
Marthe.
3575
Ist todt? das treue Herz! O weh!
3576
Mein Mann ist todt! Ach ich vergeh'!
3577
Margarete.
3578
Ach! liebe Frau, verzweifelt nicht!
3579
Mephistopheles.
3580
So hört die traurige Geschicht'!
3581
Margarete.
3582
Ich möchte drum mein' Tag' nicht lieben,
3583
Würde mich Verlust zu Tode betrüben.
3584
Mephistopheles.
3585
Freud' muß Leid, Leid muß Freude haben.
3586
Marthe.
3587
Erzählt mir seines Lebens Schluß!
3588
Mephistopheles.
3589
Er liegt in Padua begraben
3590
Bey'm heiligen Antonius,
3591
An einer wohlgeweihten Stätte
3592
Zum ewig kühlen Ruhebette.
3593
Marthe.
3594
Habt ihr sonst nichts an mich zu bringen[?]
3595
Mephistopheles.
3596
Ja, eine Bitte, groß und schwer;
3597
Laß Sie doch ja für ihn dreyhundert Messen singen!
3598
Im übrigen sind meine Taschen leer.
3599
Marthe.
3600
Was! nicht ein Schaustück? Kein Geschmeid'?
3601
Was jeder Handwerksbursch im Grund des Säckels spart,
3602
Zum Angedenken aufbewahrt,
3603
Und lieber hungert lieber bettelt!
3604
Mephistopheles.
3605
Madam, es thut mir herzlich leid;
3606
Allein er hat sein Geld wahrhaftig nicht verzettelt.
3607
Auch er bereute seine Fehler sehr,
3608
Ja, und bejammerte sein Unglück noch viel mehr.
3609
Margarete.
3610
Ach! daß die Menschen so unglücklich sind!
3611
Gewiß ich will für ihn manch Requiem noch beten.
3612
Mephistopheles.
3613
Ihr wäret werth, gleich in die Eh' zu treten:
3614
Ihr seyd ein liebenswürdig Kind.
3615
Margarete.
3616
Ach nein, das geht jetzt noch nicht an.
3617
Mephistopheles.
3618
Ist's nicht ein Mann, sey's derweil' ein Galan.
3619
's ist eine der größten Himmelsgaben,
3620
So ein lieb Ding im Arm zu haben.
3621
Margarete.
3622
Das ist des Landes nicht der Brauch.
3623
Mephistopheles.
3624
Brauch oder nicht! es gibt sich auch.
3625
Marthe.
3626
Erzählt mir doch!
3627
Mephistopheles.
3628
Ich stand an seinem Sterbebette,
3629
Es war was besser als von Mist,
3630
Von halbgefaultem Stroh; allein er starb als Christ,
3631
Und fand, daß er weit mehr noch auf der Zeche hätte.
3632
Wie, rief er, muß ich mich von Grund aus hassen,
3633
So mein Gewerb, mein Weib so zu verlassen!
3634
Ach! die Erinnerung tödtet mich.
3635
Vergäb' sie mir nur noch in diesem Leben! --
3636
Marthe weinend.
3637
Der gute Mann! ich hab' ihm längst vergeben.
3638
Mephistopheles.
3639
Allein, weiß Gott! sie war mehr Schuld als ich.
3640
Marthe.
3641
Das lügt er! Was! am Rand des Grab's zu lügen!
3642
Mephistopheles.
3643
Er fabelte gewiß in letzten Zügen,
3644
Wenn ich nur halb ein Kenner bin.
3645
Ich hatte, sprach er, nicht zum Zeitvertreib zu gaffen,
3646
Erst Kinder, und dann Brot für sie zu schaffen,
3647
Und Brot im allerweit'sten Sinn,
3648
Und konnte nicht einmal mein Theil in Frieden essen.
3649
Marthe.
3650
Hat er so aller Treu', so aller Lieb' vergessen,
3651
Der Plackerey bey Tag und Nacht!
3652
Mephistopheles.
3653
Nicht doch, er hat euch herzlich dran gedacht.
3654
Er sprach: Als ich nun weg von Malta ging,
3655
Da betet' ich für Frau und Kinder brünstig;
3656
Uns war denn auch der Himmel günstig,
3657
Daß unser Schiff ein Türkisch Fahrzeug fing,
3658
Das einen Schatz des großen Sultans führte.
3659
Da ward der Tapferkeit ihr Lohn,
3660
Und ich empfing denn auch, wie sich's gebührte,
3661
Mein wohlgemess'nes Theil davon.
3662
Marthe.
3663
Ey wie? Ey wo? Hat er's vielleicht vergraben?
3664
Mephistopheles.
3665
Wer weiß, wo nun es die vier Winde haben.
3666
Ein schönes Fräulein nahm sich seiner an,
3667
Als er in Napel fremd umher spazirte;
3668
Sie hat an ihm viel Lieb's und Treu's gethan,
3669
Daß er's bis an sein selig Ende spürte.
3670
Marthe.
3671
Der Schelm! der Dieb an seinen Kindern!
3672
Auch alles Elend, alle Noth
3673
Konnt' nicht sein schändlich Leben hindern!
3674
Mephistopheles.
3675
Ja seht! dafür ist er nun todt.
3676
Wär' ich nun jetzt an eurem Platze;
3677
Betraurt' ich ihn ein züchtig Jahr,
3678
Visirte dann unterweil' nach einem neuen Schatze.
3679
Marthe.
3680
Ach Gott! wie doch mein erster war,
3681
Find' ich nicht leicht auf dieser Welt den andern!
3682
Es konnte kaum ein herziger Närrchen seyn.
3683
Er liebte nur das allzuviele Wandern,
3684
Und fremde Weiber, und fremden Wein,
3685
Und das verfluchte Würfelspiel.
3686
Mephistopheles.
3687
Nun, nun, so konnt' es gehn und stehen,
3688
Wenn er euch ungefähr so viel
3689
Von seiner Seite nachgesehen.
3690
Ich schwör' euch zu, mit dem Beding
3691
Wechselt' ich selbst mit euch den Ring!
3692
Marthe.
3693
O es beliebt dem Herrn zu scherzen!
3694
Mephistopheles für sich.
3695
Nun mach' ich mich bey Zeiten fort!
3696
Die hielte wohl den Teufel selbst beym Wort.
3697
(zu Gretchen.)
3698
Wie steht es denn mit Ihrem Herzen?
3699
Margarete.
3700
Was meint der Herr damit?
3701
Mephistopheles für sich.
3702
Du gut's, unschuldig's Kind!
3703
(Laut.)
3704
Lebt wohl ihr Frauen!
3705
Margarete.
3706
Lebt wohl!
3707
Marthe.
3708
O sagt mir doch geschwind!
3709
Ich möchte gern ein Zeugniß haben,
3710
Wo, wie und wann mein Schatz gestorben und begraben.
3711
Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen,
3712
Möcht' ihn auch todt im Wochenblättchen lesen.
3713
Mephistopheles.
3714
Ja, gute Frau, durch zweyer Zeugen Mund
3715
Wird allerwegs die Wahrheit kund;
3716
Habe noch gar einen feinen Gesellen,
3717
Den will ich euch vor den Richter stellen.
3718
Ich bring' ihn her.
3719
Marthe.
3720
O thut das ja!
3721
Mephistopheles.
3722
Und hier die Jungfrau ist auch da? --
3723
Ein braver Knab'! ist viel gereis't,
3724
Fräuleins alle Höflichkeit erweis't.
3725
Margarete.
3726
Müßte vor dem Herren schamroth werden.
3727
Mephistopheles.
3728
Vor keinem Könige der Erden.
3729
Marthe.
3730
Da hinter'm Haus in meinem Garten
3731
Wollen wir der Herrn heut' Abend warten.
3732
Straße.
3733
Faust. Mehpistopheles.
3734
Faust.
3735
Wie ist's? Will's fördern? Will's bald gehn?
3736
Mephistopheles.
3737
Ah bravo! Find' ich euch in Feuer?
3738
In kurzer Zeit ist Gretchen euer.
3739
Heut' Abend sollt ihr sie bey Nachbar' Marthen sehn:
3740
Das ist ein Weib wie auserlesen
3741
Zum Kuppler- und Zigeunerwesen!
3742
Faust.
3743
So recht!
3744
Mephistopheles.
3745
Doch wird auch was von uns begehrt.
3746
Faust.
3747
Ein Dienst ist wohl des andern werth.
3748
Mephistopheles.
3749
Wir legen nur ein gültig Zeugniß nieder,
3750
Daß ihres Ehherrn ausgereckte Glieder
3751
In Padua an heil'ger Stätte ruhn.
3752
Faust.
3753
Sehr klug! Wir werden erst die Reise machen müssen!
3754
Mephistopheles.
3755
#Sancta Simplicitas#! darum ist's nicht zu thun;
3756
Bezeugt nur ohne viel zu wissen.
3757
Faust.
3758
Wenn Er nichts bessers hat, so ist der Plan zerrissen.
3759
Mephistopheles.
3760
O heil'ger Mann! Da wär't ihr's nun!
3761
Ist es das erstemal in eurem Leben,
3762
Daß ihr falsch Zeugniß abgelegt?
3763
Habt ihr von Gott, der Welt und was sich d'rin bewegt,
3764
Vom Menschen, was sich ihm in Kopf und Herzen regt,
3765
Definitionen nicht mit großer Kraft gegeben?
3766
Mit frecher Stirne, kühner Brust?
3767
Und wollt ihr recht in's Innre gehen,
3768
Habt ihr davon, ihr müßt es g'rad' gestehen,
3769
So viel als von Herrn Schwerdleins Tod gewußt!
3770
Faust.
3771
Du bist und bleibst ein Lügner, ein Sophiste.
3772
Mephistopheles.
3773
Ja, wenn man's nicht ein Bißchen tiefer wüßte.
3774
Denn morgen wirst in allen Ehren
3775
Das arme Gretchen nicht bethören,
3776
Und alle Seelenlieb' ihr schwören?
3777
Faust.
3778
Und zwar von Herzen.
3779
Mephistopheles.
3780
Gut und schön!
3781
Dann wird von ewiger Treu' und Liebe,
3782
Von einzig überallmächt'gem Triebe --
3783
Wird das auch so von Herzen gehn?
3784
Faust.
3785
Laß das! Es wird! -- Wenn ich empfinde,
3786
Für das Gefühl, für das Gewühl
3787
Nach Namen suche, keinen finde,
3788
Dann durch die Welt mit allen Sinnen schweife,
3789
Nach allen höchsten Worten greife,
3790
Und diese Gluth, von der ich brenne,
3791
Unendlich, ewig, ewig nenne,
3792
Ist das ein teuflisch Lügenspiel?
3793
Mephistopheles.
3794
Ich hab' doch Recht!
3795
Faust.
3796
Hör'! merk' dir dieß --
3797
Ich bitte dich, und schone meine Lunge --
3798
Wer Recht behalten will und hat nur eine Zunge,
3799
Behält's gewiß.
3800
Und komm', ich hab' des Schwätzens Ueberdruß,
3801
Denn du hast Recht, vorzüglich weil ich muß.
3802
Garten.
3803
Margarete an Faustens Arm,
3804
Marthe mit Mephistopheles auf und ab spazirend.
3805
Margarete.
3806
Ich fühl' es wohl, daß mich der Herr nur schont,
3807
Herab sich läßt, mich zu beschämen.
3808
Ein Reisender ist so gewohnt
3809
Aus Gütigkeit fürlieb zu nehmen,
3810
Ich weiß zu gut, daß solch' erfahrnen Mann
3811
Mein arm Gespräch nicht unterhalten kann.
3812
Faust.
3813
Ein Blick von dir, Ein Wort mehr unterhält,
3814
Als alle Weisheit dieser Welt.
3815
(Er küßt ihre Hand.)
3816
Margarete.
3817
Incommodirt euch nicht! Wie könnt ihr sie nur küssen?
3818
Sie ist so garstig, ist so rauh!
3819
Was hab' ich nicht schon alles schaffen müssen!
3820
Die Mutter ist gar zu genau.
3821
(Gehn vorüber.)
3822
Marthe.
3823
Und ihr, mein Herr, ihr reis't so immer fort?
3824
Mephistopheles.
3825
Ach, daß Gewerb' und Pflicht uns dazu treiben!
3826
Mit wie viel Schmerz verläßt man manchen Ort,
3827
Und darf doch nun einmal nicht bleiben!
3828
Marthe.
3829
In raschen Jahren geht's wohl an,
3830
So um und um frey durch die Welt zu streifen;
3831
Doch kömmt die böse Zeit heran,
3832
Und sich als Hagestolz allein zum Grab' zu schleifen,
3833
Das hat noch keinem wohl gethan.
3834
Mephistopheles.
3835
Mit Grausen seh' ich das von weiten.
3836
Marthe.
3837
Drum, werther Herr, berathet euch in Zeiten.
3838
(Gehn vorüber.)
3839
Margarete.
3840
Ja, aus den Augen aus dem Sinn!
3841
Die Höflichkeit ist euch geläufig;
3842
Allein ihr habt der Freunde häufig,
3843
Sie sind verständiger als ich bin.
3844
Faust.
3845
O Beste! glaube, was man so verständig nennt,
3846
Ist oft mehr Eitelkeit und Kurzsinn.
3847
Margarete.
3848
Wie?
3849
Faust.
3850
Ach, daß die Einfalt, daß die Unschuld nie
3851
Sich selbst und ihren heil'gen Werth erkennt!
3852
Daß Demuth, Niedrigkeit, die höchsten Gaben
3853
Der liebevoll austheilenden Natur --
3854
Margarete.
3855
Denkt ihr an mich ein Augenblickchen nur,
3856
Ich werde Zeit genug an euch zu denken haben.
3857
Faust.
3858
Ihr seyd wohl viel allein?
3859
Margarete.
3860
Ja, unsre Wirthschaft ist nur klein,
3861
Und doch will sie versehen seyn.
3862
Wir haben keine Magd; muß kochen, fegen, stricken
3863
Und nähn, und laufen früh und spat;
3864
Und meine Mutter ist in allen Stücken
3865
So accurat!
3866
Nicht daß sie just so sehr sich einzuschränken hat;
3867
Wir könnten uns weit eh'r als andre regen:
3868
Mein Vater hinterließ ein hübsch Vermögen,
3869
Ein Häuschen und ein Gärtchen vor der Stadt.
3870
Doch hab' ich jetzt so ziemlich stille Tage;
3871
Mein Bruder ist Soldat,
3872
Mein Schwesterchen ist todt.
3873
Ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Noth;
3874
Doch übernähm' ich gern noch einmal alle Plage,
3875
So lieb war mir das Kind.
3876
Faust.
3877
Ein Engel, wenn dir's glich.
3878
Margarete.
3879
Ich zog es auf, und herzlich liebt' es mich.
3880
Es war nach meines Vaters Tod geboren.
3881
Die Mutter gaben wir verloren,
3882
So elend wie sie damals lag,
3883
Und sie erholte sich sehr langsam, nach und nach.
3884
Da konnte sie nun nicht d'ran denken
3885
Das arme Würmchen selbst zu tränken,
3886
Und so erzog ich's ganz allein,
3887
Mit Milch und Wasser; so ward's mein.
3888
Auf meinem Arm, in meinem Schoos
3889
War's freundlich, zappelte, ward groß.
3890
Faust.
3891
Du hast gewiß das reinste Glück empfunden.
3892
Margarete.
3893
Doch auch gewiß gar manche schwere Stunden.
3894
Des Kleinen Wiege stand zu Nacht
3895
An meinem Bett', es durfte kaum sich regen,
3896
War ich erwacht;
3897
Bald mußt' ich's tränken, bald es zu mir legen,
3898
Bald, wenn's nicht schwieg, vom Bett' aufstehn,
3899
Und tänzelnd in der Kammer auf und nieder gehn,
3900
Und früh am Tage schon am Waschtrog stehn;
3901
Dann auf dem Markt und an dem Herde sorgen,
3902
Und immer fort wie heut so morgen.
3903
Da geht's, mein Herr, nicht immer muthig zu;
3904
Doch schmeckt dafür das Essen, schmeckt die Ruh.
3905
(Gehn vorüber.)
3906
Marthe.
3907
Die armen Weiber sind doch übel dran:
3908
Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren.
3909
Mephistopheles.
3910
Es käme nur auf eures gleichen an,
3911
Mich eines bessern zu belehren.
3912
Marthe.
3913
Sagt g'rad', mein Herr, habt ihr noch nichts gefunden?
3914
Hat sich das Herz nicht irgendwo gebunden?
3915
Mephistopheles.
3916
Das Sprichwort sagt: Ein eigner Herd,
3917
Ein braves Weib, sind Gold und Perlen werth.
3918
Marthe.
3919
Ich meine, ob ihr niemals Lust bekommen?
3920
Mephistopheles.
3921
Man hat mich überall recht höflich aufgenommen.
3922
Marthe.
3923
Ich wollte sagen: ward's nie Ernst in eurem Herzen?
3924
Mephistopheles.
3925
Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.
3926
Marthe.
3927
Ach, ihr versteht mich nicht!
3928
Mephistopheles.
3929
Das thut mir herzlich leid!
3930
Doch ich versteh' -- daß ihr sehr gütig seyd.
3931
(Gehn vorüber.)
3932
Faust.
3933
Du kanntest mich, o kleiner Engel, wieder,
3934
Gleich als ich in den Garten kam?
3935
Margarete.
3936
Saht ihr es nicht? ich schlug die Augen nieder.
3937
Faust.
3938
Und du verzeihst die Freyheit, die ich nahm?
3939
Was sich die Frechheit unterfangen,
3940
Als du jüngst aus dem Dom gegangen.
3941
Margarete.
3942
Ich war bestürzt, mir war das nie geschehn;
3943
Es konnte niemand von mir übels sagen.
3944
Ach, dacht' ich, hat er in deinem Betragen
3945
Was freches, unanständiges gesehn?
3946
Es schien ihn gleich nur anzuwandeln,
3947
Mit dieser Dirne g'rade hin zu handeln.
3948
Gesteh' ich's doch! Ich wußte nicht was sich
3949
Zu eurem Vortheil hier zu regen gleich begonnte;
3950
Allein gewiß, ich war recht bös' auf mich,
3951
Daß ich auf euch nicht böser werden konnte.
3952
Faust.
3953
Süß Liebchen!
3954
Margarete.
3955
Laßt einmal!
3956
(Sie pflückt eine Sternblume und zupft die Blätter ab, eins nach dem andern.)
3957
Faust.
3958
Was soll das? Einen Strauß?
3959
Margarete.
3960
Nein, es soll nur ein Spiel.
3961
Faust.
3962
Wie?
3963
Margarete.
3964
Geht! ihr lacht mich aus.
3965
(Sie rupft und murmelt.)
3966
Faust.
3967
Was murmelst du?
3968
Margarete halb laut.
3969
Er liebt mich -- liebt mich nicht.
3970
Faust.
3971
Du holdes Himmels-Angesicht!
3972
Margarete fährt fort.
3973
Liebt mich -- Nicht -- Liebt mich -- Nicht --
3974
(Das lezte[letzte] Blatt ausrupfend, mit holder Freude.)
3975
Er liebt mich!
3976
Faust.
3977
Ja, mein Kind! Laß dieses Blumenwort
3978
Dir Götter-Ausspruch seyn. Er liebt dich!
3979
Verstehst du, was das heißt? Er liebt dich!
3980
(Er faßt ihre beyden Hände.)
3981
Margarete.
3982
Mich überläuft's!
3983
Faust.
3984
O schaudre nicht! Laß diesen Blick,
3985
Laß diesen Händedruck dir sagen,
3986
Was unaussprechlich ist:
3987
Sich hinzugeben ganz und eine Wonne
3988
Zu fühlen, die ewig seyn muß!
3989
Ewig! -- Ihr Ende würde Verzweiflung seyn.
3990
Nein, kein Ende! Kein Ende!
3991
Margarete
3992
(drückt ihm die Hände, macht sich los und läuft weg. Er steht einen Augenblick in Gedanken, dann folgt er ihr.)
3993
Marthe kommend.
3994
Die Nacht bricht an.
3995
Mephistopheles.
3996
Ja, und wir wollen fort.
3997
Marthe.
3998
Ich bät' euch länger hier zu bleiben,
3999
Allein es ist ein gar zu böser Ort.
4000
Es ist als hätte niemand nichts zu treiben
4001
Und nichts zu schaffen,
4002
Als auf des Nachbarn Schritt und Tritt zu gaffen,
4003
Und man kommt in's Gered', wie man sich immer stellt.
4004
Und unser Pärchen?
4005
Mephistopheles.
4006
Ist den Gang dort aufgeflogen.
4007
Muthwill'ge Sommervögel!
4008
Marthe.
4009
Er scheint ihr gewogen.
4010
Mephistopheles.
4011
Und sie ihm auch. Das ist der Lauf der Welt.
4012
Ein Gartenhäuschen.
4013
Margarete springt herein, steckt sich hinter die Thür, hält die Fingerspitze an die Lippen, und guckt durch die Ritze.
4014
Margarete.
4015
Er kommt!
4016
Faust kommt.
4017
Ach Schelm, so neckst du mich!
4018
Treff' ich dich!
4019
(Er küßt sie.)
4020
Margarete.
4021
(ihn fassend und den Kuß zurück gebend.)
4022
Bester Mann! von Herzen lieb' ich dich!
4023
Mephistopheles klopft an.
4024
Faust stampfend.
4025
Wer da?
4026
Mephistopheles.
4027
Gut Freund!
4028
Faust.
4029
Ein Thier!
4030
Mephistopheles.
4031
Es ist wohl Zeit zu scheiden.
4032
Marthe kommt.
4033
Ja, es ist spät, mein Herr.
4034
Faust.
4035
Darf ich euch nicht geleiten?
4036
Margarete.
4037
Die Mutter würde mich -- Lebt wohl!
4038
Faust.
4039
Muß ich denn gehn?
4040
Lebt wohl!
4041
Marthe.
4042
Ade!
4043
Margarete.
4044
Auf baldig Wiedersehn!
4045
(Faust und Mephistopheles ab.)
4046
Margarete.
4047
Du lieber Gott! was so ein Mann
4048
Nicht alles alles denken kann!
4049
Beschämt nur steh' ich vor ihm da,
4050
Und sag' zu allen Sachen ja.
4051
Bin doch ein arm unwissend Kind,
4052
Begreife nicht was er an mir find't.
4053
(ab.)
4054
Wald und Höhle.
4055
Faust allein.
4056
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
4057
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
4058
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
4059
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
4060
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
4061
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
4062
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust,
4063
Wie in den Busen eines Freund's, zu schauen.
4064
Du führst die Reihe der Lebendigen
4065
Vor mir vorbey, und lehrst mich meine Brüder
4066
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
4067
Und wenn der Sturm im Walde braus't und knarrt,
4068
Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste
4069
Und Nachbarstämme, quetschend, nieder streift,
4070
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert;
4071
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
4072
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
4073
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
4074
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
4075
Besänftigend herüber; schweben mir
4076
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch,
4077
Der Vorwelt silberne Gestalten auf,
4078
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
4079
O daß dem Menschen nichts Vollkomm'nes wird,
4080
Empfind' ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
4081
Die mich den Göttern nah' und näher bringt,
4082
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
4083
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
4084
Mich vor mir selbst erniedrigt, und zu Nichts,
4085
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
4086
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
4087
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
4088
So tauml' ich von Begierde zu Genuß,
4089
Und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde.
4090
Mephistopheles tritt auf.
4091
Mephistopheles.
4092
Habt ihr nun bald das Leben g'nug geführt?
4093
Wie kann's euch in die Länge freuen?
4094
Es ist wohl gut, daß man's einmal probirt;
4095
Dann aber wieder zu was neuen!
4096
Faust.
4097
Ich wollt', du hättest mehr zu thun,
4098
Als mich am guten Tag zu plagen.
4099
Mephistopheles.
4100
Nun nun! ich laß' dich gerne ruhn,
4101
Du darfst mir's nicht im Ernste sagen.
4102
An dir Gesellen unhold, barsch und toll,
4103
Ist wahrlich wenig zu verlieren.
4104
Den ganzen Tag hat man die Hände voll!
4105
Was ihm gefällt und was man lassen soll,
4106
Kann man dem Herrn nie an der Nase spüren.
4107
Faust.
4108
Das ist so just der rechte Ton!
4109
Er will noch Dank, daß er mich ennüyirt.
4110
Mephistopheles.
4111
Wie hätt'st du, armer Erdensohn,
4112
Dein Leben ohne mich geführt?
4113
Vom Kribskrabs der Imagination
4114
Hab' ich dich doch auf Zeiten lang curirt;
4115
Und wär' ich nicht, so wär'st du schon
4116
Von diesem Erdball abspazirt.
4117
Was hast du da in Höhlen, Felsenritzen
4118
Dich wie ein Schuhu zu versitzen?
4119
Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein,
4120
Wie eine Kröte, Nahrung ein?
4121
Ein schöner, süßer Zeitvertreib!
4122
Dir steckt der Doctor noch im Leib.
4123
Faust.
4124
Verstehst du, was für neue Lebenskraft
4125
Mir dieser Wandel in der Oede schafft?
4126
Ja, würdest du es ahnden können,
4127
Du wärest Teufel g'nug mein Glück mir nicht zu gönnen.
4128
Mephistopheles.
4129
Ein überirdisches Vergnügen!
4130
In Nacht und Thau auf den Gebirgen liegen,
4131
Und Erd und Himmel wonniglich umfassen,
4132
Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,
4133
Der Erde Mark mit Ahndungsdrang durchwühlen,
4134
Alle sechs Tagewerk' im Busen fühlen,
4135
In stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen,
4136
Bald liebewonniglich in alles überfließen,
4137
Verschwunden ganz der Erdensohn,
4138
Und dann die hohe Intuition --
4139
(Mit einer Geberde.)
4140
Ich darf nicht sagen wie -- zu schließen.
4141
Faust.
4142
Pfuy über dich!
4143
Mephistopheles.
4144
Das will euch nicht behagen;
4145
Ihr habt das Recht gesittet pfuy zu sagen.
4146
Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen,
4147
Was keusche Herzen nicht entbehren können.
4148
Und kurz und gut, ich gönn' Ihm das Vergnügen,
4149
Gelegentlich sich etwas vorzulügen;
4150
Doch lange hält Er das nicht aus.
4151
Du bist schon wieder abgetrieben,
4152
Und, währt es länger, aufgerieben
4153
In Tollheit oder Angst und Graus.
4154
Genug damit! dein Liebchen sitzt dadrinne,
4155
Und alles wird ihr eng' und trüb'.
4156
Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne,
4157
Sie hat dich übermächtig lieb.
4158
Erst kam deine Liebeswuth übergeflossen,
4159
Wie vom geschmolznen Schnee ein Bächlein übersteigt;
4160
Du hast sie ihr in's Herz gegossen,
4161
Nun ist dein Bächlein wieder seicht.
4162
Mich dünkt, anstatt in Wäldern zu thronen,
4163
Ließ es dem großen Herren gut,
4164
Das arme affenjunge Blut
4165
Für seine Liebe zu belohnen.
4166
Die Zeit wird ihr erbärmlich lang;
4167
Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn
4168
Ueber die alte Stadtmauer hin.
4169
Wenn ich ein Vöglein wär'! so geht ihr Gesang
4170
Tagelang, halbe Nächte lang.
4171
Einmal ist sie munter, meist betrübt,
4172
Einmal recht ausgeweint,
4173
Dann wieder ruhig, wie's scheint,
4174
Und immer verliebt.
4175
Faust.
4176
Schlange! Schlange!
4177
Mephistopheles für sich.
4178
Gelt! daß ich dich fange!
4179
Faust.
4180
Verruchter! hebe dich von hinnen,
4181
Und nenne nicht das schöne Weib!
4182
Bring' die Begier zu ihrem süßen Leib
4183
Nicht wieder vor die halb verrückten Sinnen!
4184
Mephistopheles.
4185
Was soll es denn? Sie meint, du seyst entfloh'n,
4186
Und halb und halb bist du es schon.
4187
Faust.
4188
Ich bin ihr nah', und wär' ich noch so fern,
4189
Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren;
4190
Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn,
4191
Wenn ihre Lippen ihn indeß berühren.
4192
Mephistopheles.
4193
Gar wohl, mein Freund! Ich hab' euch oft beneidet
4194
Um's Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.
4195
Faust.
4196
Entfliehe, Kuppler!
4197
Mephistopheles.
4198
Schön! Ihr schimpft und ich muß lachen.
4199
Der Gott, der Bub' und Mädchen schuf,
4200
Erkannte gleich den edelsten Beruf,
4201
Auch selbst Gelegenheit zu machen.
4202
Nur fort, es ist ein großer Jammer!
4203
Ihr sollt in eures Liebchens Kammer,
4204
Nicht etwa in den Tod.
4205
Faust.
4206
Was ist die Himmelsfreud' in ihren Armen?
4207
Laß mich an ihrer Brust erwarmen!
4208
Fühl' ich nicht immer ihre Noth?
4209
Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehaus'te?
4210
Der Unmensch ohne Zweck und Ruh?
4211
Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen braus'te
4212
Begierig wüthend nach dem Abgrund zu.
4213
Und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen,
4214
Im Hüttchen auf dem kleinen Alpenfeld,
4215
Und all ihr häusliches Beginnen
4216
Umfangen in der kleinen Welt.
4217
Und ich, der Gottverhaßte, hatte nicht genug,
4218
Daß ich die Felsen faßte
4219
Und sie zu Trümmern schlug!
4220
Sie, ihren Frieden mußt' ich untergraben!
4221
Du, Hölle, mußtest dieses Opfer haben!
4222
Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkürzen,
4223
Was muß geschehn, mag's gleich geschehn!
4224
Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen
4225
Und sie mit mir zu Grunde gehn!
4226
Mephistopheles.
4227
Wie's wieder siedet, wieder glüht!
4228
Geh' ein und tröste sie, du Thor!
4229
Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht,
4230
Stellt er sich gleich das Ende vor.
4231
Es lebe wer sich tapfer hält!
4232
Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt.
4233
Nichts abgeschmackters find' ich auf der Welt,
4234
Als einen Teufel der verzweifelt.
4235
Gretchens Stube.
4236
Gretchen
4237
am Spinnrade allein.
4238
Meine Ruh' ist hin,
4239
Mein Herz ist schwer,
4240
Ich finde sie nimmer
4241
Und nimmermehr.
4242
Wo ich ihn nicht hab'
4243
Ist mir das Grab,
4244
Die ganze Welt
4245
Ist mir vergällt.
4246
Mein armer Kopf
4247
Ist mir verrückt,
4248
Mein armer Sinn
4249
Ist mir zerstückt.
4250
Meine Ruh' ist hin,
4251
Mein Herz ist schwer,
4252
Ich finde sie nimmer
4253
Und nimmermehr.
4254
Nach ihm nur schau' ich
4255
Zum Fenster hinaus,
4256
Nach ihm nur geh' ich
4257
Aus dem Haus.
4258
Sein hoher Gang,
4259
Sein' edle Gestalt,
4260
Seines Mundes Lächeln,
4261
Seiner Augen Gewalt,
4262
Und seiner Rede
4263
Zauberfluß,
4264
Sein Händedruck,
4265
Und ach sein Kuß!
4266
Meine Ruh' ist hin,
4267
Mein Herz ist schwer,
4268
Ich finde sie nimmer
4269
Und nimmermehr.
4270
Mein Busen drängt
4271
Sich nach ihm hin,
4272
Ach dürft' ich fassen
4273
Und halten ihn!
4274
Und küssen ihn
4275
So wie ich wollt',
4276
An seinen Küssen
4277
Vergehen sollt'!
4278
Marthens Garten.
4279
Margarete. Faust.
4280
Margarete.
4281
Versprich mir, Heinrich!
4282
Faust.
4283
Was ich kann!
4284
Margarete.
4285
Nun sag', wie hast du's mit der Religion?
4286
Du bist ein herzlich guter Mann,
4287
Allein ich glaub', du hält'st nicht viel davon.
4288
Faust.
4289
Laß das, mein Kind! du fühlst, ich bin dir gut;
4290
Für meine Lieben ließ' ich Leib und Blut,
4291
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.
4292
Margarete.
4293
Das ist nicht recht, man muß d'ran glauben!
4294
Faust.
4295
Muß man?
4296
Margarete.
4297
Ach! wenn ich etwas auf dich könnte!
4298
Du ehrst auch nicht die heil'gen Sacramente.
4299
Faust.
4300
Ich ehre sie.
4301
Margarete.
4302
Doch ohne Verlangen.
4303
Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen.
4304
Glaubst du an Gott?
4305
Faust.
4306
Mein Liebchen, wer darf sagen,
4307
Ich glaub' an Gott?
4308
Magst Priester oder Weise fragen,
4309
Und ihre Antwort scheint nur Spott
4310
Ueber den Frager zu seyn.
4311
Margarete.
4312
So glaubst du nicht?
4313
Faust.
4314
Mißhör' mich nicht, du holdes Angesicht!
4315
Wer darf ihn nennen?
4316
Und wer bekennen:
4317
Ich glaub' ihn.
4318
Wer empfinden?
4319
Und sich unterwinden
4320
Zu sagen: ich glaub' ihn nicht.
4321
Der Allumfasser,
4322
Der Allerhalter,
4323
Faßt und erhält er nicht
4324
Dich, mich, sich selbst?
4325
Wölbt sich der Himmel nicht dadroben?
4326
Liegt die Erde nicht hierunten fest?
4327
Und steigen freundlich blickend
4328
Ewige Sterne nicht herauf?
4329
Schau' ich nicht Aug' in Auge dir,
4330
Und drängt nicht alles
4331
Nach Haupt und Herzen dir,
4332
Und webt in ewigem Geheimniß
4333
Unsichtbar sichtbar neben dir?
4334
Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,
4335
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
4336
Nenn' es dann wie du willst,
4337
Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
4338
Ich habe keinen Nahmen
4339
Dafür! Gefühl ist alles;
4340
Name ist Schall und Rauch,
4341
Umnebelnd Himmelsgluth.
4342
Margarete.
4343
Das ist alles recht schön und gut;
4344
Ungefähr sagt das der Pfarrer auch,
4345
Nur mit ein Bißchen andern Worten.
4346
Faust.
4347
Es sagen's aller Orten
4348
Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
4349
Jedes in seiner Sprache;
4350
Warum nicht ich in der meinen?
4351
Margarete.
4352
Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,
4353
Steht aber doch immer schief darum;
4354
Denn du hast kein Christenthum.
4355
Faust.
4356
Lieb's Kind!
4357
Margarete.
4358
Es thut mir lang' schon weh,
4359
Daß ich dich in der Gesellschaft seh'.
4360
Faust.
4361
Wie so?
4362
Margarete.
4363
Der Mensch, den du da bey dir hast,
4364
Ist mir in tiefer inn'rer Seele verhaßt:
4365
Es hat mir in meinem Leben
4366
So nichts einen Stich in's Herz gegeben,
4367
Als des Menschen widrig Gesicht.
4368
Faust.
4369
Liebe Puppe, fürcht' ihn nicht!
4370
Margarete.
4371
Seine Gegenwart bewegt mir das Blut.
4372
Ich bin sonst allen Menschen gut;
4373
Aber, wie ich mich sehne dich zu schauen,
4374
Hab' ich vor dem Menschen ein heimlich Grauen,
4375
Und halt' ihn für einen Schelm dazu!
4376
Gott verzeih' mir's, wenn ich ihm Unrecht thu'!
4377
Faust.
4378
Es muß auch solche Käuze geben.
4379
Margarete.
4380
Wollte nicht mit seines Gleichen leben!
4381
Kommt er einmal zur Thür herein,
4382
Sieht er immer so spöttisch drein,
4383
Und halb ergrimmt;
4384
Man sieht, daß er an nichts keinen Antheil nimmt;
4385
Es steht ihm an der Stirn' geschrieben,
4386
Daß er nicht mag eine Seele lieben.
4387
Mir wird's so wohl in deinem Arm,
4388
So frey, so hingegeben warm,
4389
Und seine Gegenwart schnürt mir das Inn're zu.
4390
Faust.
4391
Du ahndungsvoller Engel du!
4392
Margarete.
4393
Das übermannt mich so sehr,
4394
Daß, wo er nur mag zu uns treten,
4395
Meyn' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr.
4396
Auch wenn er da ist, könnt' ich nimmer beten,
4397
Und das frißt mir in's Herz hinein;
4398
Dir, Heinrich, muß es auch so seyn.
4399
Faust.
4400
Du hast nun die Antipathie!
4401
Margarete.
4402
Ich muß nun fort.
4403
Faust.
4404
Ach kann ich nie
4405
Ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen,
4406
Und Brust an Brust und Seel' in Seele drängen?
4407
Margarete.
4408
Ach wenn ich nur alleine schlief!
4409
Ich ließ dir gern heut Nacht den Riegel offen;
4410
Doch meine Mutter schläft nicht tief,
4411
Und würden wir von ihr betroffen,
4412
Ich wär' gleich auf der Stelle todt!
4413
Faust.
4414
Du Engel, das hat keine Noth.
4415
Hier ist ein Fläschchen! Drey Tropfen nur
4416
In ihren Trank umhüllen
4417
Mit tiefem Schlaf gefällig die Natur.
4418
Margarete.
4419
Was thu' ich nicht um deinetwillen?
4420
Es wird ihr hoffentlich nicht schaden!
4421
Faust.
4422
Würd' ich sonst, Liebchen, dir es rathen?
4423
Margarete.
4424
Seh' ich dich, bester Mann, nur an,
4425
Weiß nicht was mich nach deinem Willen treibt,
4426
Ich habe schon so viel für dich gethan,
4427
Daß mir zu thun fast nichts mehr übrig bleibt.
4428
(ab.)
4429
Mephistopheles tritt auf.
4430
Mephistopheles.
4431
Der Grasaff'! ist er weg?
4432
Faust.
4433
Hast wieder spionirt?
4434
Mephistopheles.
4435
Ich hab's ausführlich wohl vernommen.
4436
Herr Doctor wurden da katechisirt;
4437
Hoff' es soll Ihnen wohl bekommen.
4438
Die Mädels sind doch sehr interessirt,
4439
Ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch.
4440
Sie denken, duckt er da, folgt er uns eben auch.
4441
Faust.
4442
Du Ungeheuer siehst nicht ein,
4443
Wie diese treue liebe Seele
4444
Von ihrem Glauben voll,
4445
Der ganz allein
4446
Ihr selig machend ist, sich heilig quäle,
4447
Daß sie den liebsten Mann verloren halten soll.
4448
Mephistopheles.
4449
Du übersinnlicher, sinnlicher Freyer,
4450
Ein Mägdelein nasführet dich.
4451
Faust.
4452
Du Spottgeburt von Dreck und Feuer!
4453
Mephistopheles.
4454
Und die Physiognomie versteht sie meisterlich.
4455
In meiner Gegenwart wird's ihr sie weiß nicht wie,
4456
Mein Mäskchen da weissagt verborgnen Sinn;
4457
Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,
4458
Vielleicht wohl gar der Teufel bin.
4459
Nun heute Nacht --?
4460
Faust.
4461
Was geht dich's an?
4462
Mephistopheles.
4463
Hab' ich doch meine Freude d'ran!
4464
Am Brunnen.
4465
Gretchen und Lieschen.
4466
(mit Krügen.)
4467
Lieschen.
4468
Hast nichts von Bärbelchen gehört?
4469
Gretchen.
4470
Kein Wort. Ich komm' gar wenig unter Leute.
4471
Lieschen.
4472
Gewiß, Sibylle sagt' mir's heute!
4473
Die hat sich endlich auch bethört.
4474
Das ist das Vornehmthun!
4475
Gretchen.
4476
Wie so?
4477
Lieschen.
4478
Es stinkt!
4479
Sie füttert zwey, wenn sie nun ißt und trinkt.
4480
Gretchen.
4481
Ach!
4482
Lieschen.
4483
So ist's ihr endlich recht ergangen.
4484
Wie lange hat sie an dem Kerl gehangen!
4485
Das war ein Spaziren,
4486
Auf Dorf und Tanzplatz Führen,
4487
Mußt' überall die erste seyn,
4488
Curtesirt' ihr immer mit Pastetchen und Wein;
4489
Bild't sich was auf ihre Schönheit ein,
4490
War doch so ehrlos sich nicht zu schämen
4491
Geschenke von ihm anzunehmen.
4492
War ein Gekos' und ein Geschleck';
4493
Da ist denn auch das Blümchen weg[!]
4494
Gretchen.
4495
Das arme Ding!
4496
Lieschen.
4497
Bedauerst sie noch gar!
4498
Wenn unser eins am Spinnen war,
4499
Uns Nachts die Mutter nicht hinunterließ;
4500
Stand sie bey ihrem Buhlen süß,
4501
Auf der Thürbank und im dunkeln Gang
4502
Ward' ihnen keine Stunde zu lang.
4503
Da mag sie denn sich ducken nun,
4504
Im Sünderhemdchen Kirchbuß' thun!
4505
Gretchen.
4506
Er nimmt sie gewiß zu seiner Frau.
4507
Lieschen.
4508
Er wär' ein Narr! Ein flinker Jung'
4509
Hat anderwärts noch Luft genung.
4510
Er ist auch fort.
4511
Gretchen.
4512
Das ist nicht schön!
4513
Lieschen.
4514
Kriegt sie ihn, soll's ihr übel gehn.
4515
Das Kränzel reißen die Buben ihr,
4516
Und Häckerling streuen wir vor die Thür!
4517
(ab.)
4518
Gretchen.
4519
(nach Hause gehend.)
4520
Wie konnt' ich sonst so tapfer schmählen,
4521
Sah ich ein armes Mägdlein fehlen!
4522
Wie konnt' ich über andrer Sünden
4523
Nicht Worte g'nug der Zunge finden!
4524
Wie schien mir's schwarz, und schwärzt's noch gar,
4525
Mir's immer doch nicht schwarz g'nug war,
4526
Und segnet' mich und that so groß,
4527
Und bin nun selbst der Sünde bloß!
4528
Doch -- alles was dazu mich trieb,
4529
Gott! war so gut! ach war so lieb!
4530
Zwinger.
4531
In der Mauerhöhle ein Andachtsbild der #Mater dolorosa,# Blumenkrüge davor.
4532
Gretchen.
4533
(steckt frische Blumen in die Krüge.)
4534
Ach neige,
4535
Du Schmerzenreiche,
4536
Dein Antlitz gnädig meiner Noth!
4537
Das Schwert im Herzen,
4538
Mit tausend Schmerzen
4539
Blickst auf zu deines Sohnes Tod.
4540
Zum Vater blickst du,
4541
Und Seufzer schickst du
4542
Hinauf um sein' und deine Noth.
4543
Wer fühlet,
4544
Wie wühlet
4545
Der Schmerz mir im Gebein?
4546
Was mein armes Herz hier banget,
4547
Was es zittert, was verlanget,
4548
Weißt nur du, nur du allein!
4549
Wohin ich immer gehe,
4550
Wie weh, wie weh, wie wehe
4551
Wird mir im Busen hier!
4552
Ich bin ach kaum alleine,
4553
Ich wein', ich wein', ich weine,
4554
Das Herz zerbricht in mir.
4555
Die Scherben vor meinem Fenster
4556
Bethaut' ich mit Thränen, ach!
4557
Als ich am frühen Morgen
4558
Dir diese Blumen brach.
4559
Schien hell in meine Kammer
4560
Die Sonne früh herauf,
4561
Saß ich in allem Jammer
4562
In meinem Bett' schon auf.
4563
Hilf! rette mich von Schmach und Tod!
4564
Ach neige,
4565
Du Schmerzenreiche,
4566
Dein Antlitz gnädig meiner Noth!
4567
Nacht.
4568
Straße vor Gretchens Thüre.
4569
Valentin Soldat, Gretchens Bruder.
4570
Wenn ich saß bey einem Gelag,
4571
Wo mancher sich berühmen mag,
4572
Und die Gesellen mir den Flor
4573
Der Mägdlein laut gepriesen vor,
4574
Mit vollem Glas das Lob verschwemmt,
4575
Den Ellenbogen aufgestemmt;
4576
Saß ich in meiner sichern Ruh
4577
Hört' all' dem Schwadroniren zu.
4578
Und streiche lächelnd meinen Bart,
4579
Und kriege das volle Glas zur Hand
4580
Und sage: alles nach seiner Art!
4581
Aber ist eine im ganzen Land,
4582
Die meiner trauten Gretel gleicht,
4583
Die meiner Schwester das Wasser reicht?
4584
Top! Top! Kling! Klang! das ging herum!
4585
Die einen schrieen: er hat Recht,
4586
Sie ist die Zier vom ganzen Geschlecht!
4587
Da saßen alle die Lober stumm.
4588
Und nun! -- um's Haar sich auszuraufen
4589
Und an den Wänden hinauf zu laufen! --
4590
Mit Stichelreden, Naserümpfen
4591
Soll jeder Schurke mich beschimpfen!
4592
Soll wie ein böser Schuldner sitzen,
4593
Bey jedem Zufallswörtchen schwitzen!
4594
Und möcht' ich sie zusammenschmeißen;
4595
Könnt' ich sie doch nicht Lügner heißen.
4596
Was kommt heran? Was schleicht herbey?
4597
Irr' ich nicht, es sind ihrer zwey.
4598
Ist er's, gleich pack' ich ihn beym Felle,
4599
Soll nicht lebendig von der Stelle!
4600
Faust. Mephistopheles.
4601
Faust.
4602
Wie von dem Fenster dort der Sakristey
4603
Aufwärts der Schein des ewigen Lämpchens flämmert
4604
Und schwach und schwächer seitwärts dämmert,
4605
Und Finsterniß drängt ringsum bey!
4606
So sieht's in meinem Busen nächtig.
4607
Mephistopheles.
4608
Und mir ist's wie dem Kätzlein schmächtig,
4609
Das an den Feuerleitern schleicht,
4610
Sich leis' dann um die Mauern streicht.
4611
Mir ist's ganz tugendlich dabey,
4612
Ein Bißchen Diebsgelüst, ein Bißchen Rammeley.
4613
So spukt mir schon durch alle Glieder
4614
Die herrliche Walpurgisnacht.
4615
Die kommt uns übermorgen wieder,
4616
Da weiß man doch warum man wacht.
4617
Faust.
4618
Rückt wohl der Schatz indessen in die Höh'?
4619
Den ich dorthinten flimmern seh'.
4620
Mephistopheles.
4621
Du kannst die Freude bald erleben,
4622
Das Kesselchen herauszuheben.
4623
Ich schielte neulich so hinein,
4624
Sind herrliche Löwenthaler drein.
4625
Faust.
4626
Nicht ein Geschmeide? Nicht ein Ring?
4627
Meine liebe Buhle damit zu zieren.
4628
Mephistopheles.
4629
Ich sah dabey wohl so ein Ding,
4630
Als wie eine Art von Perlenschnüren.
4631
Faust.
4632
So ist es recht! Mir thut es weh,
4633
Wenn ich ohne Geschenke zu ihr geh'.
4634
Mephistopheles.
4635
Es sollt' euch eben nicht verdrießen
4636
Umsonst auch etwas zu genießen.
4637
Jetzt da der Himmel voller Sterne glüht,
4638
Sollt ihr ein wahres Kunststück hören:
4639
Ich sing' ihr ein moralisch Lied,
4640
Um sie gewisser zu bethören.
4641
(Singt zur Zither.)
4642
Was machst du mir
4643
Vor Liebchens Thür
4644
Cathrinchen hier
4645
Bey frühem Tagesblicke?
4646
Laß, laß es seyn!
4647
Er läßt dich ein
4648
Als Mädchen ein,
4649
Als Mädchen nicht zurücke.
4650
Nehmt euch in Acht!
4651
Ist es vollbracht,
4652
Dann gute Nacht
4653
Ihr armen, armen Dinger!
4654
Habt ihr euch lieb,
4655
Thut keinem Dieb
4656
Nur nichts zu Lieb',
4657
Als mit dem Ring am Finger.
4658
Valentin tritt vor.
4659
Wen lockst du hier? beym Element!
4660
Vermaledeyter Rattenfänger!
4661
Zum Teufel erst das Instrument!
4662
Zum Teufel hinter drein den Sänger!
4663
Mephistopheles.
4664
Die Zither ist entzwey! an der ist nichts zu halten.
4665
Valentin.
4666
Nun soll es an ein Schedelspalten!
4667
Mephistopheles zu Faust.
4668
Herr Doctor nicht gewichen! Frisch!
4669
Hart an mich an, wie ich euch führe.
4670
Heraus mit eurem Flederwisch!
4671
Nur zugestoßen! ich parire.
4672
Valentin.
4673
Parire den!
4674
Mephistopheles.
4675
Warum denn nicht?
4676
Valentin.
4677
Auch den!
4678
Mephistopheles.
4679
Gewiß!
4680
Valentin.
4681
Ich glaub' der Teufel ficht!
4682
Was ist denn das? Schon wird die Hand mir lahm.
4683
Mephistopheles zu Faust.
4684
Stoß zu!
4685
Valentin fällt.
4686
O weh!
4687
Mephistopheles.
4688
Nun ist der Lümmel zahm!
4689
Nun aber fort! Wir müssen gleich verschwinden:
4690
Denn schon entsteht ein mörderlich Geschrey.
4691
Ich weiß mich trefflich mit der Polizey,
4692
Doch mit dem Blutbann schlecht mich abzufinden.
4693
Marthe am Fenster.
4694
Heraus! Heraus!
4695
Gretchen am Fenster.
4696
Herbey ein Licht!
4697
Marthe wie oben.
4698
Man schilt und rauft, man schreit und ficht.
4699
Volk.
4700
Da liegt schon einer todt!
4701
Marthe heraustretend.
4702
Die Mörder sind sie denn entflohn?
4703
Gretchen heraustretend.
4704
Wer liegt hier?
4705
Volk.
4706
Deiner Mutter Sohn.
4707
Gretchen.
4708
Allmächtiger! welche Noth!
4709
Valentin.
4710
Ich sterbe! das ist bald gesagt
4711
Und bälder noch gethan.
4712
Was steht ihr Weiber, heult und klagt?
4713
Kommt her und hört mich an!
4714
(Alle treten um ihn.)
4715
Mein Gretchen sieh! du bist noch jung,
4716
Bist gar noch nicht gescheidt genung,
4717
Machst deine Sachen schlecht.
4718
Ich sag' dir's im Vertrauen nur:
4719
Du bist doch nun einmal eine Hur';
4720
So sey's auch eben recht.
4721
Gretchen.
4722
Mein Bruder! Gott! Was soll mir das?
4723
Valentin.
4724
Laßt unsern Herr Gott aus dem Spaß.
4725
Geschehn ist leider nun geschehn,
4726
Und wie es gehn kann, so wird's gehn.
4727
Du fingst mit Einem heimlich an,
4728
Bald kommen ihrer mehre dran,
4729
Und wenn dich erst ein Dutzend hat,
4730
So hat dich auch die ganze Stadt.
4731
Wenn erst die Schande wird geboren,
4732
Wird sie heimlich zur Welt gebracht,
4733
Und man zieht den Schleyer der Nacht
4734
Ihr über Kopf und Ohren;
4735
Ja, man möchte sie gern ermorden.
4736
Wächst sie aber und macht sich groß,
4737
Dann geht sie auch bey Tage bloß,
4738
Und ist doch nicht schöner geworden.
4739
Je häßlicher wird ihr Gesicht,
4740
Je mehr sucht sie des Tageslicht.
4741
Ich seh' wahrhaftig schon die Zeit
4742
Daß alle brave Bürgersleut'
4743
Wie von einer angesteckten Leichen
4744
Von dir, du Metze! seitab weichen.
4745
Dir soll das Herz im Leib verzagen!
4746
Wenn sie dir in die Augen sehn.
4747
Sollst keine goldne Kette mehr tragen!
4748
In der Kirche nicht mehr am Altar stehn
4749
In einem schönen Spitzenkragen
4750
Dich nicht beym Tanze wohlbehagen!
4751
In eine finstre Jammerecken
4752
Unter Bettler und Krüpel dich verstecken,
4753
Und wenn dir denn auch Gott verzeiht,
4754
Auf Erden seyn vermaledeyt!
4755
Marthe.
4756
Befehlt eure Seele Gott zu Gnaden!
4757
Wollt ihr noch Lästrung auf euch laden?
4758
Valentin.
4759
Könnt' ich dir nur an den dürren Leib
4760
Du schändlich kupplerisches Weib!
4761
Da hofft' ich aller meiner Sünden
4762
Vergebung reiche Maß zu finden.
4763
Gretchen.
4764
Mein Bruder! Welche Höllenpein!
4765
Valentin.
4766
Ich sage, laß die Thränen seyn!
4767
Da du dich sprachst der Ehre los,
4768
Gabst mir den schwersten Herzensstoß.
4769
Ich gehe durch den Todesschlaf
4770
Zu Gott ein als Soldat und brav.
4771
(stirbt.)
4772
Dom.
4773
Amt, Orgel und Gesang.
4774
Gretchen unter vielem Volke. Böser Geist hinter Gretchen.
4775
Böser Geist.
4776
Wie anders, Gretchen, war dir's,
4777
Als du noch voll Unschuld
4778
Hier zum Altar trat'st,
4779
Aus dem vergriffnen Büchelchen
4780
Gebete lalltest,
4781
Halb Kinderspiele,
4782
Halb Gott im Herzen
4783
Gretchen!
4784
Wo steht dein Kopf?
4785
In deinem Herzen,
4786
Welche Missethat?
4787
Bet'st du für deiner Mutter Seele? die
4788
Durch dich zur langen, langen Pein hinüberschlief.
4789
Auf deiner Schwelle wessen Blut?
4790
-- Und unter deinem Herzen
4791
Regt sich's nicht quillend schon,
4792
Und ängstet dich und sich
4793
Mit ahndungsvoller Gegenwart?
4794
Gretchen.
4795
Weh! Weh!
4796
Wär' ich der Gedanken los,
4797
Die mir herüber und hinüber gehen
4798
Wider mich!
4799
Chor.
4800
#Dies irae, dies illa
4801
Solvet saeclum in favilla.#
4802
(Orgelton.)
4803
Böser Geist.
4804
Grimm faßt dich!
4805
Die Posaune tönt!
4806
Die Gräber beben!
4807
Und dein Herz,
4808
Aus Aschenruh'
4809
Zu Flammenqualen
4810
Wieder aufgeschaffen,
4811
Bebt auf!
4812
Gretchen.
4813
Wär' ich hier weg!
4814
Mir ist als ob die Orgel mir
4815
Den Athem versetzte,
4816
Gesang mein Herz
4817
Im Tiefsten lös'te.
4818
Chor.
4819
#Judex ergo cum sedebit,
4820
Quidquid latet adparebit,
4821
Nil inultum remanebit.#
4822
Gretchen.
4823
Mir wird so eng'!
4824
Die Mauern-Pfeiler
4825
Befangen mich!
4826
Das Gewölbe
4827
Drängt mich! -- Luft!
4828
Böser Geist.
4829
Verbirg' dich! Sünd' und Schande
4830
Bleibt' nicht verborgen.
4831
Luft? Licht?
4832
Weh dir!
4833
Chor.
4834
#Quid sum miser tunc dicturus?
4835
Quem patronum rogaturus?
4836
Cum vix justus sit securus.#
4837
Böser Geist.
4838
Ihr Antlitz wenden
4839
Verklärte von dir ab.
4840
Die Hände dir zu reichen,
4841
Schauert's den Reinen.
4842
Weh!
4843
Chor.
4844
#Quid sum miser tunc dicturus?#
4845
Gretchen.
4846
Nachbarin! Euer Fläschchen! --
4847
(Sie fällt in Ohnmacht.)
4848
Walpurgisnacht.
4849
Harzgebirg. Gegend von Schirke und Elend.
4850
Faust. Mephistopheles.
4851
Mephistopheles.
4852
Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
4853
Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.
4854
Auf diesem Weg sind wir noch weit vom Ziele.
4855
Faust.
4856
So lang' ich mich noch frisch auf meinen Beinen fühle,
4857
Genügt mir dieser Knotenstock.
4858
Was hilft's daß man den Weg verkürzt! --
4859
Im Labyrinth der Thäler hinzuschleichen,
4860
Dann diesen Felsen zu ersteigen,
4861
Von dem der Quell sich ewig sprudelnd stürzt,
4862
Das ist die Lust, die solche Pfade würzt!
4863
Der Frühling webt schon in den Birken
4864
Und selbst die Fichte fühlt ihn schon,
4865
Sollt' er nicht auch auf unsre Glieder wirken?
4866
Mephistopheles.
4867
Fürwahr ich spüre nichts davon!
4868
Mir ist es winterlich im Leibe,
4869
Ich wünschte Schnee und Frost auf meiner Bahn.
4870
Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe
4871
Des rothen Monds mit später Gluth heran!
4872
Und leuchtet schlecht, daß man bey jedem Schritte,
4873
Vor einen Baum, vor einen Felsen rennt!
4874
Erlaub' daß ich ein Irrlicht bitte!
4875
Dort seh' ich eins, das eben lustig brennt.
4876
He da! mein Freund! darf ich dich zu uns fodern?
4877
Was willst du so vergebens lodern?
4878
Sey doch so gut und leucht' uns da hinauf!
4879
Irrlicht.
4880
Aus Ehrfurcht, hoff' ich, soll es mir gelingen
4881
Mein leichtes Naturell zu zwingen,
4882
Nur Zickzack geht gewöhnlich unser Lauf.
4883
Mephistopheles.
4884
Ei! Ei! er denkt's den Menschen nachzuahmen.
4885
Geh er nur g'rad', in's Teufels Nahmen!
4886
Sonst blas' ich ihm sein Flacker-Leben aus.
4887
Irrlicht.
4888
Ich merke wohl, ihr seyd der Herr vom Haus,
4889
Und will mich gern nach euch bequemen.
4890
Allein bedenkt! der Berg ist heute zaubertoll,
4891
Und wenn ein Irrlicht euch die Wege weisen soll,
4892
So müßt ihr's so genau nicht nehmen.
4893
Faust, Mephistopheles, Irrlicht im Wechselgesang.
4894
In die Traum- und Zaubersphäre
4895
Sind wir, scheint es, eingegangen.
4896
Führ' uns gut und mach' dir Ehre!
4897
Daß wir vorwärts bald gelangen,
4898
In den weiten, öden Räumen.
4899
Seh' die Bäume hinter Bäumen,
4900
Wie sie schnell vorüber rücken,
4901
Und die Klippen, die sich bücken,
4902
Und die langen Felsennasen,
4903
Wie sie schnarchen, wie sie blasen!
4904
Durch die Steine, durch den Rasen
4905
Eilet Bach und Bächlein nieder.
4906
Hör' ich Rauschen? hör' ich Lieder?
4907
Hör' ich holde Liebesklage,
4908
Stimmen jener Himmelstage?
4909
Was wir hoffen, was wir lieben!
4910
Und das Echo, wie die Sage
4911
Alter Zeiten, hallet wieder.
4912
Uhu! Schuhu! tönt es näher,
4913
Kauz und Kibitz und der Häher,
4914
Sind sie alle wach geblieben?
4915
Sind das Molche durchs Gesträuche?
4916
Lange Beine, dicke Bäuche.
4917
Und die Wurzeln, wie die Schlangen,
4918
Winden sich aus Fels und Sande;
4919
Strecken wunderliche Bande,
4920
Uns zu schrecken, uns zu fangen;
4921
Aus belebten, derben Masern
4922
Stecken[Strecken] sie Polypenfasern
4923
Nach dem Wandrer. Und die Mäuse
4924
Tausendfärbig, schaarenweise,
4925
Durch das Moos und durch die Heide!
4926
Und die Funkenwürmer fliegen,
4927
Mit gedrängten Schwärme-Zügen,
4928
Zum verwirrenden Geleite.
4929
Aber sag' mir ob wir stehen?
4930
Oder ob wir weiter gehen?
4931
Alles alles scheint zu drehen,
4932
Fels und Bäume, die Gesichter
4933
Schneiden, und die irren Lichter,
4934
Die sich mehren, die sich blähen.
4935
Mephistopheles.
4936
Fasse wacker meinen Zipfel!
4937
Hier ist so ein Mittelgipfel,
4938
Wo man mit Erstaunen sieht,
4939
Wie im Berg der Mammon glüht.
4940
Faust.
4941
Wie seltsam glimmert durch die Gründe
4942
Ein morgenröthlich trüber Schein!
4943
Und selbst bis in die tiefen Schlünde
4944
Des Abgrunds wittert er hinein.
4945
Da steigt ein Dampf, dort ziehen Schwaden,
4946
Hier leuchtet Glut aus Dunst und Flor,
4947
Dann schleicht sie wie ein zarter Faden,
4948
Dann bricht sie wie ein Quell hervor.
4949
Hier schlingt sie eine ganze Strecke,
4950
Mit hundert Adern, sich durchs Thal,
4951
Und hier in der gedrängten Ecke
4952
Vereinzelt sie sich auf einmal.
4953
Da sprühen Funken in der Nähe,
4954
Wie ausgestreuter goldner Sand.
4955
Doch schau! in ihrer ganzen Höhe
4956
Entzündet sich die Felsenwand.
4957
Mephistopheles.
4958
Erleuchtet nicht zu diesem Feste
4959
Herr Mammon prächtig den Pallast?
4960
Ein Glück daß du's gesehen hast;
4961
Ich spüre schon die ungestümen Gäste.
4962
Faust.
4963
Wie ras't die Windsbraut durch die Luft!
4964
Mit welchen Schlägen trifft sie meinen Nacken!
4965
Mephistopheles.
4966
Du mußt des Felsens alte Rippen packen,
4967
Sonst stürzt sie dich hinab in dieser Schlünde Gruft.
4968
Ein Nebel verdichtet die Nacht.
4969
Höre wie's durch die Wälder kracht!
4970
Aufgescheucht fliegen die Eulen.
4971
Hör' es splittern die Säulen
4972
Ewig grüner Palläste.
4973
Girren und Brechen der Aeste
4974
Der Stämme mächtiges Dröhnen!
4975
Der Wurzeln Knarren und Gähnen!
4976
Im fürchterlich verworrenen Falle
4977
Ueber einander krachen sie alle,
4978
Und durch die übertrümmerten Klüfte
4979
Zischen und heulen die Lüfte.
4980
Hörst du Stimmen in der Höhe?
4981
In der Ferne in der Nähe?
4982
Ja, den ganzen Berg entlang
4983
Strömt ein wüthender Zaubergesang.
4984
Hexen im Chor.
4985
Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
4986
Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
4987
Dort sammelt sich der große Hauf,
4988
Herr Urian sitzt oben auf.
4989
So geht es über Stein und Stock
4990
Es f--t[farzt] die Hexe, es st--t[stinckt] der Bock.
4991
Stimme.
4992
Die alte Baubo kommt allein,
4993
Sie reitet auf einem Mutterschwein.
4994
Chor.
4995
So Ehre dem[denn], wem Ehre gebürt!
4996
Frau Baubo vor! und angeführt!
4997
Ein tüchtig Schwein und Mutter drauf,
4998
Da folgt der ganze Hexenhauf.
4999
Stimme.
5000
Welchen Weg kommst du her?
5001
Stimme.
5002
Ueber'n Ilsenstein!
5003
Da guckt' ich der Eule ins Nest hinein.
5004
Die macht ein Paar Augen!
5005
Stimme.
5006
O fahre zur Hölle!
5007
Was reit'st du so schnelle!
5008
Stimme.
5009
Mich hat sie geschunden,
5010
Da sieh nur die Wunden!
5011
Hexen Chor.
5012
Der Weg ist breit, der Weg ist lang,
5013
Was ist das für ein toller Drang?
5014
Die Gabel sticht, der Besen kratzt,
5015
Das Kind erstickt, die Mutter platzt.
5016
Hexenmeister. Halbes Chor.
5017
Wir schleichen wie die Schneck' im Haus,
5018
Die Weiber alle sind voraus.
5019
Denn, geht es zu des Bösen Haus,
5020
Das Weib hat tausend Schritt voraus.
5021
Andre Hälfte.
5022
Wir nehmen das nicht so genau,
5023
Mit tausend Schritten macht's die Frau;
5024
Doch, wie sie auch sich eilen kann,
5025
Mit Einem Sprunge macht's der Mann.
5026
Stimme oben.
5027
Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee!
5028
Stimmen von unten.
5029
Wir möchten gerne mit in die Höh'.
5030
Wir waschen und blank sind wir ganz und gar;
5031
Aber auch ewig unfruchtbar.
5032
Beyde Chöre.
5033
Es schweigt der Wind, es flieht der Stern,
5034
Der trübe Mond verbirgt sich gern.
5035
Im Sausen sprüht das Zauberchor
5036
Viel tausend Feuerfunken hervor.
5037
Stimme von unten.
5038
Halte! Halte!
5039
Stimme von oben.
5040
Wer ruft da aus der Felsenspalte?
5041
Stimme unten.
5042
Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!
5043
Ich steige schon dreyhundert Jahr,
5044
Und kann den Gipfel nicht erreichen.
5045
Ich wäre gern bey meines gleichen.
5046
Beyde Chöre.
5047
Es trägt der Besen, trägt der Stock,
5048
Die Gabel trägt, es trägt der Bock,
5049
Wer heute sich nicht heben kann,
5050
Ist ewig ein verlorner Mann.
5051
Halbhexe unten.
5052
Ich tripple nach, so lange Zeit,
5053
Wie sind die andern schon so weit!
5054
Ich hab' zu Hause keine Ruh,
5055
Und komme hier doch nicht dazu.
5056
Chor der Hexen.
5057
Die Salbe giebt den Hexen Muth,
5058
Ein Lumpen ist zum Segel gut,
5059
Ein gutes Schiff ist jeder Trog,
5060
Der flieget nie, der heut nicht flog.
5061
Beyde Chöre.
5062
Und wenn wir um den Gipfel ziehn,
5063
So streichet an dem Boden hin,
5064
Und deckt die Heide weit und breit
5065
Mit eurem Schwarm der Hexenheit.
5066
(Sie lassen sich nieder.)
5067
Mephistopheles.
5068
Das drängt und stößt, das ruscht und klappert!
5069
Das zischt und quirlt, das zieht und plappert!
5070
Das leuchtet, sprüht und stinkt und brennt!
5071
Ein wahres Hexenelement!
5072
Nur fest an mir! sonst sind wir gleich getrennt.
5073
Wo bist du?
5074
Faust in der Ferne.
5075
Hier!
5076
Mephistopheles.
5077
Was! dort schon hingerissen?
5078
Da werd' ich Hausrecht brauchen müssen.
5079
Platz! Junker Voland kommt. Platz! süßer Pöbel, Platz!
5080
Hier, Doctor, fasse mich! und nun, in Einem Satz,
5081
Laß uns aus dem Gedräng' entweichen;
5082
Es ist zu toll, sogar für meines gleichen.
5083
Dort neben leuchtet was mit ganz besond'rem Schein,
5084
Es zieht mich was nach jenen Sträuchen.
5085
Komm, komm! wir schlupfen da hinein.
5086
Faust.
5087
Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! du magst mich führen.
5088
Ich denke doch das war recht klug gemacht.
5089
Zum Brocken wandlen wir in der Walpurgisnacht,
5090
Um uns beliebig nun hieselbst zu isoliren.
5091
Mephistopheles.
5092
Da sieh nur welche bunten Flammen!
5093
Es ist ein muntrer Klub beysammen.
5094
Im Kleinen ist man nicht allein.
5095
Faust.
5096
Doch droben möcht' ich lieber seyn!
5097
Schon seh' ich Glut und Wirbelrauch.
5098
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
5099
Da muß sich manches Räthsel lösen.
5100
Mephistopheles.
5101
Doch manches Räthsel knüpft sich auch.
5102
Laß du die große Welt nur sausen,
5103
Wir wollen hier im Stillen hausen.
5104
Es ist doch lange hergebracht,
5105
Daß in der großen Welt man kleine Welten macht.
5106
Da seh' ich junge Hexchen nackt und blos,
5107
Und alte die sich klug verhüllen.
5108
Seyd freundlich, nur um meinetwillen,
5109
Die Müh' ist klein, der Spaß ist groß.
5110
Ich höre was von Instrumenten tönen!
5111
Verflucht Geschnarr! Man muß sich dran gewöhnen.
5112
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders seyn,
5113
Ich tret' heran und führe dich herein,
5114
Und ich verbinde dich aufs neue.
5115
Was sagst du Freund? das ist kein kleiner Raum.
5116
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
5117
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe;
5118
Man tanzt, man schwazt, man kocht, man trinkt, man liebt;
5119
Nun sage mir, wo es was bessers giebt?
5120
Faust.
5121
Willst du dich nun, um uns hier einzuführen
5122
Als Zaub'rer oder Teufel produziren?
5123
Mephistopheles.
5124
Zwar bin ich sehr gewohnt incognito zu gehn;
5125
Doch läßt am Galatag man seinen Orden sehn.
5126
Ein Knieband zeichnet mich nicht aus,
5127
Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.
5128
Siehst du die Schnecke da! sie kommt herangekrochen;
5129
Mit ihrem tastenden Gesicht
5130
Hat sie mir schon was abgerochen.
5131
Wenn ich auch will, verläugn' ich hier mich nicht.
5132
Komm nur! von Feuer gehen wir zu Feuer,
5133
Ich bin der Werber und du bist der Freyer.
5134
(zu einigen, die um verglimmende Kohlen sitzen.)
5135
Ihr alten Herrn, was macht ihr hier am Ende?
5136
Ich lobt' euch, wenn ich euch hübsch in der Mitte fände,
5137
Von Saus umzirkt und Jugendbraus.
5138
Genug allein ist jeder ja zu Haus.
5139
General.
5140
Wer mag auf Nationen trauen!
5141
Man habe noch so viel für sie gethan;
5142
Denn bey dem Volk, wie bey den Frauen,
5143
Steht immerfort die Jugend oben an.
5144
Minister.
5145
Jetzt ist man von dem Rechten allzuweit,
5146
Ich lobe mir die guten Alten;
5147
Denn freylich, da wir alles galten,
5148
Da war die rechte goldne Zeit.
5149
Parvenü.
5150
Wir waren wahrlich auch nicht dumm,
5151
Und thaten oft was wir nicht sollten;
5152
Doch jetzo kehrt sich alles um und um,
5153
Und eben da wir's fest erhalten wollten.
5154
Autor.
5155
Wer mag wohl überhaupt jetzt eine Schrift
5156
Von mäßig klugem Inhalt lesen!
5157
Und was das liebe junge Volk betrifft,
5158
Das ist noch nie so naseweis gewesen.
5159
Mephistopheles.
5160
(auf einmal sehr alt erscheint.)
5161
Zum jüngsten Tag fühl' ich das Volk gereift;
5162
Da ich zum letztenmal den Hexenberg ersteige,
5163
Und, weil mein Fäßchen trübe läuft;
5164
So ist die Welt auch auf der Neige.
5165
Trödelhexe.
5166
Ihr Herren geht nicht so vorbey!
5167
Laßt die Gelegenheit nicht fahren!
5168
Aufmerksam blickt nach meinen Waaren,
5169
Es steht dahier gar mancherley.
5170
Und doch ist nichts in meinem Laden,
5171
Dem keiner auf der Erde gleicht,
5172
Das nicht einmal zum tücht'gen Schaden
5173
Der Menschen und der Welt gereicht.
5174
Kein Dolch ist hier, von dem nicht Blut geflossen,
5175
Kein Kelch, aus dem sich nicht, in ganz gesunden Leib,
5176
Verzehrend heißes Gift ergossen.
5177
Kein Schmuck, der nicht ein liebenswürdig Weib
5178
Verführt, kein Schwerdt das nicht den Bund gebrochen,
5179
Nicht etwa hinterrücks den Gegenmann durchstochen.
5180
Mephistopheles.
5181
Frau Muhme! Sie versteht mir schlecht die Zeiten.
5182
Gethan geschehn! Geschehn gethan!
5183
Verleg' sie sich auf Neuigkeiten,
5184
Nur Neuigkeiten ziehn uns an.
5185
Faust.
5186
Daß ich mich nur nicht selbst vergesse!
5187
Heiß' ich mir das doch eine Messe!
5188
Mephistopheles.
5189
Der ganze Strudel strebt nach oben;
5190
Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.
5191
Faust.
5192
Wer ist denn das?
5193
Mephistopheles.
5194
Betrachte sie genau!
5195
Lilith ist das.
5196
Faust.
5197
Wer?
5198
Mephistopheles.
5199
Adams erste Frau.
5200
Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren,
5201
Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt.
5202
Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,
5203
So läßt sie ihn sobald nicht wieder fahren.
5204
Faust.
5205
Da sitzen zwey, die alte mit der jungen;
5206
Die haben schon was rechts gesprungen!
5207
Mephistopheles.
5208
Das hat nun heute keine Ruh.
5209
Es geht zum neuen Tanz, nun komm! wir greifen zu.
5210
Faust mit der jungen tanzend.
5211
Einst hatt' ich einen schönen Traum;
5212
Da sah ich einen Apfelbaum,
5213
Zwey schöne Aepfel glänzten dran,
5214
Sie reizten mich, ich stieg hinan.
5215
Die Schöne.
5216
Der Aepfelchen begehrt ihr sehr
5217
Und schon vom Paradiese her.
5218
Von Freuden fühl' ich mich bewegt,
5219
Daß auch mein Garten solche trägt.
5220
Mephistopheles mit der Alten.
5221
Einst hatt' ich einen wüsten Traum;
5222
Da sah' ich einen gespaltnen Baum,
5223
Der hatt' ein -- -- --[ungeheures Loch];
5224
So --[groß] es war, gefiel mir's doch.
5225
Die Alte.
5226
Ich biete meinen besten Gruß
5227
Dem Ritter mit dem Pferdefuß!
5228
Halt' er einen -- --[rechten Pfropf] bereit,
5229
Wenn er -- -- --[das große Loch] nicht scheut.
5230
Brocktophantasmist.
5231
Verfluchtes Volk! was untersteht ihr euch?
5232
Hat man euch lange nicht bewiesen?
5233
Ein Geist steht nie auf ordentlichen Füßen;
5234
Nun tanzt ihr gar, uns andern Menschen gleich!
5235
Die Schöne tanzend.
5236
Was will denn der auf unserm Ball?
5237
Faust tanzend.
5238
Ey! der ist eben überall.
5239
Was andre tanzen muß er schätzen.
5240
Kann er nicht jeden Schritt beschwätzen;
5241
So ist der Schritt so gut als nicht geschehn.
5242
Am meisten ärgert ihn, sobald wir vorwärts gehn.
5243
Wenn ihr euch so im Kreise drehen wolltet,
5244
Wie er's in seiner alten Mühle thut,
5245
Das hieß er allenfalls noch gut;
5246
Besonders wenn ihr ihn darum begrüßen solltet.
5247
Brocktophantasmist.
5248
Ihr seyd noch immer da! nein das ist unerhört.
5249
Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt.
5250
Das Teufelspack es fragt nach keiner Regel.
5251
Wir sind so klug und dennoch spukt's in Tegel.
5252
Wie lange hab' ich nicht am Wahn hinausgekehrt
5253
Und nie wird's rein, das ist doch unerhört!
5254
Die Schöne.
5255
So hört doch auf uns hier zu ennuyiren!
5256
Brocktophantasmist.
5257
Ich sag's euch Geistern in's Gesicht,
5258
Den Geistesdespotismus leid' ich nicht;
5259
Mein Geist kann ihn nicht exerziren.
5260
(es wird fortgetanzt.)
5261
Heut, seh' ich, will mir nichts gelingen,
5262
Doch eine Reise nehm' ich immer mit
5263
Und hoffe noch, vor meinem letzten Schritt,
5264
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.
5265
Mephistopheles.
5266
Er wird sich gleich in eine Pfütze setzen,
5267
Das ist die Art wie er sich soulagirt,
5268
Und wenn Blutegel sich an seinem Steiß ergötzen,
5269
Ist er von Geistern und von Geist kurirt.
5270
(zu Faust der aus dem Tanz getreten ist.)
5271
Was lässest du das schöne Mädchen fahren?
5272
Das dir zum Tanz so lieblich sang.
5273
Faust.
5274
Ach! mitten im Gesange sprang
5275
Ein rothes Mäuschen ihr aus dem Munde.
5276
Mephistopheles.
5277
Das ist was rechts! Das nimmt man nicht genau.
5278
Genug die Maus war doch nicht grau.
5279
Wer fragt darnach in einer Schäferstunde?
5280
Faust.
5281
Dann sah' ich --
5282
Mephistopheles.
5283
Was?
5284
Faust.
5285
Mephisto siehst du dort
5286
Ein blasses, schönes Kind allein und ferne stehen?
5287
Sie schiebt sich langsam nur vom Ort,
5288
Sie scheint mit geschloßnen Füßen zu gehen.
5289
Ich muß bekennen, daß mir däucht,
5290
Daß sie dem guten Gretchen gleicht.
5291
Mephistopheles.
5292
Laß das nur stehn! dabey wird's niemand wohl.
5293
Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol.
5294
Ihm zu begegnen ist nicht gut,
5295
Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut,
5296
Und er wird fast in Stein verkehrt,
5297
Von der Meduse hast du ja gehört.
5298
Faust.
5299
Fürwahr es sind die Augen eines Todten,
5300
Die eine liebende Hand nicht schloß.
5301
Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten,
5302
Das ist der süße Leib, den ich genoß.
5303
Mephistopheles.
5304
Das ist die Zauberey, du leicht verführter Thor!
5305
Denn jedem kommt sie wie sein Liebchen vor.
5306
Faust.
5307
Welch eine Wonne! welch ein Leiden!
5308
Ich kann von diesem Blick nicht scheiden.
5309
Wie sonderbar muß diesen schönen Hals
5310
Ein einzig rothes Schnürchen schmücken,
5311
Nicht breiter als ein Messerrücken!
5312
Mephistopheles.
5313
Ganz recht! ich seh' es ebenfalls.
5314
Sie kann das Haupt auch unterm Arme tragen;
5315
Denn Perseus hat's ihr abgeschlagen.
5316
Nur immer diese Lust zum Wahn!
5317
Komm doch das Hügelchen heran,
5318
Hier ist's so lustig wie im Prater;
5319
Und hat man mir's nicht angethan,
5320
So seh' ich wahrlich ein Theater.
5321
Was giebt's denn da?
5322
Servibilis.
5323
Gleich fängt man wieder an.
5324
Ein neues Stück, das letzte Stück von sieben,
5325
Soviel zu geben ist allhier der Brauch.
5326
Ein Dilettant hat es geschrieben,
5327
Und Dilettanten spielen's auch.
5328
Verzeiht ihr Herrn, wenn ich verschwinde;
5329
Mich dilettirt's den Vorhang aufzuziehn.
5330
Mephistopheles.
5331
Wenn ich euch auf dem Blocksberg finde,
5332
Das find' ich gut; denn da gehört ihr hin.
5333
Walpurgisnachtstraum
oder
Oberons und Titanias goldne Hochzeit.
5334
Intermezzo.
5335
Theatermeister.
5336
Heute ruhen wir einmal
5337
Miedings wackre Söhne.
5338
Alter Berg und feuchtes Thal,
5339
Das ist die ganze Scene!
5340
Herold.
5341
Daß die Hochzeit golden sey
5342
Soll'n funfzig Jahr seyn vorüber;
5343
Aber ist der Streit vorbey,
5344
Das golden ist mir lieber.
5345
Oberon.
5346
Seyd ihr Geister wo ich bin,
5347
So zeigt's in diesen Stunden;
5348
König und die Königinn,
5349
Sie sind auf's neu verbunden.
5350
Puck.
5351
Kommt der Puck und dreht sich queer
5352
Und schleift den Fuß im Reihen,
5353
Hundert kommen hinterher
5354
Sich auch mit ihm zu freuen.
5355
Ariel.
5356
Ariel bewegt den Sang
5357
In himmlisch reinen Tönen,
5358
Viele Fratzen lockt sein Klang,
5359
Doch lockt er auch die Schönen.
5360
Oberon.
5361
Gatten die sich vertragen wollen,
5362
Lernen's von uns beyden!
5363
Wenn sich zweye lieben sollen,
5364
Braucht man sie nur zu scheiden.
5365
Titania.
5366
Schmollt der Mann und grillt die Frau,
5367
So faßt sie nur behende,
5368
Führt mir nach dem Mittag Sie
5369
Und Ihn an Nordens Ende.
5370
Orchester Tutti
5371
(#Fortissimo.#)
5372
Fliegenschnauz' und Mückennas',
5373
Mit ihren Anverwandten,
5374
Frosch im Laub' und Grill' im Gras'
5375
Das sind die Musikanten!
5376
Solo.
5377
Seht da kommt der Dudelsack!
5378
Es ist die Seifenblase,
5379
Hört den Schneckeschnickeschnack
5380
Durch seine stumpfe Nase.
5381
Geist der sich erst bildet.
5382
Spinnenfuß und Krötenbauch
5383
Und Flügelchen dem Wichtchen!
5384
Zwar ein Thierchen giebt es nicht,
5385
Doch giebt es ein Gedichtchen.
5386
Ein Pärchen.
5387
Kleiner Schritt und hoher Sprung
5388
Durch Honigthau und Düfte;
5389
Zwar du trippelst mir genung,
5390
Doch geht's nicht in die Lüfte.
5391
Neugieriger Reisender.
5392
Ist das nicht Maskeraden-Spott?
5393
Soll ich den Augen trauen?
5394
Oberon den schönen Gott
5395
Auch heute hier zu schauen!
5396
Orthodox.
5397
Keine Klauen, keinen Schwanz!
5398
Doch bleibt es außer Zweifel,
5399
So wie die Götter Griechenlands,
5400
So ist auch er ein Teufel.
5401
Nordischer Künstler.
5402
Was ich ergreife das ist heut
5403
Fürwahr nur skizzenweise;
5404
Doch ich bereite mich bey Zeit
5405
Zur Italiän'schen Reise.
5406
Purist.
5407
Ach! mein Unglück führt mich her.
5408
Wie wird nicht hier geludert!
5409
Und von dem ganzen Hexenheer
5410
Sind zweye nur gepudert.
5411
Junge Hexe.
5412
Der Puder ist so wie der Rock
5413
Für alt' und graue Weibchen,
5414
Drum sitz' ich nackt auf meinem Bock
5415
Und zeig' ein derbes Leibchen.
5416
Matrone.
5417
Wir haben zu viel Lebensart
5418
Um hier mit euch zu maulen;
5419
Doch hoff' ich, sollt ihr jung und zart,
5420
So wie ihr seyd verfaulen.
5421
Capellmeister.
5422
Fliegenschnauz' und Mückennas'
5423
Umschwärmt mir nicht die Nackte!
5424
Frosch im Laub' und Grill' im Gras'
5425
So bleibt doch auch im Tacte!
5426
Windfahne
5427
(nach der einen Seite.)
5428
Gesellschaft wie man wünschen kann.
5429
Wahrhaftig lauter Bräute!
5430
Und Junggesellen, Mann für Mann,
5431
Die hoffnungsvollsten Leute.
5432
Windfahne
5433
(nach der andern Seite.)
5434
Und thut sich nicht der Boden auf
5435
Sie alle zu verschlingen,
5436
So will ich mit behendem Lauf
5437
Gleich in die Hölle springen.
5438
Xenien.
5439
Als Insekten sind wir da,
5440
Mit kleinen scharfen Scheren,
5441
Satan unsern Herrn Papa,
5442
Nach Würden zu verehren.
5443
Hennings.
5444
Seht! wie sie in gedrängter Schaar
5445
Naiv zusammen scherzen.
5446
Am Ende sagen sie noch gar,
5447
Sie hätten gute Herzen.
5448
Musaget.
5449
Ich mag in diesem Hexenheer
5450
Mich gar zu gern verlieren;
5451
Denn freylich diese wüßt' ich eh'r,
5452
Als Musen anzuführen.
5453
#Ci-devant# Genius der Zeit.
5454
Mit rechten Leuten wird man was.
5455
Komm fasse meinen Zipfel!
5456
Der Blocksberg, wie der deutsche Parnaß,
5457
Hat gar einen breiten Gipfel.
5458
Neugieriger Reisender.
5459
Sagt wie heißt der steife Mann?
5460
Er geht mit stolzen Schritten.
5461
Er schnopert was er schnopern kann.
5462
»Er spürt nach Jesuiten.«
5463
Kranich.
5464
In dem Klaren mag ich gern
5465
Und auch im Trüben fischen,
5466
Darum seht ihr den frommen Herrn
5467
Sich auch mit Teufeln mischen.
5468
Weltkind.
5469
Ja für die Frommen, glaubet mir,
5470
Ist alles ein Vehikel,
5471
Sie bilden auf dem Blocksberg hier
5472
Gar manches Conventikel.
5473
Tänzer.
5474
Da kommt ja wohl ein neues Chor?
5475
Ich höre ferne Trommeln.
5476
Nur ungestört! es sind im Rohr
5477
Die unisonen Dommeln.
5478
Tanzmeister.
5479
Wie jeder doch die Beine lupft!
5480
Sich, wie er kann, herauszieht!
5481
Der Krumme springt, der Plumpe hupft
5482
Und fragt nicht, wie es aussieht.
5483
Fiedler.
5484
Das haßt sich schwer, das Lumpenpack,
5485
Und gäb' sich gern das Restchen;
5486
Es eint sie hier der Dudelsack,
5487
Wie Orpheus' Leier die Bestjen.
5488
Dogmatiker.
5489
Ich lasse mich nicht irre schreyn,
5490
Nicht durch Critik noch Zweifel.
5491
Der Teufel muß doch etwas seyn;
5492
Wie gäb's denn sonst auch Teufel?
5493
Idealist.
5494
Die Phantasie in meinem Sinn
5495
Ist dießmal gar zu herrisch.
5496
Fürwahr, wenn ich das alles bin,
5497
So bin ich heute närrisch.
5498
Realist.
5499
Das Wesen ist mir recht zur Qual
5500
Und muß mich baß verdrießen;
5501
Ich stehe hier zum erstenmal
5502
Nicht fest auf meinen Füßen.
5503
Supernaturalist.
5504
Mit viel Vergnügen bin ich da
5505
Und freue mich mit diesen;
5506
Denn von den Teufeln kann ich ja
5507
Auf gute Geister schließen.
5508
Skeptiker.
5509
Sie gehn den Flämmchen auf der Spur,
5510
Und glaub'n sich nah dem Schatze.
5511
Auf Teufel reimt der Zweifel nur,
5512
Da bin ich recht am Platze.
5513
Capellmeister.
5514
Frosch im Laub' und Grill' im Gras'
5515
Verfluchte Dilettanten!
5516
Fliegenschnauz' und Mückennas'
5517
Ihr seyd doch Musikanten!
5518
Die Gewandten.
5519
Sanssouci so heißt das Heer
5520
Von lustigen Geschöpfen,
5521
Auf den Füßen geht's nicht mehr,
5522
Drum gehn wir auf den Köpfen.
5523
Die Unbehülflichen.
5524
Sonst haben wir manchen Bissen erschranzt,
5525
Nun aber Gott befohlen!
5526
Unsere Schuhe sind durchgetanzt,
5527
Wir laufen auf nackten Sohlen.
5528
Irrlichter.
5529
Von dem Sumpfe kommen wir,
5530
Woraus wir erst entstanden;
5531
Doch sind wir gleich im Reihen hier
5532
Die glänzenden Galanten.
5533
Sternschnuppe.
5534
Aus der Höhe schoß ich her
5535
Im Stern- und Feuerscheine,
5536
Liege nun im Grase quer,
5537
Wer hilft mir auf die Beine?
5538
Die Massiven.
5539
Platz und Platz! und ringsherum!
5540
So gehn die Gräschen nieder,
5541
Geister kommen, Geister auch
5542
Sie haben plumpe Glieder.
5543
Puck.
5544
Tretet nicht so mastig auf
5545
Wie Elephantenkälber,
5546
Und der plumpst' an diesem Tag
5547
Sey Puck der derbe selber.
5548
Ariel.
5549
Gab die liebende Natur
5550
Gab der Geist euch Flügel,
5551
Folget meiner leichten Spur,
5552
Auf zum Rosenhügel!
5553
Orchester.
5554
(#pianissimo.#)
5555
Wolkenzug und Nebelflor
5556
Erhellen sich von oben.
5557
Luft im Laub und Wind im Rohr,
5558
Und alles ist zerstoben.
5559
Trüber Tag.
5560
Feld.
5561
Faust. Mephistopheles.
5562
Faust.
5563
Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der Erde lange verirrt und nun gefangen! Als Missethäterinn im Kerker zu entsetzlichen Qualen eingesperrt das holde unselige Geschöpf! Bis dahin! dahin! -- Verräthrischer, nichtswürdiger Geist, und das hast du mir verheimlicht! -- Steh nur, steh! wälze die teuflischen Augen ingrimmend im Kopf herum! Steh und trutze mir durch deine unerträgliche Gegenwart! Gefangen! Im unwiederbringlichen Elend! Bösen Geistern übergeben und der richtenden gefühllosen Menschheit! Und mich wiegst du indeß in abgeschmackten Zerstreuungen, verbirgst mir ihren wachsenden Jammer und lässest sie hülflos verderben!
5564
Mephistopheles.
5565
Sie ist die erste nicht.
5566
Faust.
5567
Hund! abscheuliches Unthier! -- Wandle ihn, du unendlicher Geist! wandle den Wurm wieder in seine Hundsgestalt, wie er sich oft nächtlicher Weise[Weile] gefiel vor mir herzutrotten, dem harmlosen Wandrer vor die Füße zu kollern und sich dem niederstürzenden auf die Schultern zu hängen. Wandl' ihn wieder in seine Lieblingsbildung, daß er vor mir im Sand auf dem Bauch krieche, ich ihn mit Füßen trete, den Verworfnen! -- die erste nicht! -- Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen, daß mehr als ein Geschöpf in die Tiefe dieses Elendes versank, daß nicht das erste genugthat für die Schuld aller übrigen in seiner windenden Todesnoth vor den Augen des ewig Verzeihenden! Mir wühlt es Mark und Leben durch das Elend dieser einzigen, du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin.
5568
Mephistopheles.
5569
Nun sind wir schon wieder an der Gränze unsres Witzes, da wo euch Menschen der Sinn überschnappt. Warum machst du Gemeinschaft mit uns, wenn du sie nicht durchführen kannst? Willst fliegen und bist vorm Schwindel nicht sicher? Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?
5570
Faust.
5571
Fletsche deine gefräßigen Zähne mir nicht so entgegen! Mir eckelts! -- Großer herrlicher Geist, der du mir zu erscheinen würdigtest, der du mein Herz kennest und meine Seele, warum an den Schandgesellen mich schmieden? der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt.
5572
Mephistopheles.
5573
Endigst du?
5574
Faust.
5575
Rette sie! oder weh dir! den gräßlichsten Fluch über dich auf Jahrtausende!
5576
Mephistopheles.
5577
Ich kann die Bande des Rächers nicht lösen, seine Riegel nicht öffnen. -- Rette sie! -- Wer war's, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?
5578
Faust blickt wild umher.
5579
Mephistopheles.
5580
Greifst du nach dem Donner? Wohl, daß er euch elenden Sterblichen nicht gegeben ward! Den unschuldig entgegnenden zu zerschmettern, das ist so Tyrannen-Art sich in Verlegenheiten Luft zu machen.
5581
Faust.
5582
Bringe mich hin! Sie soll frey seyn!
5583
Mephistopheles.
5584
Und die Gefahr der du dich aussetzest? Wisse, noch liegt auf der Stadt Blutschuld von deiner Hand. Ueber des Erschlagenen Stätte schweben rächende Geister und lauern auf den wiederkehrenden Mörder.
5585
Faust.
5586
Noch das von dir? Mord und Tod einer Welt über dich Ungeheuer! Führe mich hin, sag' ich, und befrey sie!
5587
Mephistopheles.
5588
Ich führe dich und was ich thun kann, höre! Habe ich alle Macht im Himmel und auf Erden? Des Thürners Sinne will ich umnebeln, bemächtige dich der Schlüssel und führe sie heraus mit Menschenhand. Ich wache! die Zauberpferde sind bereit, ich entführe euch. Das vermag ich!
5589
Faust.
5590
Auf und davon!
5591
Nacht, offen Feld.
5592
Faust. Mephistopheles auf schwarzen Pferden daher brausend.
5593
Faust.
5594
Was weben die dort um den Rabenstein?
5595
Mephistopheles.
5596
Weiß nicht was sie kochen und schaffen.
5597
Faust.
5598
Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.
5599
Mephistopheles.
5600
Eine Hexenzunft.
5601
Faust.
5602
Sie streuen und weihen.
5603
Mephistopheles.
5604
Vorbey! Vorbey!
5605
Kerker.
5606
Faust, mit einem Bund Schlüssel und einer Lampe, vor einem eisernen Thürchen.
5607
 
5608
Mich faßt ein längst entwohnter Schauer,
5609
Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an.
5610
Hier wohnt sie hinter dieser feuchten Mauer,
5611
Und ihr Verbrechen war ein guter Wahn!
5612
Du zauderst zu ihr zu gehen!
5613
Du fürchtest sie wieder zu sehen!
5614
Fort! dein Zagen zögert den Tod heran.
5615
(er ergreift das Schloß. Es singt inwendig.)
5616
Meine Mutter, die Hur,
5617
Die mich umgebracht hat!
5618
Mein Vater, der Schelm,
5619
Der mich gessen hat!
5620
Mein Schwesterlein klein
5621
Hub auf die Bein,
5622
An einem kühlen Ort;
5623
Da ward ich ein schönes Waldvögelein,
5624
Fliege fort, fliege fort!
5625
Faust aufschließend.
5626
Sie ahndet nicht, daß der Geliebte lauscht,
5627
Die Ketten klirren hört, das Stroh das rauscht.
5628
(er tritt ein.)
5629
Margarete sich auf dem Lager verbergend.
5630
Weh! Weh! Sie kommen. Bittrer Tod!
5631
Faust leise.
5632
Still! Still! ich komme dich zu befreyen.
5633
Margarete sich vor ihn hinwälzend.
5634
Bist du ein Mensch, so fühle meine Noth.
5635
Faust.
5636
Du wirst die Wächter aus dem Schlafe schreyen!
5637
(er faßt die Ketten, sie aufzuschließen.)
5638
Margarete auf den Knieen.
5639
Wer hat dir Henker diese Macht
5640
Ueber mich gegeben!
5641
Du holst mich schon um Mitternacht.
5642
Erbarme dich und laß mich leben!
5643
Ist's morgen früh nicht zeitig genung?
5644
(sie steht auf.)
5645
Bin ich doch noch so jung, so jung!
5646
Und soll schon sterben!
5647
Schön war ich auch, und das war mein Verderben.
5648
Nah war der Freund, nun ist er weit,
5649
Zerrissen liegt der Kranz, die Blumen zerstreut.
5650
Fasse mich nicht so gewaltsam an!
5651
Schone mich! Was hab' ich dir gethan?
5652
Laß mich nicht vergebens flehen,
5653
Hab' ich dich doch mein Tage nicht gesehen!
5654
Faust.
5655
Werd' ich den Jammer überstehen!
5656
Margarete.
5657
Ich bin nun ganz in deiner Macht.
5658
Laß mich nur erst das Kind noch tränken.
5659
Ich herzt' es diese ganze Nacht;
5660
Sie nahmen mir's um mich zu kränken
5661
Und sagen nun, ich hätt' es umgebracht.
5662
Und niemals werd' ich wieder froh.
5663
Sie singen Lieder auf mich! Es ist bös von den Leuten!
5664
Ein altes Mährchen endigt so,
5665
Wer heißt sie's deuten?
5666
Faust wirft sich nieder.
5667
Ein Liebender liegt dir zu Füßen
5668
Die Jammerknechtschaft aufzuschließen.
5669
Margarete wirft sich zu ihm.
5670
O laß uns knien die Heil'gen anzurufen!
5671
Sieh! unter diesen Stufen,
5672
Unter der Schwelle
5673
Siedet die Hölle!
5674
Der Böse,
5675
Mit furchtbarem Grimme,
5676
Macht ein Getöse!
5677
Faust laut.
5678
Gretchen! Gretchen!
5679
Margarete aufmerksam.
5680
Das war des Freundes Stimme!
5681
(Sie springt auf. Die Ketten fallen ab.)
5682
Wo ist er? ich hab' ihn rufen hören.
5683
Ich bin frey! mir soll niemand wehren.
5684
An seinen Hals will ich fliegen,
5685
An seinem Busen liegen!
5686
Er rief Gretchen! Er stand auf der Schwelle.
5687
Mitten durch's Heulen und Klappen der Hölle,
5688
Durch den grimmigen, teuflischen Hohn,
5689
Erkannt' ich den süßen, den liebenden Ton.
5690
Faust.
5691
Ich bin's!
5692
Margarete.
5693
Du bist's! O sag' es noch einmal!
5694
(ihn fassend.)
5695
Er ist's! Er ist's! Wohin ist alle Qual?
5696
Wohin die Angst des Kerkers? der Ketten?
5697
Du bist's! Kommst mich zu retten.
5698
Ich bin gerettet! --
5699
Schon ist die Straße wieder da,
5700
Auf der ich dich zum erstenmale sah.
5701
Und der heitere Garten,
5702
Wo ich und Marthe deiner warten.
5703
Faust (fortstrebend.)
5704
Komm mit! Komm mit!
5705
Margarete.
5706
O weile!
5707
Weil' ich doch so gern wo du weilest.
5708
(liebkosend.)
5709
Faust.
5710
Eile!
5711
Wenn du nicht eilest,
5712
Werden wir's theuer büßen müssen.
5713
Margarete.
5714
Wie? du kannst nicht mehr küssen?
5715
Mein Freund, so kurz von mir entfernt,
5716
Und hast's Küssen verlernt?
5717
Warum wird mir an deinem Halse so bang?
5718
Wenn sonst von deinen Worten, deinen Blicken
5719
Ein ganzer Himmel mich überdrang,
5720
Und du mich küßtest als wolltest du mich ersticken.
5721
Küsse mich!
5722
Sonst küss' ich dich!
5723
(Sie umfaßt ihn.)
5724
O weh! deine Lippen sind kalt,
5725
Sind stumm.
5726
Wo ist dein Lieben
5727
Geblieben?
5728
Wer brachte mich drum?
5729
(sie wendet sich von ihm.)
5730
Faust.
5731
Komm! Folge mir! Liebchen fasse Muth!
5732
Ich herze dich mit tausendfacher Glut,
5733
Nur folge mir! Ich bitte dich nur dieß!
5734
Margarete zu ihm gewendet.
5735
Und bist du's denn? Und bist du's auch gewiß.
5736
Faust.
5737
Ich bin's! Komm mit!
5738
Margarete.
5739
Du machst die Fesseln los,
5740
Nimmst wieder mich in deinen Schoos.
5741
Wie kommt es, daß du dich vor mir nicht scheust? --
5742
Und weißt du denn, mein Freund, wen du befreyst?
5743
Faust.
5744
Komm! komm! schon weicht die tiefe Nacht.
5745
Margarete.
5746
Meine Mutter hab' ich umgebracht,
5747
Mein Kind hab' ich ertränkt.
5748
War es nicht dir und mir geschenkt?
5749
Dir auch -- Du bist's! ich glaub' es kaum.
5750
Gieb deine Hand! Es ist kein Traum!
5751
Deine liebe Hand! -- Ach aber sie ist feucht!
5752
Wische sie ab! Wie mich däucht
5753
Ist Blut dran.
5754
Ach Gott! was hast du gethan!
5755
Stecke den Degen ein,
5756
Ich bitte dich drum!
5757
Faust.
5758
Laß das Vergang'ne vergangen seyn,
5759
Du bringst mich um.
5760
Margarete.
5761
Nein, du mußt übrig bleiben!
5762
Ich will dir die Gräber beschreiben,
5763
Für die mußt du sorgen
5764
Gleich morgen;
5765
Der Mutter den besten Platz geben,
5766
Meinen Bruder sogleich darneben,
5767
Mich ein wenig bey Seit',
5768
Nur nicht gar zu weit!
5769
Und das Kleine mir an die rechte Brust.
5770
Niemand wird sonst bey mir liegen! --
5771
Mich an deine Seite zu schmiegen
5772
Das war ein süßes, ein holdes Glück!
5773
Aber es will mir nicht mehr gelingen,
5774
Mir ist's als müßt' ich mich zu dir zwingen,
5775
Als stießest du mich von dir zurück.
5776
Und doch bist du's und blickst so gut, so fromm.
5777
Faust.
5778
Fühlst du daß ich es bin, so komm!
5779
Margarete.
5780
Dahinaus?
5781
Faust.
5782
In's Freye.
5783
Margarete.
5784
Ist das Grab drauß',
5785
Lauert der Tod; so komm!
5786
Von hier in's ewige Ruhebett
5787
Und weiter keinen Schritt --
5788
Du gehst nun fort? O Heinrich könnt' ich mit!
5789
Faust.
5790
Du kannst! So wolle nur! die Thür steht offen.
5791
Margarete.
5792
Ich darf nicht fort; für mich ist nichts zu hoffen.
5793
Was hilft es fliehn? sie lauern doch mir auf.
5794
Es ist so elend betteln zu müssen,
5795
Und noch dazu mit bösem Gewissen!
5796
Es ist so elend in der Fremde schweifen
5797
Und sie werden mich doch ergreifen!
5798
Faust.
5799
Ich bleibe bey dir.
5800
Margarete.
5801
Geschwind! Geschwind!
5802
Rette dein armes Kind.
5803
Fort! immer den Weg
5804
Am Bach hinauf,
5805
Ueber den Steg,
5806
In den Wald hinein,
5807
Links wo die Planke steht,
5808
Im Teich.
5809
Faß es nur gleich!
5810
Es will sich heben,
5811
Es zappelt noch,
5812
Rette! rette!
5813
Faust.
5814
Besinne dich doch!
5815
Nur Einen Schritt, so bist du frey!
5816
Margarete.
5817
Wären wir nur den Berg vorbey!
5818
Da sitzt meine Mutter auf einem Stein,
5819
Es faßt mich kalt beym Schopfe!
5820
Da sizt meine Mutter auf einem Stein
5821
Und wackelt mit dem Kopfe;
5822
Sie winkt nicht, sie nickt nicht, der Kopf ist ihr schwer,
5823
Sie schlief so lange, sie wacht nicht mehr.
5824
Sie schlief damit wir uns freuten.
5825
Es waren glückliche Zeiten!
5826
Faust.
5827
Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen;
5828
So wag' ich's dich hinweg zu tragen.
5829
Margarete.
5830
Laß mich! Nein, ich leide keine Gewalt!
5831
Fasse mich nicht so mörderisch an!
5832
Sonst hab' ich dir ja alles zu lieb gethan.
5833
Faust.
5834
Der Tag graut! Liebchen! Liebchen!
5835
Margarete.
5836
Tag! Ja es wird Tag! der letzte Tag dringt herein!
5837
Mein Hochzeittag sollt' es seyn!
5838
Sag Niemand daß du schon bey Gretchen warst.
5839
Weh meinem Kranze!
5840
Es ist eben geschehn!
5841
Wir werden uns wiedersehn;
5842
Aber nicht beym Tanze.
5843
Die Menge drängt sich, man hört sie nicht.
5844
Der Platz, die Gassen
5845
Können sie nicht fassen.
5846
Die Glocke ruft, das Stäbchen bricht.
5847
Wie sie mich binden und packen!
5848
Zum Blutstuhl bin ich schon entrückt.
5849
Schon zuckt nach jedem Nacken
5850
Die Schärfe die nach meinem zückt.
5851
Stumm liegt die Welt wie das Grab!
5852
Faust.
5853
O wär' ich nie geboren!
5854
Mephistopheles erscheint draußen.
5855
Auf! oder ihr seyd verloren.
5856
Unnützes Zagen! Zaudern und Plaudern!
5857
Meine Pferde schaudern,
5858
Der Morgen dämmert auf.
5859
Margarete.
5860
Was steigt aus dem Boden herauf?
5861
Der! der! Schicke ihn fort!
5862
Was will der an dem heiligen Ort?
5863
Er will mich!
5864
Faust.
5865
Du sollst leben!
5866
Margarete.
5867
Gericht Gottes! dir hab' ich mich übergeben!
5868
Mephistopheles zu Faust.
5869
Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.
5870
Margarete.
5871
Dein bin ich, Vater! Rette mich!
5872
Ihr Engel! Ihr heiligen Schaaren,
5873
Lagert euch umher, mich zu bewahren!
5874
Heinrich! Mir graut's vor dir.
5875
Mephistopheles.
5876
Sie ist gerichtet!
5877
Stimme von oben.
5878
Ist gerettet!
5879
Mephistopheles zu Faust.
5880
Her zu mir!
5881
(verschwindet mit Faust.)
5882
Stimme von innen, verhallend.
5883
Heinrich! Heinrich!
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